Arslan bei Darmstadt 98

Ungewohnte Höhenluft

Von Alex Westhoff
18.07.2020
, 15:16
Ensar Arslan gilt als großes Talent, seinem Umfeld scheint der Erfolg zu Kopf gestiegen sein. Nach zähen Verhandlungen hat er sich nun offenbar mit Darmstadt auf einen neuen Vertrag geeinigt.

Es war eine Szene für „Lilien“-Freunde mit fußballromantischer Ader. Es lief die 86. Minute im letzten Saisonheimspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden. Ensar Arslan kommt an der Strafraumgrenze an den Ball und steht nach sehenswertem Doppelpass sieben Meter allein vor dem Torhüter. Wohl niemand hätte es Arslan krummgenommen, wenn er mit 18 Jahren diese Chance auf sein erstes Zweitliga-Tor gesucht hätte. Doch der Youngster legte den Ball quer, so dass Marcel Heller den Ball nur noch über die Linie zu stupsen brauchte. Fußballromantisch betrachtet: eine Ko-Produktion der Darmstädter Zukunft (Arslan) und der Vergangenheit durch den 34-jährigen Heller, den letzten Spieler im Kader, der den Aufstieg von Liga drei bis eins (2013 bis 2015) erlebt hat.

Dass Heller beim SVD passé ist, ist durch den ausgelaufenen und nicht verlängerten Vertrag verbürgt. Dass Arslan die Zukunft ist, ist nach 16 Zweitligaminuten und dem Stand seiner Entwicklung längst nicht ausgemacht. Es war bis zu dieser Woche noch nicht mal klar, dass der begabte Offensivspieler seine junge Karriere überhaupt am Böllenfalltor fortsetzen wird. „Wir wollen den Jungen gerne weiterverpflichten und zeigen ihm gerade Wege auf, wie seine Zukunft mit und bei Darmstadt 98 aussehen kann. Ich gehe davon aus, dass wir zeitnah etwas vermelden können“, sagt Sportdirektor Carsten Wehlmann, der sich zuletzt ärgerte über das Zeitspiel des Arslan-Lagers.

Vertrag kurz vor Fertigstellung

Nach Informationen der F.A.S. hat Arslan nun seine Zusage gegeben, in Darmstadt vom sogenannten Local Player zum Profi zu werden, das Vertragswerk stehe kurz vor der Fertigstellung. Es hätte kein gutes Licht auf die „Lilien“ geworfen, wenn eines der raren Eigengewächse an der Schwelle zum Profitum sofort das Weite gesucht hätte. Wie man hört, soll das Profidebüt Arslans aber manchem in seinem familiären Umfeld zu Kopf gestiegen sein. In Verkennung, dass selbst im chronisch erhitzten Fußballbusiness 16 Zweitligaminuten eines 18-Jährigen nicht reichen, dass andere Klubs sofort mit gutdotierten Verträgen wedeln.

„Ensar ist reingeworfen worden und hat es in seinen ersten Profiminuten ordentlich gemacht. Aber der Übergang von den A-Junioren zu den Profis ist ein gewaltiger Schritt, dieses Niveau konstant zu bestätigen eine große Herausforderung. Das darf man nicht vergessen“, sagt Wehlmann. Arslan ist gebürtiger Darmstädter, spielte schon in der U 12 und U 13 für die „Lilien“. Dann folgte der Wechsel zur Frankfurter Eintracht, wo es aber nach zwei Jahren nicht weiterging, so dass der Deutschtürke seit der U 14 wieder für den SVD spielt. „Ensar war in allen Jahrgangsstufen ein Leistungsträger. Aber in der abgelaufenen Saison, in seinem zweiten A-Junioren-Jahr, hat er einen richtigen Schub bekommen“, sagt Björn Kopper, Leiter des Darmstädter Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). „Er ist von einem guten Spieler zu einem Führungsspieler geworden, der vorneweg geht, wenn es mal eng wird, und auch mit Worten auf dem Platz mitreißend auf die Mannschaft wirkt.“ Und der mit seiner Torquote beeindruckt hat. In den 16 Hessenliga-Partien bis zum Saisonabbruch hat Arslan 27 Treffer erzielt.

Er war mitentscheidend für den Aufstieg der Mannschaft in die A-Junioren-Bundesliga. Erstmals spielen alle „Lilien“Jugendteams in der höchsten Spielklasse. Dabei hat die Vereinsführung in den Jahren des rasanten Aufschwungs der Profis keinen Hehl daraus gemacht, dass man zunächst mit der Infrastruktur am Böllenfalltor nachziehen wolle – und bei der Nachwuchsförderung nur die Mindestanforderungen erfüllt werden. Seitdem sich der Klub im Profibereich etabliert hat, fließen mehr Mittel ins NLZ. Doch im regionalen Wettbewerb um Talente mit der Eintracht, Mainz, Hoffenheim, Lautern und Wehen spielen die „Lilien“ eine kleine Rolle. Noch hat es kein Eigengewächs in die erste Mannschaft geschafft. Leon Müller hat sein erstes Profijahr beim SVD mit einem Mini-Einsatz am letzten Spieltag verbracht. Silas Zehnder, einst mit Erstliga-Kurzeinsatz, ist nach einer eher freudlosen Leihe zum Viertligaklub Aschaffenburg ans Böllenfalltor zurückgekehrt.

Wie geht es bei Arslan weiter? Sein Umfeld soll sich im Höhenflug nach der Torvorbereitung gegen Wehen Wiesbaden gegen eine Leihe in die dritte oder vierte Liga ausgesprochen haben. Dabei ist dies ein adäquater Weg, um sich im Männerfußball zu akklimatisieren und Spielpraxis zu erhalten. Es wäre nicht erstaunlich, wenn Arslan die Saisonvorbereitung mit dem SVD-Zweitligateam absolviert – und dann leihweise woanders weitermacht.

Quelle: F.A.S.
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