Afghanische Athleten

Zwischen Krieg, Covid und Olympia

Von Alexander Davydov
22.07.2021
, 17:11
afghanische Athlet Fahim Anwari
Fehlende Infrastruktur, katastrophale Sicherheitslage: Für afghanische Sportler ist der Weg nach Tokio besonders schwer. Denn Trainieren im eigenen Land ist häufig undenkbar. Der Traum von Olympia aber bleibt ungebrochen.

Wann immer Fahim Anwari in ein Schwimmbecken springt, hat er seinen Traum von Olympia mit dabei. Seine Brust ziert eine Tätowierung der fünf bunten, ineinander verwobenen Ringe. Die olympischen Ringe. Anwari wird Afghanistan als erster Schwimmer bei den Sommerspielen vertreten. „In meiner Heimat haben wir als Athleten täglich mit unzähligen Problemen zu kämpfen“, sagt er. „Aber wir geben uns nicht der Verzweiflung hin und versuchen, mit den wenigen Mitteln, die wir vor Ort haben, weiter zu trainieren.“

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Die fehlende Infrastruktur sei nur ein Missstand von vielen, sagt Anwari. Schwerer wiegt derzeit die fragile Sicherheitslage, welche die gesamte Bevölkerung betrifft. Seit mehr als vier Jahrzehnten folgt in Afghanistan ein blutiger Konflikt auf den nächsten, Millionen Menschen starben oder mussten fliehen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Mit dem Abzug der internationalen Truppen sind die radikal-islamischen Taliban auf dem Vormarsch und drohen, das Land wieder in ihre Gewalt zu bringen. Zusätzlich zwingen die Folgen der Corona-Pandemie das zerrüttete Land in die Knie. Die dritte Welle bringt die schwache medizinische Versorgung an die Belastungsgrenze und darüber hinaus.

Zwischen Krieg und Covid ist die Hoffnung auf einen Wandel zum Guten rar gesät. Fahim Anwari versucht, sich von der grimmigen Lage in seiner Heimat nicht beirren zu lassen. Er konzentriert sich auf sein Ziel: ein international erfolgreicher afghanischer Schwimmer zu sein. Doch die Heimat bietet dafür kaum Perspektiven: „Die Regierung sollte uns eigentlich besser unterstützen, finanziell und materiell“, sagt Anwari. „Um in einer sicheren Umgebung sportlich wachsen zu können, müssen wir aber letztlich unsere Heimat verlassen.“

Training außer Landes

Mit Hilfe eines Sportförderungsprogramms des Schwimmweltverbandes FINA trainiert Anwari derzeit in der russischen Stadt Kasan. Für Tokio hat er eine „Wildcard“ bekommen und wird über 50 Meter Freistil an den Start gehen: „Ich bin sehr stolz, mein Land zu repräsentieren und in einem großen internationalen Wettbewerb teilnehmen zu können, dass ich die Stärke und das Talent der afghanischen Jugend unter Beweis stellen kann“, sagt er.

Afghanistan hat vielversprechende Athleten. Doch die instabile Lage des Landes macht es manchmal für sie zur unüberwindbaren Herausforderung, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. 1999 schloss das Internationale Olympische Komitee (IOC) Afghanistan von den Sommerspielen in Sydney aus. Die Gründe für das IOC: der fortdauernde Bürgerkrieg und die Unterdrückung der Frauen durch die Taliban.

Die afghanische Radrennfahrerin Masomah Ali Zada: Sie tritt für das internationale Flüchtlingsteam bei Olympia an.
Die afghanische Radrennfahrerin Masomah Ali Zada: Sie tritt für das internationale Flüchtlingsteam bei Olympia an. Bild: AFP

Nach dem Sturz der Terrororganisation wurde Afghanistan 2002 wieder vom IOC aufgenommen. Zwei Jahre später traten mit der Judoka Friba Razayee und Leichtathletin Robina Muqimyar bei den Sommerspielen in Athen die ersten afghanischen Athletinnen an. Die Zwänge durch „rigide definierte, patriarchale Geschlechterrollen“ seien immer noch hoch, schrieb Razayee auf ihrem privaten Blog. Der Widerstand gegen afghanische Sportlerinnen sei sehr präsent. 2008 sorgte der Fall der Leichtathletin Mahbooba Ahadgar international für Aufsehen. Die 19-Jährige floh aus einem Trainingslager in Italien, nachdem sie Morddrohungen von Extremisten erhalten hatte.

Teil des Olympia-Flüchtlingsteams

Auch Radrennfahrerin Masomah Ali Zada und die Judokämpferin Nigara Shaheen mussten ihre Heimat verlassen. In Tokio haben die afghanischen Athletinnen dennoch die Chance, bei Olympia anzutreten – als Teil des internationalen Olympia-Flüchtlingsteams.

Auch die Corona-Pandemie verschlechtert die Möglichkeiten für afghanische Athleten. Wegen positiver Testergebnisse verpassten zwei Taekwondo-Kämpferinnen die Qualifikation für die Sommerspiele. Der Ausfall trifft dabei ausgerechnet Athleten einer Disziplin, in der Afghanistan mit den beiden Bronzemedaillen von Rohullah Nikpai 2008 und 2012 die bisher größten Erfolge bei Olympia verzeichnen konnte. Tausende Fans bejubelten den Kämpfer damals bei seiner Ankunft in Kabul als Nationalhelden.

Über die „Wildcard“ bei den Spielen

Und so lastet die vielleicht größte Hoffnung des afghanischen Olympischen Komitees auf Farzad Mansouri. Der 19-Jährige konnte sich über eine sogenannte „Wildcard“ für die Spiele qualifizieren – als Einziger des von Corona geplagten afghanischen Taekwondo-Teams.

Auch Schwimmer Anwari sehnt sich nach einem Platz auf dem Podest: „Ich träume davon, eine Medaille zu gewinnen und die Flagge meiner Heimat hochhalten zu können“, sagt er. Es wird ein Traum bleiben. Anwari tritt über 50 Meter Freistil an, am zweiten Wochenende der Spiele, seine Meldezeit (27,88 Sekunden) liegt knapp sieben Sekunden über dem Weltrekord (20,91 Sekunden). Doch Anwari verliert nicht die Zuversicht. In den kommenden Tagen will er gemeinsam mit den restlichen vier Athleten, die das afghanische Team ausmachen, seiner geschundenen Heimat einen lang ersehnten Hoffnungsschimmer geben; und sei es nur mit der Teilnahme.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Sportredakteur.
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