Darmstadt-98-Analyse

Reform und Anspruch

Von Alex Westhoff
08.09.2020
, 21:03
Bei Darmstadt 98 werden neue Wege eingeschlagen. Chefcoach Anfang wirkt in seiner neuen Position überzeugend und selbstbewusst. Trotzdem müssen die „Lilien“ noch an einigen Stellen noch nachbessern.

Gewinner der Vorbereitung

Fabian Holland ist die große Konstante bei den „Lilien“. Seit nunmehr sieben Jahren ist er ein Berliner in Südhessen, konkurrenzlos auf seiner Linksverteidigerposition und abermals in seinem Kapitänsamt bestätigt worden. Er ist die Bank der Darmstädter, auch wenn er seit Jahren nicht mehr auf der Bank gesessen hat. Der begabte wie kapriziöse Mittelfeldmann Marin Mehlem ist nach einer überwiegend schwachen Saison an einer wichtigen Wegmarke seiner Karriere angekommen. Der reformierte, auf mehr Ballbesitz drängende Spielstil unter dem neuen Cheftrainer Markus Anfang kommt ihm entgegen. Vom Tribünengast zur wichtigen Kraft? Braydon Manu könnte nach seiner missratenen SVD-Debütsaison eine wichtigere Rolle auf den offensiven Außenbahnen bekommen. Ein ermutigendes Zeichen für die Darmstädter ist die Leihgabe des FC Bayern in Form von Innenverteidiger Lars Lukas Mai. Dass der FCB eines seiner Toptalente zum Reifen ans Böllenfalltor entsendet, spricht dafür, dass man in der Branche Coach Anfang und der Mannschaft eine gute Rolle zutraut.

Verlierer der Vorbereitung

Der wochenlange Ausfall von Matthias Bader (Muskelbündelriss) trifft die Darmstädter hart, war der Rechtsverteidiger in der Rückrunde doch einer der besten Spieler des Teams. Zumal Bader in Köln schon mal unter Trainer Anfang gearbeitet hat, er könnte auf dem Feld den Kollegen wichtige Impulse geben, wie man sich in dem neuen System bewegt. Auch Neuzugang Aaron Seydel wird die ersten Spieltage verpassen – aufgrund einer Schulterverletzung. Bis dahin war Seydel zuzutrauen gewesen, sich einen Startelfplatz zum Pflichtspielauftakt – Pokalmatch beim Drittligaklub 1. FC Magdeburg am Samstag – sichern zu können.

Das ist gut

Der neue Chefcoach Anfang wirkt bislang überzeugend und selbstbewusst, aber nicht selbstgewiss, wie es ihm in seiner vorherigen Station 1. FC Köln mitunter vorgeworfen wurde. In den Testpartien – die Generalprobe beim niederländischen Erstligaklub Vitesse Arnheim am Samstag endete 2:2, den jeweiligen Ausgleich schossen Kempe (73., Elfmeter) und Pfeiffer (89.) – ließen erkennen, dass die Darmstädter taktisch und systemisch erneuert daherkommen. Dass in diesem Sommer, auch coronabedingt, personell viel Kontinuität herrschte, könnte das in der starken Rückrunde aufgebaute Selbstvertrauen des Teams erhalten. Anfang fand für seinen für Darmstädter Verhältnisse neuartigen, auf Ballbesitz und dominantem Spiel aufbauenden Ansatz auf jeden Fall eine funktionierende Basis vor. Und für den neuen Weg offene und empfängliche Spieler. Wenn Serdar Dursun gehalten wird, haben die „Lilien“ einen Torjäger von Topformat in der zweiten Liga – der durch seine Ambition, für die Türkei an der Europameisterschaft 2021 teilzunehmen, extra motiviert sein dürfte.

Das muss besser werden

Die defensive Absicherung nach Ballverlusten und die Verwertung der sich bietenden Torchancen. Eine große Gefahr lauert für die „Lilien“ darin, dass die starke Rückrunde über gewisse Mängel hinweggetäuscht hat und sich als Bürde erweisen könnte. Beim Blick auf die Qualität des Kaders nach den bisher getätigten Transfers – es wäre nicht verwunderlich, wenn es zunächst kein Neuer in die Startelf schafft – gehören die Südhessen nicht wirklich zu den Topteams der Liga. Auch wenn sie in Umfragen in der Branche mitunter in den Aufstiegsfavoritenkreis gehoben werden. Gut möglich, dass der Reformeifer manchen Profi überfordert. Und der neue Ansatz verkraftet es nicht, wenn einzelne Spieler ausscheren aus den Laufwegen. Das Darmstädter Vereinsumfeld hat sich mittlerweile ein gehobeneres Anspruchsdenken angeeignet, was etwaige Fehlschläge zu Beginn in ihrer Wirkung potenzieren könnte.

Quelle: F.A.S.
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