Olympia 2022 in Peking

Dürfen Sportler sagen, was sie denken?

Von Christoph Becker
25.01.2022
, 14:07
Nach 2008 leuchten die Olympischen Ringe schon wieder in Peking.
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Bald beginnen die Winterspiele 2022 in Peking. Vor dem Start stellen sich einige Fragen. Warum schon wieder Olympia in China? Geht das gut mit Omikron? Und liegt überhaupt Schnee?
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Nicht einmal 5000 Tage liegen zwischen der Schlussfeier 2008 und der Eröffnungsfeier 2022 in Peking. Die China-Spiele steigen auch deshalb, weil demokratisch regierte Länder absagten.

1. Warum schon wieder Olympia in China?

Noch schneller war Olympia nur in Innsbruck zurück: Die Stadt in Österreich richtete nach 1964 auch die Winterspiele 1976 aus. Wenn es in Peking offiziell losgeht mit der Eröffnungsfeier am 4. Februar, liegt die Schlussfeier der Sommerspiele von 2008 keine 5000 Tage zurück. Da kann man schon ins Schwärmen kommen: „Peking bereitet sich darauf vor, Geschichte zu schreiben“, erzählte Thomas Bach schon im Oktober, als er dem chinesischen Staatsfernsehen in einem dreiminütigen Video zum Start von dessen Olympia-Kanal gratulierte.

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Sommer- und Winterspiele in derselben Stadt, das gab es noch nie. Die Idee hatten auch der Deutsche Olympische Sportbund und die bayerische Landeshauptstadt München, doch weder dort noch in Garmisch-Partenkirchen noch den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden wollte sich eine Mehrheit der Bürger bei der Befragung im November 2013 dafür erwärmen. Am Ende der Bewerbungsperiode hatten auch die demokratisch regierten Städte Krakau, Lemberg, Oslo, Stockholm und Sankt Moritz Bachs IOC abgesagt, dem schließlich im Juli 2015 die Wahl zwischen den Diktaturen Kasachstan (Almaty) und China blieb.

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Peking wurde gekürt – im zweiten Wahlgang, nachdem Bach nach dem ersten wegen angeblicher technischer Schwächen der Abstimmungstablets vom Olympia-Sponsor Samsung und zu vieler abgegebener Stimmen eine Wahlwiederholung mit Stift und Zettel angewiesen hatte. Im zweiten Versuch passte die Stimmenzahl. Die Chinesen freute es und die europäischen Skihersteller, Schneekanonenproduzenten und Seilbahnbauer freuten sich mit. So viel Marktpotential. Oder wie es Thomas Bach sagt: „Die Olympischen Winterspiele 2022 erfüllen Chinas Vision mit Leben, 300 Millionen Menschen mit Wintersport zu beschäftigen.“

2. Wer kommt nicht nach Peking?

Zum Beispiel jene Tibeter und Uiguren, die vor der Verfolgung durch die Kommunistische Partei Chinas ins Ausland geflohen sind. Der Umgang der Olympia-Gastgeber mit den muslimischen Minderheiten, insbesondere in der Provinz Xinjiang, wo China nach Ansicht von Völkerrechtlern Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht, manche Juristen sehen auch den Tatbestand des Völkermords erfüllt, wird zudem von den Regierungen jener westlichen Länder angeführt, die einen „diplomatischen Boykott“ gegen die Winterspiele erklärt haben: die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Kanada, Belgien, Dänemark, die Niederlande und Japan.

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Litauen sieht sich wegen seiner Taiwan-Politik massivem wirtschaftlichen Druck Chinas ausgesetzt und erklärte, deshalb keine Politiker zu den Spielen zu schicken. Die baltischen Nachbarn Estland und Lettland schlossen sich an. Schweden führte die Corona-Pandemie als Grund an. Eine einheitliche EU-Linie scheiterte vor allem am Widerstand des kommenden Olympia-Gastgebers Frankreich, allerdings klingt auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nicht, als wolle er den Gastgebern explizit deutlich machen, warum kein deutsches Regierungsmitglied zu den Spielen reist.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und Innenministerin Nancy Faeser (SPD) erklärten, sie würden fernbleiben. Baerbock verwies darauf, dass Außenminister üblicherweise nicht zu den Spielen fahren, Faeser bleibt „schon aus Pandemiegründen“ fern. Wer kommt? Wladimir Putin. Der russische Präsident wurde von Xi Jinping eingeladen und unterläuft so die vom IOC wegen des russischen Staats-Dopings verhängte Olympia-Sperre.

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3. Dürfen Sportler sagen, was sie denken?

Selbstverständlich! Jedenfalls, wenn sie wieder zurück sind aus China. Für die Zeit in China wiederum rät die Sportlervertretung Global Athlete dringend ab und prangert an, dass es vom Internationalen Olympischen Komitee keinerlei expliziten Sicherheitsgarantien gebe. Die Ausführungen des chinesischen Olympia-Organisators Yang Shu, stellvertretender Direktor für internationale Beziehungen im Organisationskomitee, zuletzt lassen sich jedenfalls durchaus als Drohung lesen: „Jedes Verhalten oder jede Aussage, die dem olympischen Geist widersprechen, unterliegen einer bestimmten Bestrafung, vor allem, wenn sie gegen chinesische Gesetze und Regeln verstoßen.“

Nach den Sommerspielen vor 14 Jahren sind es nun die Winterspiele.
Nach den Sommerspielen vor 14 Jahren sind es nun die Winterspiele. Bild: AP

