Darmstadt 98 in zweiter Liga

Fußball holsteinischer Prägung

Von Alex Westhoff
24.01.2021
, 09:46
Die „Lilien“ wollen von den Erfolgen Kiels lernen – das ist nicht leicht. Die Lage in Darmstadt vor dem direkten Aufeinandertreffen beider Mannschaften in der zweiten Bundesliga ist Neuland für Trainer Markus Anfang.

Man kann Markus Anfang durchaus als erfolgsverwöhnten Trainer bezeichnen. Dreieinhalb Saisons als verantwortlicher Coach im Profifußball hat der 46-Jährige nunmehr vorzuweisen. Überregional in Erinnerung bleibt vor allem sein Jahr in seiner Heimatstadt beim 1. FC Köln, der ihn zwei Spieltage vor Schluss entließ – als Spitzenreiter, den sicheren Bundesligaaufstieg vor Augen.

2. Bundesliga

Doch Anfangs Profil und seinen Marktwert haben vor allem seine beiden Saisons bei Holstein Kiel modelliert. In der ersten schaffte er den Aufstieg von der dritten in die zweite Liga, in der zweiten stand dem Durchmarsch in die Bundesliga nur Relegationsgegner VfL Wolfsburg entgegen. „Das Umfeld in Kiel ist gut. Das Ziel, sofort nach oben zu kommen, haben wir sofort geschafft“, sagt Anfang. „Für die Karriere eines Trainers ist es natürlich wertvoll, früh Erfolge zu erzielen.“

Anfang hatte sich in seinen holsteinischen Jahren einen sehr guten Namen gemacht. Und ob in Kiel oder Köln, Anfang war mit seinen von ihm offensiv und spielfreudig ausgerichteten Teams immer oben dabei. Die Lage beim SV Darmstadt 98, Anfangs drittem Profiengagement, ist nun Neuland für ihn. (Unteres) Tabellenmittelfeld, quasi seit Saisonbeginn unverändert, drei Niederlagen in Serie – diese ungekannte Negativserie in Anfangs Trainerkarriere drückt aufs Gemüt.

„Die Spielstile ähneln sich“

An diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga sowie bei Sky) empfangen die „Lilien“ am Böllenfalltor Holstein Kiel. Die Norddeutschen sind mit elf Punkten mehr als der SVD mal wieder oben zu finden im Zweitligatableau und nach dem Pokal-Coup gegen den FC Bayern obenauf. „Uns erwarten mit Blick auf das Kieler Spielsystem keine großen Überraschungen. Die Spielstile beider Teams ähneln sich, beide wollen Fußball spielen, streben Dominanz und Ballbesitz an. Es kann ein attraktives interessantes Spiel werden“, sagt SVD-Sportdirektor Carsten Wehlmann. „Markus Anfang hat eine klare Spielidee, die er vorher auch schon hatte. Das ist aber kein Übertrag aus Kiel, sondern der Weg, den wir in Darmstadt verfolgen.“

Aber natürlich steckt in den Südhessen aktuell viel holsteinische Prägung. Nicht nur dass Anfang sich seine Sporen als Trainer dort verdient hat, auch Wehlmann ist jahrelang an der Förde tätig gewesen als Torwarttrainer und Chefscout, ehe er in verantwortlicherer Position ans Böllenfalltor kam. Der aktuelle Kieler Cheftrainer Ole Werner war zu Anfangs und Wehlmanns Zeiten schon Coach der zweiten Kieler Vereinsmannschaft. Man kennt sich und die Strategie des anderen also. Und auch der Darmstädter Kader ist voll von Spielern mit Kieler Vergangenheit: Mathias Honsak, Patrick Herrmann, Aaron Seydel.

Die Wege der beiden Klubs haben aber erst in den vergangenen gemeinsamen Zweitligaspielzeiten begonnen, sich zu kreuzen. Beide Vereine haben gemein, dass sie nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investieren. Bei den aktuellen Geisterspielen fällt es kaum ins Gewicht, dass das Stadion am Böllenfalltor eine Großbaustelle ist. „In Darmstadt ist damals der sportliche Erfolg vorausgeeilt, und jetzt wird die Infrastruktur nachgezogen“, sagt Sportdirektor Wehlmann. „In Kiel war es quasi andersherum: An den infrastrukturellen Bedingungen wurde viel getan, so dass dann im sportlichen Erfolgsfall nur kleine Anpassungen vorgenommen werden mussten.“

Finanziell solide, besonnen auf personelle Kontinuität bei den Entscheidern achtend – die sportliche Hausse ist bei den Nordlichtern kein Zufall. In der Zweitligaspitzengruppe haben sich die „Lilien“ seit dem Erstligaabstieg 2017 dagegen noch nie festsetzen können. Nach Frings, Schuster und Grammozis hat sich mit Anfang der vierte Coach ans Werk gemacht. Die nun folgenden zwei englischen Wochen in Serie werden wegweisend sein. Und um die „Lilien“ wieder zum Erblühen zu bringen, führt der Weg über Kiel. Erst in der Liga daheim und neun Tage später im Pokal-Achtelfinale dann droben an der Küste.

Quelle: F.A.S.
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