Darmstadt-Trainer Grammozis

„Das Menschliche steht an erster Stelle“

Von Alex Westhoff
25.06.2020
, 12:23
Für Dimitrios Grammozis endet das Kapitel Darmstadt 98 am Sonntag mit dem letzten Saisonspiel. Im Interview spricht der Trainer über seine bewegte Zeit bei den „Lilien“, die Entwicklung des Teams – und seine Trennung vom Klub.

Haben Sie Ihre erste Profi-Trainerstation als wilden Ritt empfunden? Rettung vor dem Abstieg in der Vorsaison, in dieser Spielzeit runter auf Rang 17 und dann wieder hoch bis hin zum Aufstiegskampf inklusive gescheiterter Vertragsverhandlungen.

Es waren auf jeden Fall nie langweilige 16 Monate. Ich habe ein noch besseres Bewusstsein dafür bekommen, wie sich die Dinge im Profibereich entwickeln können und vor allem wie schnelllebig er ist. Es war eine ungeheuer tolle Erfahrung, mich als Cheftrainer auf diesem Niveau beweisen zu können. Mich mit all den positiven und negativen Begebenheiten und Mechanismen auseinanderzusetzen.

Woran machen Sie Ihre eigene Weiterentwicklung fest?

Was ich mir auf die Fahnen geschrieben habe, ist, immer offen zu bleiben. Nur wer sich öffnet, kann die Dinge aufsaugen, die einen weiterbringen. Ich habe auch von den Spielern viel gelernt. Zum Beispiel noch besser einzuschätzen, wer wann wie mit seinen Qualitäten die Mannschaft weiterbringt. An welche Spieler man wie lange glaubt und an ihnen festhält, auch wenn sie mal nicht gut im Spiel sind.

Wie sehr muss man Alphatier sein in diesem Job?

Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Ich definiere mich nicht darüber, dass ich Wert darauf lege, von den Spielern gesiezt zu werden. Wichtig ist, sich als Persönlichkeit gut und authentisch zu präsentieren. Nicht so zu agieren, wenn es gut läuft, und anders in schlechten Phasen. Man arbeitet mit Menschen zusammen – das darf man nie vergessen. Das Menschliche steht bei mir immer an erster Stelle. Ich denke, diese Art des Umgangs durch uns im Trainerteam haben die Spieler zu schätzen gewusst.

F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

Samstags um 9.00 Uhr

ANMELDEN

Wie schwer war es, als Nachfolger des defensiv orientierten Dirk Schuster den Auftrag zu erfüllen, frischeren und offensiveren Fußball am Böllenfalltor zu verankern?

Dass die Fans beim gewonnenen Heimspiel gegen Heidenheim mitunter jeden Pass in den eigenen Reihen mit Olé-Rufen gefeiert haben, war natürlich sehr schön. Das spiegelt unsere Entwicklung zu mehr Ballbesitzfußball wider. Aber ich tue mich mit Vergleichen immer schwer. Das wird keinem gerecht. Und die Zeit mit Dirk Schuster hier war eine herausragende Erfolgsgeschichte. Ihm nachzufolgen war eine große Herausforderung.

Der Weg zu flüssigerem und torgefährlicherem Spiel war weit, wenn man sich an die vielen freudlosen Hinrundenpartien erinnert.

Wir wollten der Mannschaft nach zuvor vielen Gegentoren zum einen wieder defensive Stabilität verleihen, damit sie eine verlässliche Basis hat, auf die sie sich immer berufen kann. Und zum anderen danach eine veränderte Struktur und Variabilität reinbringen. Wir wollten schneller in Ballbesitz kommen und dann mehr Aktivität zeigen, wenn wir ihn haben. Dies zu verwirklichen, das war uns immer klar, benötigt Zeit. Als Trainer Vorstellungen zu haben ist das eine, aber man muss den Weg ja mit der Mannschaft zusammen gehen. Die erfolgreiche Rückrunde hat den Spielern gezeigt, dass es richtig war, diesen Weg mit uns einzuschlagen.

War der Schlüsselmoment der Saison im Dezember, als Sie die Grundformation in Gänze weiter nach vorne schoben und somit die Statik hin zu mehr Offensive veränderten?

Es gilt als Trainer die Zeichen der Zeit zu erkennen, wann die Mannschaft reif für den nächsten Schritt ist. Hätten wir ihn zu früh vorgegeben, hätte es wieder Gegentore hageln können. Wäre er zu spät erfolgt, hätten wir vermutlich noch länger Schwierigkeiten gehabt, Torchancen zu kreieren. Entscheidend war, dass die Mannschaft mit der Zeit an unseren Weg geglaubt hat. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Was macht das mit Ihnen gerade, dass Sie die Mannschaft zum zweitbesten Rückrundenteam der Liga gecoacht haben und dennoch in wenigen Tagen den Klub verlassen?

