Eishockey bei Olympia

Nicht noch mal wie in Peking

Von Bernd Schwickerath
21.02.2022
, 22:02
Verdienter Olympiasieger: Suomi stellt derzeit das beste Eishockey-Team der Welt
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Finnland erringt Gold im Eishockey, aber der Sieg sorgt auch für Debatten über die Zukunft des Sports. Denn dieses Olympia-Turnier stellt einen Tiefpunkt für das internationale Eishockey dar.
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Wenn es in Finnland etwas zu feiern gibt, ist die Havis Amanda immer ein passender Ort. Seit mehr als 100 Jahren wacht die Meerjungfrau über den Brunnen auf dem Kauppatori, dem großen Marktplatz im Zentrum der Hauptstadt Helsinki. Und regelmäßig ist die Statue umgeben von singenden, tanzenden und trinkenden Menschen.

Olympische Winterspiele 2022

Wie am Sonntagmorgen, weil in mehr als 6000 Kilometer Entfernung etwas Historisches geschehen war: 2:1 gewann die finnische Mannschaft das Eishockey-Finale von Peking gegen die russischen Athleten und wurde damit erstmals Olympiasieger. „Wir haben finnische Sportgeschichte geschrieben“, sagte Trainer Jukka Jalonen. Und das wurde entsprechend gefeiert. In der Heimat ebenso wie in Peking: Schnell kursierten im Internet erste Kabinen-Videos von Männern mit nichts am Körper außer Tiefschutz, Goldmedaille und Sektflasche.

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Sechs Spiele, sechs Siege

Dass da ein verdienter Sieger jubelte, daran gab es keine Zweifel: Sechs Spiele, sechs Siege, beste Offensive, beste Defensive – die selten spektakulären, aber stets disziplinierten Finnen setzten in Peking die Maßstäbe. Im Finale gestatteten sie den Russen gerade mal 17 Torschüsse. Weil sie ihr System der engen Räume perfekt umsetzten. Kein Einzelfall: Seit 2014 gewann Finnland 20 Medaillen bei Männern, Frauen, U20 und U18, acht davon waren goldene. Im Verhältnis zur Größe des Landes – nur knapp 5,5 Millionen Einwohner – halten viele in der Branche Finnland mittlerweile für die beste Eishockey-Nation der Welt. Der Olympiasieg war da nur das neueste Argument.

Der ist allerdings mit einem Sternchen versehen. Luc Tardif, seit September Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF, versuchte in Peking zwar gegenzusteuern: „Am Ende wird die Goldmedaille immer den gleichen Wert haben.“ Aber das änderte nichts am Umstand, dass dieses Männer-Turnier ein Tiefpunkt für das internationale Eishockey darstellte: Ein chinesisches Team, für das die Regeln gebeugt wurden, damit es zahlreiche Nordamerikaner einbürgern kann, um vor den Augen von Partei und Ausland nicht gedemütigt zu werden. Viele zähe Spiele in fast leeren Hallen, weil die meisten Teams wenig Interesse für Offensiveishockey zeigten. Und vor allem: Die IIHF als einziger Fachverband, der es nicht schaffte, die besten Athleten nach Peking zu bringen, die nordamerikanische Profiliga NHL gab ihr Personal nicht frei.

2026 in Mailand soll das wieder anders laufen. Tardif sei „optimistisch“, dort wieder die Stars der Szene begrüßen zu dürfen. Und darüber brauche es spätestens 2025 Klarheit, nicht wie dieses Mal, als die Absage erst wenige Wochen vor den Spielen kam. So forsch wie sein Vorgänger Rene Fasel, der häufiger Ansagen an die NHL verteilte und sich dabei mehr als eine blutige Nase holte, trat Tardif allerdings nicht auf. Auch ihm ist klar, dass die NHL die Fäden im Welteishockey in den Händen hält: „Wenn sie nicht kommen, wäre es ein großes Problem.“

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Denn wie wollen der Sport und damit die Verbände weltweit wachsen, wenn es über Jahre keinen internationalen Vergleich der Besten gibt? Die jährliche WM bietet den ebenso wenig wie 2018 und 2022 Olympia. Letztmals in Bestbesetzung traten Nationalteams 2016 in Toronto an, beim World Cup of Hockey, eine Art eigene WM der NHL: Sie organisiert, sie lädt ein, sie behält die Einnahmen.

© Eurosport

Ums Geld geht es immer zwischen NHL, IIHF und Internationalem Olympischen Komitee (IOC). 2022 mag die Pandemie eine Rolle bei der Absage gespielt haben, aber die großen Streitthemen lauten Vermarktungsrechte, Versicherungen, Reisekosten. Die NHL-Bosse sahen schon 2018 nicht ein, warum sie ihre Saison für ein Turnier unterbrechen sollen, bei dem ihre hoch bezahlten Angestellten Geld für andere einspielen.

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Kritiker erachten das als zu kurz gedacht: Diverse Sportarten beweisen ja, dass Ligen von großen Länder-Turnieren profitieren können. Das wissen sie natürlich auch bei der NHL, deswegen schlug NHL-Chef Gary Bettman jüngst vor, Eishockey zu den Sommerspielen zu verlegen, was Tardif aber ablehnt. Umso überraschender sind die Pläne der NHL für einen neuen World Cup. Der soll im Februar 2024 stattfinden. Auch für den müsste dann die Saison unterbrochen werden, aber wenn die Einnahmen auf die richtigen Konten fließen, ist das vielleicht gar nicht mehr so schlimm.

© Eurosport

Die IIHF überlegt derweil, wie es bei Olympia weitergeht. Das Frauen-Turnier soll von zehn auf zwölf Nationen ausgeweitet werden. Und künftig könnte auch Drei-gegen-Drei olympisch werden, was es im „normalen“ Eishockey bislang nur in Verlängerungen gibt. Weniger Spieler auf dem Eis bedeuten mehr Platz und mehr Torszenen. Das spreche neue Zielgruppen an und sei auch für kleinere Nationen interessant. Solche, die nur wenige Spieler auf gehobenem Niveau und beim Fünf-gegen-Fünf keine Chance haben.

„Viele Sportarten machten so etwas Ähnliches“, sagte IIHF-Vize Petr Briza, „Rugby mit sieben Spielern, Volleyball mit Beachvolleyball oder Drei-gegen-Drei-Basketball.“ Getestet wurde Drei-gegen-Drei-Eishockey bereits 2020 bei den Olympischen Jugendspielen in Lausanne. Auch 2024 in Südkorea soll es dabei sein. Ob das irgendwann auch für die Winterspiele der Erwachsenen gilt, steht noch in den Sternen. Fest steht nur: Ein Eishockey-Turnier wie 2022 in Peking soll es nicht mehr geben.

Quelle: F.A.Z.
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