Timanowskaja erhält Visum

In Sicherheit vor Lukaschenko

Von Patrick Welter und Christoph Becker
02.08.2021
, 20:07
Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja mit zwei Polizisten am Sonntag im Flughafen in Tokio
Die belarussische Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja erhält von der polnischen Botschaft in Tokio ein humanitäres Visum. Aufzeichnungen belasten zwei Trainer der 24-Jährigen.

Kristina Timanowskaja, die belarussische Sprinterin, die vom Nationalen Olympischen Komitee ihres Landes zur Heimreise gezwungen werden sollte und so ihr 200-Meter-Rennen im Olympiastadion von Tokio verpasst hat, kann nach Polen ausreisen. Die polnische Regierung stellte ihr am Montag ein Visum aus. Der stellvertretende Außenminister Polens, Marcin Przydacz, hatte bereits am Sonntag, während sich Timanowskaja am Tokioter Flughafen Haneda in Polizeigewahrsam begab, getwittert, Polen biete ihr ein humanitäres Visum und die Freiheit an, in Polen ihre Karriere fortzusetzen. Fernsehbilder des japanischen Senders NHK zeigten am Montag, wie Kristina Timanowskaja die polnische Botschaft in Tokio betrat. Unterdessen wurde bekannt, dass ihr Mann und ihr kleines Kind Belarus über die ukrainische Grenze verlassen haben und in Sicherheit vor etwaigen Repressalien des Regimes von Diktator Alexandr Lukaschenko sind.

Am Montagmorgen hatten die japanische Regierung und das Internationale Olympische Komitee in Tokio bestätigt, dass sich Timanowskaja in Sicherheit befinde. Regierungssprecher Katsunobu Kato hatte erklärt, dass die Sportlerin mit Hilfe relevanter Organisationen in Sicherheit sei. Man arbeite daran, ihre Intentionen und Wünsche zu bestätigen. Das IOC habe am Montagmorgen abermals Kontakt mit ihr gehabt, sagte IOC-Sprecher Mark Adams vor Journalisten. „Sie fühlt sich sicher“, sagte Adams. In der Nacht hatte IOC-Direktor James Macleod mit Timanowskaja am Flughafen gesprochen, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sei ebenfalls eingeschaltet.

Zu den Hintergründen des Falls machte IOC-Sprecher Adams keine näheren Angaben, auch blieb offen, wie die Athletin am Sonntag nach ihren eigenen Angaben gegen ihren Willen vom belarussischen Team aus dem olympischen Dorf zum Flughafen Haneda gebracht werden konnte, von wo sie via Istanbul nach Minsk fliegen sollte. „Wir wissen nicht, was am Sonntagabend im olympischen Dorf passiert ist“, sagte der Sprecher des Organisationskomitees, Masa Takaya auf Berichte, dass die Sportlerin gekidnappt worden sei. Nach den olympischen Regeln ist das IOC für die Sicherheit der Sportler im olympischen Dorf verantwortlich. Das belarussische Olympische Komitee hatte erklärt, es sei auf Anraten von Ärzten beschlossen worden, Timanowskaja wegen ihres „emotionalen, seelischen Zustands“ aus dem olympischen Team herauszunehmen. Das IOC hat vom belarussischen NOK eine Stellungnahme angefordert. Offen ist, ob japanische Behörden strafrechtliche Ermittlungen einleiten.

Am Montagmorgen versuchte Timanowskaja, mit einem Eilantrag bei der Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportschiedsgericht CAS einen Start im 200-Meter-Rennen zu erreichen, den ihr ihre Trainer verwehrt hatten. Der CAS lehnte ab, sah keine Beweise. Derweil veröffentlichte die russisch- und englischsprachige Internetplattform Meduza mit Sitz in Riga eine Aufnahme – und deren Transkript –, die zunächst auf Youtube gepostet wurde und auf der drei Personen zu hören sind: Timanowskaja, Cheftrainer Juri Moissewitsch und der stellvertretende Leiter des Trainingszentrums der belarussischen Leichtathleten, Artur Schumak. Meduza verweist darauf, dass Timanowskaja die Authentizität der Aufnahme noch nicht bestätigt habe. Zu hören ist, wie die beiden Offiziellen Timanowskaja, die zuvor die belarussische Mannschaftsführung in sozialen Netzwerken kritisiert hatte, unter Druck setzen, um sie zum Rückzug aus Tokio zu bewegen. „Folgende Instruktion ist eingegangen: Du fliegst nach Hause“, sagt die Stimme, die Meduza Schumak zuordnet. „Um die Lage zu beruhigen, musst du einfach aufhören zu reden. Du musst vom Sender“, heißt es von der Moissewitsch zugeordneten Stimme. Er fordert zudem zunächst 350, dann 150 Dollar Tagegeld zurück, die Timanowskaja nicht mehr zustünden. Sie wird darauf hingewiesen, dass der Minister sie wegen Befehlsverweigerung belangen könnte, sollte sie nicht die Rückreise antreten. Um sie vom Rückzug zu überzeugen, wird ihr das Verhalten der russischen Armee nach der Schlacht von Borodino 1812 und die Preisgabe Moskaus an Napoleon Bonapartes Truppen referiert. Sie solle ihren Stolz beiseiteschieben, ansonsten könnte es ihr „leider wie Selbstmördern“ ergehen.

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Der belarussische Diktator Alexandr Lukaschenko hatte die Führung des Nationalen Olympischen Komitees des Landes im vergangenen Jahr abgeben müssen, nachdem oppositionelle Sportler das IOC auf die Verfolgung, Inhaftierung und Misshandlung von Sportlern aufmerksam gemacht hatten. Die Sportler hatten sich im Zuge der Proteste gegen die durch Lukaschenko und seine Exekutivorgane niedergeschlagenen Proteste nach der Präsidentenwahl vom August 2020 gegen den Machthaber in Minsk und für Demokratie ausgesprochen. Die von ihm gewählte Nachfolge, seinen Sohn Viktor zum NOK-Präsidenten zu machen, erkennt das IOC nicht an. Alexandr und Viktor Lukaschenko sind von allen olympischen Aktivitäten ausgeschlossen, ihnen wurde damit auch die Reise zu den Spielen nach Tokio verwehrt. Zudem wurden Belarus nach Protesten oppositioneller Sportler einige internationale Sportveranstaltungen entzogen, darunter die Ko-Gastgeberschaft der Eishockey-WM im Mai. Noch vor zwei Jahren hatten die European Games in Minsk stattgefunden, und Europas NOK hatten dem Diktator die Ehre erwiesen. IOC-Präsident Thomas Bach hatte Lukaschenko zu der Veranstaltung persönlich in Minsk gratuliert.

Der Diktator hatte die seiner Ansicht nach ungenügenden Leistungen des belarussischen Teams in Tokio am Donnerstag scharf kritisiert. „Kein anderes Land gibt so viel Geld für Sportler aus. Was für Ergebnisse haben wir? Wir haben komplett vergessen, dass das Land und das Volk Sportler sehen wollen, die Medaillen gewinnen. Wir versagen, weil wir nicht verhungern“, sagte Lukaschenko in einem Vergleich, den er auf afrikanische Länder bezog, wie die ihn zitierende staatlichen Nachrichtenagentur Belta berichtet. Belarussische Sportler haben bislang eine Gold- und eine Bronzemedaille gewonnen. Etliche belarussische Sportler haben, weil sie sich der Opposition gegen Lukaschenko angeschlossen haben, ihren Platz im belarussischen Sportsystem verloren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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Christoph Becker
Sportredakteur.
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