Destruktive „Lilien“

Die schaurige Spielweise des SV Darmstadt

Von Alex Westhoff
21.04.2021
, 18:01
Die Abkehr der „Lilien“ vom auf spielerische Dominanz zielenden Ansatz des Trainers Markus Anfang wird immer deutlicher. Schön ist das nicht – aber zumindest teilweise erfolgreich.

Es wirkte, als ob sich Markus Anfang den Auftritt seines Teams versuchte schönzutrinken. Fast fortwährend schraubte der „Lilien“-Trainer an seinen in der Coaching-Zone plazierten Getränkeflaschen und nippte an seinem Wasser. Da strebte sein Team am Dienstagabend einem Zweitliga-Auswärtssieg in Würzburg entgegen, und Anfang stand das Unbehagen ins Gesicht geschrieben, er schimpfte und haderte.

Mit so einer destruktiven Art Fußball zu spielen, so schien es, möchte Anfang eigentlich nicht in Verbindung gebracht werden. Wurde er zeit seiner Trainerkarriere bislang auch noch nicht. Denn ob in der Jugend von Bayer Leverkusen oder bei den Profis von Holstein Kiel und dem 1. FC Köln – Anfangs Mannschaften legten Wert auf Passqualität und Spielfreude. Dieses Feld hat der SV Darmstadt 98 bei den Würzburger Kickers nachhaltig geräumt.

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Die vor Wochen erfolgte Abkehr vom einst auf spielerische Dominanz zielenden Anfang-Ansatz wurde noch nie so deutlich wie am Dienstagabend. Aber: Die mitunter schaurige Spielweise führte zu einem 3:1-Erfolg beim mainfränkischen Tabellenletzten. Und dieser Sieg – der Zweck heiligt die Darmstädter Mittel – führte den SVD an die Schwelle zum gesicherten Klassenverbleib. 39 Punkte sind nun am Böllenfalltor auf der Habenseite, 14 Zähler kamen allein aus den vergangenen sieben Partien hinzu. „Das ist super für uns“, sagte Anfang.

Nur bei ebenjenem Blick auf die Gesamtsituation hellte sich Anfangs Miene auf. Seine Nachbetrachtung des Arbeitsabend auf dem Spielfeld kam ohne Lob aus. „Wir sind nicht in unser Spiel reingekommen“, sagte Anfang bei der Pressekonferenz und fügte dann an: „Eigentlich sind wir das fast über die gesamte Spielzeit nicht.“ Wie schnell bei den Darmstädtern gegen einen äußerst limitierten Gegner Ballverlust auf Ballverlust folgte, wie Pässe genau im Fuß des Gegners und Flanken sowie Standardsituationen im Nirgendwo landeten, das war schon schwer erträglich. „Wir haben nicht ansatzweise das gespielt, was wir spielen können“, sagte Innenverteidiger Immanuel Höhn.

Der Faktor Glück

Doch haben die „Lilien“ nach diesem tabellarisch gewinnbringenden Abend ein nicht zu widerlegendes Argument auf ihrer Seite, das sie in verschiedenen Varianten auch zum Einsatz brachten. Und zwar die Erzählung von der angeblichen ausgleichenden Gerechtigkeit im Laufe einer Saison. In vielen anderen Spielen hätten die „Lilien“ die Punkte eher verdient gehabt, haben sie aber nicht eingefahren, sagte Anfang. Und Höhn schlussfolgerte: „Die anderen Mannschaften haben danach aber auch nicht gefragt, ob sie besser waren als wir oder nicht.“

So bleibt nach dem Sieg beim Schlusslicht die Erkenntnis, das die Darmstädter den Faktor Glück auch mal bemühen können und dass sie über einen guten Ersatztorwart verfügen. Carl Klaus zeigte drei gute Paraden bei Großchancen der Würzburger, die eigentlich 1:0 und später 2:1 hätten in Führung gehen müssen. Bei den effektiven Darmstädtern dagegen sprang aus dem einzigen stringenten Angriff der ersten Halbzeit ein Handelfmeter heraus, der für die Kickers wie eine bittere Pointe schwarzen Humors gewirkt haben muss.

Und den Serdar Dursun für seinen 19. Saisontreffer nutzte. Nach dem Wechsel erlitten die Südhessen bei einer Serie von Würzburger Standardsituationen einen Kontrollverlust: Dietz (63.) traf zum verdienten Ausgleich. Doch die Gelb-Rote Karte gegen den Van La Parra (67.) und die vergebene Topchance von Pieringer (69.) ließen die Kräfte der Mainfranken erlahmen. SVD-Offensivmann Tim Skarke profitierte bei seinem Treffer (79.) von einem hanebüchenen Abwehrschnitzer der Würzburger, Felix Platte hatte in der Nachspielzeit bei einem Konter freie Bahn bei seinem Tor zum 3:1-Endstand.

Quelle: F.A.Z.
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