Ich bin froh, dass ich auf einer Topposition stehend gehe. Das ist mir lieber als auf Rang 14, wenn alle Welt von einer verkorksten Saison reden würde. Rückblickend verbinde ich die Zeit mit einigen großartigen, für Darmstadt nicht alltäglichen Siegen. Ich genieße nun die letzten Tage mit den Jungs, um dann für einen guten Abschied am Sonntag in Stuttgart noch mal alles rauszuhauen.

Wie haben Sie es empfunden, dass der Zweijahresvertrag, an dem Ihre Verhandlungen gescheitert sind, Ihrem Nachfolger Markus Anfang gewährt worden ist?

Ich glaube, zu diesem Thema wurde mittlerweile alles gesagt. Es gehört zum Profifußball dazu, dass man sich vielleicht auch mal nicht einigt. Das ist abgehakt.

Wie beschwerlich ist intern eine Arbeitsgemeinschaft, wenn Sie als Trainer von der Zukunftsplanung im Nachbarbüro plötzlich abgeschnitten werden?

Wir hatten die Fronten ganz klar geklärt. Zumal wir ja nicht vom Hof gejagt worden sind, sondern selbst entschieden haben zu gehen. Ich weiß, dass dies Profifußball und nicht Alice im Wunderland ist. Dass wir die Saison unter diesen Voraussetzungen so gut zu Ende gespielt haben, zeigt die Qualität der Zusammenarbeit.

Ist es denkbar, dass mit Ihnen ein abgekartetes Spiel gespielt worden ist? Dass sich die Vereinsführung schon lange auf Markus Anfang festgelegt hatte und Sie gar nicht halten wollte?

Ich kann nur für unsere Seite sprechen. Wir haben immer klar signalisiert, dass wir sehr gerne bleiben und hier etwas entwickeln würden – aber auch gesagt, dass wir unter diesen Voraussetzungen nicht zueinanderfinden werden. Der Verein hat ein Jahr angeboten, ich wollte einen neuen Zweijahresvertrag. So etwas passiert im Fußball, der Laden wird auch ohne mich weiterlaufen. Da darf man sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Wie haben Sie die Spannung bei sich und den Spielern aufrechterhalten in dieser Konstellation, in der Sie auf Abruf standen und für die Spieler gleichzeitig Alibis entstanden?

Der gute Umgang und die gute Kommunikation, die wir von Tag eins gepflegt haben, kam uns zugute nach der Corona-Pause. Dass es so gut laufen würde, hatten wir erhofft, aber in dieser Form nicht erwartet. Wenn wir gesehen hätten, dass ein Bruch entstanden ist, dann wäre die Geschichte vorzeitig beendet worden.

Sie haben durchblicken lassen, dass die Vereinsführung intern deutlich höhere Ziele ausgibt.

Jeder Verein hat Ziele. Ich habe mich klar positioniert und mitgeteilt, was in meinen Augen möglich ist. Ich wusste beim Verein immer, woran ich bin. Und umgekehrt auch.

Also stimmen die internen Vorgaben nicht überein mit denen, die nach außen kommuniziert werden?

In Darmstadt hatte man in der jüngeren Vergangenheit ja auch schwierigere Zeiten. Auch letzte Saison ging es nach unserem Amtsantritt in erster Linie darum, den Abstieg zu vermeiden. Dieser Verein hat einen Umbruch eingeleitet, ebenfalls strukturell abseits des Platzes mit Blick auf das neue Funktionsgebäude, den Stadionumbau und mit neuen Mitarbeitern. Das geht nicht so einfach im Handumdrehen, andere Vereine sind an solchen Konstellationen schon zerbrochen. Wir haben nun in zwei Jahren dem Verein frühzeitig Planungssicherheit verschafft. Wir dürfen uns freuen, dass die sportliche Stabilisierung mit der Weiterentwicklung des Vereins einhergegangen ist.

Wie soll Ihr Vermächtnis nach 16 Monaten aussehen?

Ich möchte in Darmstadt gerne in Erinnerung bleiben, dass die Leute wissen, wofür wir standen. Als Trainer, der immer das Beste aus den Spielern und den Strukturen herausholen wollte und dabei menschlich geblieben ist.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot