Russische Eiskunstläuferin

Walijewa meldet sich nach Olympia-Drama zu Wort

21.02.2022
, 19:24
Die erst 15 Jahre alte Eiskunstläuferin Kamila Walijewa stand bei Olympia im Mittelpunkt.
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Nach der verpatzten Olympia-Kür der 15 Jahre alten Kamila Walijewa stand auch die Trainerin stark in der Kritik. Nun äußert sich die Eiskunstläuferin erstmals öffentlich – und wählt erstaunliche Worte.
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Einige Tage nach ihrem Drama in der Kür bei den Olympischen Winterspielen in Peking hat sich Russlands Eiskunstlauf-Star Kamila Walijewa erstmals zu Wort gemeldet und dabei vor allem ihrer umstrittenen Trainerin Eteri Tutberidse gedankt. „Meine ersten Olympischen Spiele sind endlich vorbei, und ich möchte denen danken, die mich zu diesem wichtigsten Ereignis im Leben eines Athleten geführt haben – meinen Trainern“, schrieb die unter Dopingverdacht stehende 15-Jährige am Montag auf Instagram zu einem Bild mit ihr und Tutberidse sowie Daniil Gleichengauz und Sergej Dudakow.

Die drei seien „absolute Meister“ ihres Fachs. „Und sie trainieren nicht nur, sondern lehren uns auch, uns selbst zu überwinden, was nicht nur im Sport, sondern auch im Leben hilft. Mit ihnen an meiner Seite fühle ich mich sicher und in der Lage, jede Prüfung zu bestehen. Danke, dass ihr mir helft, stark zu sein“, schrieb Walijewa weiter, die sich auch bei ihrem Team, ihrem Land und den Menschen auf der ganzen Welt dankte: „Ich werde mich immer daran erinnern, euch dankbar sein und für euch Eislaufen.“

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Walijewa hatte mit dem russischen Team Gold im Mannschaftswettbewerb gewonnen. Danach durfte sie nach einem tagelangen Wirbel um eine positive Dopingprobe im Einzel starten, führte nach dem Kurzprogramm, hielt dann aber dem massiven öffentlichen Druck nicht stand und verpasste als Vierte eine Medaille. Von ihrer 47 Jahre alten Trainerin Tutberidse erhielt die weinende Walijewa danach keinen Trost, sondern harsche Worte. „Warum hast du alles so aus den Händen gegeben? Warum hast du aufgehört zu kämpfen? Erklär mir das! Nach dem Axel hast du es aus den Händen gegeben“, ist auf der Tonspur des Fernsehens zu hören.

„Mir lief es kalt über den Rücken“

IOC-Chef Thomas Bach hatte das Verhalten von Tutberidse kritisiert. „Als ich gesehen habe, wie sie von ihrem Umfeld empfangen wurde, mit etwas, was mir wie eine enorme Kälte vorkam – mir lief es kalt über den Rücken, zu sehen, was da geschah“, hatte Bach gesagt. „Statt sie zu trösten, statt ihr zu helfen, nachdem was geschehen war, konnte man spüren, wie eiskalt die Atmosphäre war. Solch eine Distanz zu erleben, wenn man sich nur die Körpersprache dieser Person angeschaut hat, hat sich das nur noch in der Vorstellung verschlimmert.“

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In einer Dopingprobe Walijewas vom 25. Dezember war der verbotene Stoffwechsel-Modulator Trimetazidin entdeckt worden. Ausgewertet war die Probe aber erst am 8. Februar – einen Tag nach dem Sieg des Russischen Olympischen Komitees (ROC) um Walijewa im Teamwettbewerb. Die Medaillen in dieser Konkurrenz wurden wegen des ungeklärten Falls in Peking nicht vergeben.

Trainerin Tutberidse reagierte verwundert auf die Kritik von Bach an ihrem Verhalten. „Ich bin immer noch ratlos im Bezug auf die Bewertung unserer Arbeit durch den geschätzten Herrn Bach“, schrieb sie bei Instagram. Die 47-Jährige unterstützte in dem sozialen Netzwerk einen offenen Brief des russischen Trainers Alexander Schulin an Bach. Darin äußerte sich Schulin „überrascht“ von der Reaktion des IOC-Präsidenten. Tutberidse habe seit 2014 sechs Medaillengewinnerinnen bei Olympia und vier Olympiasiegerinnen trainiert. „Sie weiß wahrscheinlich, wie und was sie ihren Schülerinnen nach ihren Auftritten sagen muss“, schrieb Schulin.

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Nach dem tagelangen Wirbel war Walijewa mit Jubel und Applaus von Fans in Moskau empfangen worden. Russische Medien veröffentlichten am vergangenen Freitag Videos von der Ankunft der Europameisterin am Flughafen Scheremetjewo. Zu sehen war, wie Anhänger Fahnen schwenkten, Porträts der Sportlerin hoch hielten und laut „Dankeschön“ riefen.

Walijewa weint nach der verpatzten Kür, links ihre Trainerin Eteri Tutberidse, rechts Trainer Daniil Gleichengauz.
Walijewa weint nach der verpatzten Kür, links ihre Trainerin Eteri Tutberidse, rechts Trainer Daniil Gleichengauz. Bild: AP

Walijewa bekam auch Blumen. Sie äußerte sich selbst seinerzeit aber nicht vor Kameras. Walijewa trug eine schwarze Corona-Schutzmaske. Zu erkennen war, wie sie sich augenscheinlich über den Empfang freute. Eine Teamkollegin sagte, dass Walijewa auf der Rückreise trotz der Enttäuschung auch schon habe wieder lachen können.

