<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Wael Shueb träumt von Olympia

Das bewegende Schicksal eines syrischen Karatekämpfers

Von Alex Westhoff
Aktualisiert am 31.03.2020
 - 06:46
Erstmal abwarten: Karatekämpfer Wael Shueb, hier 2015
Als Flüchtling kam Wael Shueb nach Deutschland, als Karatekämpfer wollte er nach Tokio. Hinter ihm liegen Momente des Schreckens. Aber seine Geschichte ist auch ein Beispiel dafür, was Sport bewegen kann.

Für das Training muss er in seiner kleinen Bude zunächst etwas Platz schaffen. Für die Gewichte, die Matte und die Fitnessbänder. Wael Shueb hat eine kleine Bleibe im zu Rödermark gehörenden Urberach, doch viel Zeit hat er dort vor Corona nie verbracht. Er war so gefordert wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann, Karate-Training geben für Kinder und Erwachsene, selbst trainieren wie ein Besessener für die olympische Perspektive. Sein Leben in Südhessen hatte so gar nichts mehr gemein mit seinem vorherigen in Syrien.

Bis die Corona-Krise auch den 32-Jährigen zur Vollbremsung zwang. Nicht nur, dass der Betrieb gestoppt wurde im Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus Eppertshausen, der für ihn mehr als nur eine sportliche Heimat geworden ist. Auch die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio raubten dem Syrer den jahrelangen Fixpunkt seines Tuns.

Im Frühjahr 2018 hatte ihn die Nachricht erreicht, dass er für das „Refugee Olympic Team“ für Tokio 2020, die Flüchtlings-Mannschaft, nominiert worden ist. In seiner Karate-Disziplin, Kata, geht es nicht Mann gegen Mann, sondern es wird in möglichst perfekt choreographierten Bewegungen ein imaginärer Kampf ausgetragen. Die japanische Kampfsportart steht vor ihrer olympischen Premiere in Tokio. Wael war vor zwei Jahren plötzlich ein designierter Olympiateilnehmer. Seine Geschichte taugt als Beispiel dafür, was der Sport bewegen kann. Was dank engagierter Kräfte, die Starthilfe geben und den Weg begleiten, möglich ist. Wie aus einer scheinbar verlorenen Flüchtlingsseele ein selbstbewusster Mann wird, der hervorragend Deutsch gelernt und sich als Athlet auf ein olympiataugliches Niveau gebracht hat.

„Die Verschiebung der Spiele hat auch etwas Positives“, sagt Wael. „So habe ich noch länger Zeit, zu trainieren, mich vorzubereiten und noch besser zu werden. Andererseits haben die vergangenen zwei Jahre mit Blick auf diesen Sommer viel Zeit und Nerven gekostet.“ Eine Zeit, die ihn körperlich und mental an Grenzen geführt hat. Sein Tagesablauf vor Beginn der Corona-Krise habe so ausgesehen, erzählt er: morgens seine erste Trainingseinheit, dann zur Arbeit in einem südhessischen Fitnessstudio, dann nachmittags Training geben für Kinder und Erwachsene bei Lotus Eppertshausen, abends eine zweite Einheit für ihn selbst. Und davor, dazwischen oder danach noch das Lernen für Prüfungen im Rahmen seiner Ausbildung.

Banges Warten auf Antworten

Wael ist froh und dankbar dafür, was er hierzulande aus sich machen darf. Und doch übt er einen Spagat aus, der häufig schmerzhaft ist und seine Motivation manchmal auf harte Proben stellt. Es ist die Sorge und Angst um Familienmitglieder und Freunde in Syrien. Besonders das Schicksal seiner Schwester bestürzt ihn sehr. „Es ist für sie sehr schwer. Ich kann leider kaum etwas für sie tun“, sagt er. Gerade aktuell ist es dramatisch. Waels Schwester, die schon ihren Mann im Krieg verloren hat, zieht allein mit ihren fünf Kindern zwischen 3 und 15 Jahren im türkisch-syrischen Grenzgebiet umher. Immer dorthin, wo die Kampfhandlungen nicht zu heftig sind. Auf Antworten von ihr via Handy-Textnachrichten muss Wael mitunter tagelang warten. In der Provinz Idlib sind Rebellen sowie die syrische, russische und türkische Armee tätig, drei Millionen Zivilisten harren dort unter schlechten humanitären Verhältnissen aus. Die medizinische Infrastruktur liegt in Trümmern, so dass auch dem Coronavirus kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Wael macht sich auch Sorgen um seinen Vater – seine Mutter starb vor Jahren an Krebs –, der im Umland von Damaskus lebt. Dort herrscht wegen des neuartigen Coronavirus eine strikte Ausgangssperre von 18 bis 6 Uhr. Es gibt Tage, an denen Wael dies alles sehr mitnimmt. Aber dann besinnt er sich darauf, dass sein Tun und sein Erfolg in Deutschland Hoffnungen weckt. Für seine Angehörigen, aber auch für andere Flüchtlinge. „Ich versuche, ihnen Kraft zu geben“, sagt er: „Indem ich zeige, was man als Flüchtling erreichen kann.“

Traumatisiert vom Krieg

Im Spätsommer 2015 war er, als er bei Passau die Grenze nach Deutschland passierte und sofort in ein Krankenhaus gebracht wurde, ein verschüchterter, traumatisierter Mann. Über die Balkan-Route war Wael mit der ersten großen Flüchtlingswelle nach Deutschland gespült worden. Traumatisiert vom Krieg in der Heimat, der ihm Familienmitglieder, seinen Sport und scheinbar auch seine Zukunft gestohlen hatte. Körperlich verletzt durch einen brutalen Überfall Krimineller während seiner Flucht. Er erlitt mehrere Knochenbrüche im Gesicht. Das Glück schien ihn vollends verlassen zu haben. Erstaufnahmelager in Gießen, dann weiter in den Hochtaunus nach Neu Anspach. Dort nimmt seine Geschichte die Wende zum Besseren.

Wael wird bei einem Integrationsfest Ernes Erko Kalac vorgestellt. Der Montenegriner mit deutscher Staatsbürgerschaft war einst Weltmeisterschafts- sowie Europameisterschafts-Dritter in Karate, später noch ein international erfolgreicher Kickboxer. Kalac ist Gründer und Vorsitzender von Lotus Eppertshausen, der für seine Arbeit schon manchen Integrationspreis bekommen hat. Er versteht sich vor dem Hintergrund seiner eigenen Fluchtgeschichte während des Jugoslawien-Kriegs darauf, jungen Athleten Starthilfe für das Leben in Deutschland zu geben. Doch die Verbindung der beiden Männer geht weit über Starthilfe hinaus. Kalac’ unerschütterlichem Engagement, großem (Kämpfer-)Herz und stabilem Netzwerk hat Wael zu verdanken, dass er Ausbildung, Traineramt und Olympiaperspektive hat. Der Sport, erzählt Kalac, habe auch ihm einst alle Türen im Leben geöffnet. Kalac ist bis heute Waels Mentor und Vertrauter. „Ich bin allein nach Deutschland gekommen mit neuer Kultur, neuen Regeln und Gesetzen. Integrationskurse allein bereiten einen nicht auf das Leben hier vor“, sagt Wael. „Ich brauche noch seine Meinung, sportlich und privat.“ Kalac sagt: „Wael hat in den vergangenen Jahren Enormes geleistet. Er ist ein wahnsinnig großes Geschenk für den Verein – und wir für ihn.“

Am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, wollte das Internationale Olympische Komitee (IOC) bekanntgeben, welche Athleten aus dem Flüchtlingsteam tatsächlich zu den Spielen fahren dürfen. Kalac und Wael haben trotz Verschiebung der Spiele am Donnerstag fristgerecht alle angeforderten Unterlagen samt Passbildern an das IOC geschickt. Unlängst gab es in Räumen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) eine Zusammenkunft aller in Deutschland lebenden Mitglieder des Flüchtlingsteams. Sehr inspirierende und motivierende Stunden habe man gemeinsam verbracht, erzählt Kalac. Der IOC-Vertreter dort habe vermocht, das Feuer für Olympia bei allen weiter zu entfachen.

Der GKV Lotus Eppertshausen ist auf Waels Weg längst an seine Grenzen gestoßen. Nicht zuletzt der Deutsche Karate Verband ist im Rahmen seines kleinen Budgets sehr engagiert. Wael kann an Lehrgängen und Wettkämpfen teilnehmen, Ärzte und Physiotherapeuten in Anspruch nehmen. „Wael ist in superguter Form, er hat sich enorm gesteigert“, sagt Kalac. Wael war bereit für Olympia, in den kommenden Wochen und Monaten wollte er sich den letzten Schliff holen. Er sei nun deutlich stärker als beim größten sportlichen Erfolg seines alten Lebens: Im Jahr 2010 war Wael als Mitglied des syrischen Karate-Nationalkaders WM-Fünfter. In Belgrad fand das Turnier statt. Belgrad war dann 2015 später nur noch eine Zwischenstation auf seiner Flucht. Tokio 2020 sollte so etwas wie die ultimative Station seines Weges werden. „Ich mache weiter“, sagt Wael.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.