Wenn man nur wüsste, welchen chinesischen Gesetzen der olympische Geist immanent ist – womöglich allen? „Die chinesischen Gesetze sind sehr vage, was Gesetzesverstöße durch freie Meinungsäußerung angeht“, sagte Yaqiu Wang, China-Forscherin bei Human Rights Watch, vor einigen Tagen. „Es gibt alle möglichen Straftatbestände, unter die man friedliche, aber kritische Kommentare subsumieren kann. Und die Verurteilungsrate liegt in China bei 99 Prozent.“

In der Olympia-App, die in der die Peking-Reisenden ihren Gesundheitsstatus hinterlegen sollen, haben Forscher des renommierten Citizen Lab der Universität Toronto neben erwartbaren wie eklatanten Sicherheitslücken auch eine Datei entdeckt, mit der sich, würde sie aktiviert, die Nachrichtenrubrik der App leicht zensieren ließe. Sie ist gefüllt mit 2442 Worten, hauptsächlich chinesischen Begriffen, die etwa auf Streitigkeiten in der chinesischen KP Bezug nehmen, aber auch tibetischen, uigurischen und englischen.

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4. Olympia und Omikron – geht das gut?

Die größte Hürde für Sportlerinnen und Sportler vor den Spielen könnten die drei PCR-Tests auf das Coronavirus sein, die Grundlage für die Schlüssel zu den Zimmern im Athletendorf sind. Zwei Tests müssen an den Tagen vor dem Abflug genommen werden, der dritte nach der Ankunft in Peking. Viel diskutiert in diesen Wochen, in denen Omikron auch in den diversen Winter-Weltcups die Startlisten diktiert: der sehr hohe Ct-Wert 40, den ein PCR-Test aufweisen muss, bevor ihn die chinesischen Gesundheitsbehörden als negativ einstufen.

Die Angst vor Omikron überschattet Olympia in China.
Die Angst vor Omikron überschattet Olympia in China. Bild: Reuters

In Europa und Nordamerika wird ein niedrigerer Wert für ein negatives Ergebnis angesetzt. Insbesondere Sportler, die sich in jüngerer Zeit mit Covid-19 infiziert haben, müssen Sorge haben, dass sie vor Abflug negativ, bei Ankunft in China allerdings positiv getestet werden. Nachdem es mehreren Journalisten, unter anderem zwei Mitarbeiterinnen von Radio Canada, die bereits nach Peking gereist sind, so ergangen war, dass die anschließenden Tests in China fielen mal negativ, mal positiv ausfielen, gab das Organisationskomitee bekannt, dass künftig ein Ct-Wert von unter 40, aber über 35 zur Folge habe, dass Betroffene nicht in Quarantäne müssen, sondern wie sogenannte nahe Kontaktpersonen behandelt werden.

Sie müssen sich sieben Tage lang im Zimmer isolieren, allein essen, allein zum Wettkampf fahren und werden alle zwölf Stunden PCR getestet und müssen, im Falle der Sportler, sechs Stunden vor dem Wettkampf einen weiteren PCR-Test abgeben. Die chinesischen Gastgeber haben derweil zweierlei bekannt gegeben: Omikron ist unter Pekings strikt von der Olympia-Blase getrennter Bevölkerung angekommen - angeblich per Post aus Kanada. Und Zuschauergruppen werden eingeladen. Eintrittskarten gibt es auch für diese Spiele nicht zu kaufen.

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5. Liegt überhaupt Schnee?

Am Wochenende fielen tatsächlich einige Flocken vom Himmel über der chinesischen Hauptstadt. Ein seltenes Wetterphänomen, auch in den Bergen von Zhangjiakou und Yanqing, wo die nordischen und alpinen Skiwettbewerbe stattfinden werden. In den halbtrockenen ostchinesischen Gebirgslandschaften schneit es in den kalten Wintern nur rund fünf Zentimeter im Jahresmittel. Schon deshalb hatten, siehe Frage eins, neben Ski-Produzenten und Seilbahnbauern eben auch die Schneekanonenbetreiber ein gutes Geschäft mit Peking 2022 und darüber hinaus bejubelt.

Vor den Winterspielen kommt der Schnee aus der Kanone.
Vor den Winterspielen kommt der Schnee aus der Kanone. Bild: AP

Die Kehrseite: Eine Million Kubikmeter Wasser werden in der trockenen Region für Olympias Alpinpisten gebraucht, hatte das ZDF Anfang Januar ausgerechnet - und das in einer Gegend, die unter erheblicher Wasserknappheit leidet. Die Berge, die für die Spiele beschneit werden – und jene, auf denen die längste Bob- und Rodelbahn gebaut wurde, die Olympia je gesehen hat –, waren zudem bis zur Vergabe Teil eines Naturreservats. Auch insofern haben sich die chinesischen Gastgeber den Gepflogenheiten angepasst, die Winterspiele mit sich bringen: Peking setzt eine Tradition fort, die nicht erst in Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018 begonnen wurde.

Der am 14. Januar vorgestellte Nachhaltigkeitsbericht des IOC verweist unter anderem auf klimaneutrale Spiele, aufgeforstete Ersatzgrünflächen und Niedrigenergiebusse. Die Ostasiensektion von Greenpeace lobte zu diesem Anlass die Bemühungen insbesondere hinsichtlich der Verbesserung der Luftqualität - und forderte gleichzeitig, dass die gesamte Region und nicht nur das Olympia-Projekt von Entschlossenheit zu grüner Entwicklung profitieren müsse. Zu Uiguren in Zwangsarbeit und Lagerhaft sagt der Nachhaltigkeitsbericht nichts. Er verweist auf Xinjiang lediglich in Bezug auf die Entwicklung von Skigebieten dort. In Chinas Westen liegt natürlicher Schnee.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Becker, Christoph
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