Das verstörende Eiskunstlauf-Drama um Walijewa befeuerte Rufe nach harten Strafen für ihr gefühlskaltes Umfeld und einem Mindestalter für Olympia-Starter befeuert. Als Konsequenz aus dem Skandal drängt das IOC die Weltverbände, die Einführung eines generellen Mindestalters im Spitzensport zu prüfen. „Diese Fragen müssen angegangen werden“, sagte Präsident Bach. Es brauche aber „sorgfältige Überlegungen und Beratungen“. Das IOC werde die Debatte mit den Weltverbänden in Gang bringen. Entscheiden können nur die Fachverbände, nicht das IOC. Bislang gibt es nur in wenigen olympischen Sportarten wie im Turnen ein Mindestalter für Teilnehmer.

Walijewas Anwälte behaupten, das verbotene Dopingmittel könne beim Trinken aus dem Glas des herzkranken Opas in ihren Körper gelangt sein. Selbst der im Umgang mit Russland sonst so diplomatische Bach hält Walijewa für ein Opfer und geht in dem Fall auf Distanz zu dem Land, das für Olympia noch gesperrt ist und dessen Athleten in Peking ohne Flagge und Hymne antreten: als Folge von Dopingvertuschung im großen Stil. „All das vermittelt bei mir kein besonderes Vertrauen in dieses Umfeld von Kamila – weder in Bezug auf die Situation, die sich in der Vergangenheit abgespielt hat, noch die Zukunft“, betonte er.

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Frostig wies Russlands Vizeministerpräsident Dmitri Tschernyschenko die Bach-Kritik als „unangemessen und falsch“ zurück. Er sei zutiefst enttäuscht darüber, einen IOC-Präsidenten zu erleben, „der sein eigenes fiktives Narrativ zu den Gefühlen unserer Athleten spinnt“, sagte der Spitzenpolitiker dem Branchendienst „insidethegames“. Scharf pariert wurde die Bach-Kritik aus Moskau. „Ihm gefällt die Härte unserer Trainer nicht, aber alle wissen, dass im Spitzensport die Rigidität des Trainers der Schlüssel zum Sieg seiner Schützlinge ist“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Der Kreml gratuliere den Medaillengewinnern und rief dazu auf, stolz auf sie zu sein. „Nun ja, Walijewa ist Vierte geworden. Im Hochleistungssport gewinnt eben der Stärkste.“

© Eurosport

Getröstet wurde die junge Europameisterin von der früheren Tutberidse-Schülerin Jewgenia Medwedewa. „Ich bin so glücklich, dass diese Hölle für dich vorbei ist“, postete die Olympia-Zweite von 2018 auf Instagram. „Ich gratuliere dir zum Ende der Winterspiele und hoffe, dass du ruhig leben und atmen kannst.“ Auch aus Deutschland bekam Walijewa Zuspruch. „Meine liebe süße Kamila! Ich bin mir sicher, dass alles, was du durchgemacht hast, dich nur noch stärker machen wird!“, schrieb Paarlauf-Olympiasiegerin Aljona Savchenko ebenfalls auf Instagram. „Du bist die Geisel der Situation.“

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Unterdessen wollen die Anwälte von Walijewa mithilfe der B-Probe ihre Unschuld beweisen. Sie werde die Untersuchung beantragen, da unter anderem ein technischer Fehler des Stockholmer Kontrolllabors bei der Analyse ihres Dopingtests vorgelegen haben könnte, erklärten ihre Juristen. Dies geht aus der 41-seitigen Urteilsbegründung in dem Fall hervor, die der Internationale Sportgerichtshof Cas veröffentlichte. In ihrer Verteidigung verwiesen Walijewas Rechtsbeistände auf die „extrem niedrige Konzentration“ des verbotenen Trimetazidin, das in der A-Probe nachgewiesen worden war.

Nach ihrer Rückkehr wurde Walijewa mit Blumen und Applaus in Moskau empfangen.
Nach ihrer Rückkehr wurde Walijewa mit Blumen und Applaus in Moskau empfangen. Bild: AFP

In der Tragödie um das schutzlos wirkende Schlittschuh-Wunderkind steht aber auch das IOC in der Kritik, das nach Ansicht des Vereins Athleten Deutschland den Schutz von Walijewa hätte gewährleisten müssen. „Es hätte geprüft werden müssen, ob sie in der Verfassung für eine Teilnahme am Wettbewerb war“, sagte Maximilian Klein, Sprecher für internationale Angelegenheiten. Stattdessen hätten alle Beteiligten „organisierte Verantwortungslosigkeit walten und die Athletin sehenden Auges in diese Situation schlittern lassen“. Das internationale Sportsystem dürfe nicht länger Anreize bieten, Athletinnen und Athleten für sportlichen Erfolg auszubeuten und dabei ihre Menschen- und Kinderrechte zu verletzen. „Sie haben ein Recht auf bestmöglichen Schutz und einen humanen Spitzensport“, betonte Klein.

Auch DOSB-Chef Thomas Weikert schmerzte die fehlende Fürsorge für die 15 Jahre alte Sportlerin. „Hier muss das Wohl der Athletin an oberster Stelle stehen“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Für ihn sei es sehr verstörend, die Bilder von ihr zu sehen, „insbesondere die unempathische Reaktion ihrer Trainerin“.

Quelle: tora./dpa
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