Darmstadt-Profi Serdar Dursun

Ein Nimmersatt im „Lilien“-Gewand

Von Alex Westhoff, Darmstadt
Aktualisiert am 28.11.2020
 - 14:12
Hier jubeln sie zusammen über das 2:0: Serdar Dursun (Mitte) und Tobias Kempe (rechts)
Beim Spiel gegen Eintracht Braunschweig in der zweiten Bundesliga erzielt Angreifer Serdar Dursun zwei Tore – doch das ist ihm nicht genug, er will mehr. Trainer Markus Anfang muss einschreiten.

Serdar Dursun ist ein umgänglicher Mensch, doch auf dem Fußballplatz macht sein ausgeprägter Jagdinstinkt auch vor Mannschaftskollegen nicht halt. Weil Toreschießen sein Lebenselixier ist. Und so würde es nicht verwundern, wenn der Angreifer am Freitagabend nach dem überzeugenden 4:0-Heimsieg der „Lilien“ gegen Eintracht Braunschweig, dem ersten Heimsieg dieser Spielzeit, nicht ganz glücklich ins Bett gegangen ist.

2. Bundesliga

Die Spieldaten weisen zwar einen persönlichen Zweitliga-Feiertag für Dursun aus: zwei Tore erzielt (7. und 34.), für die anderen beiden jeweils den Elfmeter herausgeholt (6. und 36.) – macht einen doppelten Darmstädter Doppelschlag zum Wohle der in den zwei Spielen zuvor arg gerupften Mannschaft. Doch in Dursuns Welt bleibt wohl haften: Es hätten auch vier Treffer für ihn sein können oder zumindest ein lupenreiner Hattrick.

Doch da spielte der Kollege Tobias Kempe nicht mit. Die beiden sind nicht nur die erfolgreichsten Offensivspieler der „Lilien“, sondern auch der Liga. Kempe führt nach neun Spieltagen mit elf Scorerpunkten das Gesamtranking an, Dursun folgt mit neun Punkten auf Rang drei. Für zehn der 16 bisherigen SVD-Treffer sind die beiden verantwortlich. Da kann man sich schon mal ins Gehege kommen, wenn es um so etwas vermeintlich Profanes, weil vor Abpfiff ja Abgesprochenes geht, wer zum Strafstoß antreten darf.

Wie Kleinkinder im Sandkasten

Beim ersten Mal musste der etatmäßige Schütze Kempe schon einiges an Widerstandskraft aufbieten, damit Dursun ihm nicht im Stile eines fußballerischen Langfingers den Ball aus den Händen klaubte. Als Dursun von den in der ersten Halbzeit unsicheren Braunschweiger Verteidigern dann abermals elfmeterreif von den Beinen geholt wurde, konnte der 29-Jährige gar nicht schnell genug aufstehen und sich den Ball schnappen. Der Ball ruhte schon auf dem Punkt, von Dursun mit Händen und Füßen abgeschirmt gegen den zunehmend unwirschen Kempe.

Es wirkte wie ein Duell zweier Kleinkinder um die schönste Schaufel im Sandkasten. Und schließlich schritt SVD-Cheftrainer Markus Anfang ein, wie ein Vater am Spielplatzrand, dem eine Ungerechtigkeit aufgefallen war. Dursun hingegen war überzeugt, mit Sturheit und temporärer Taubheit ans Hattrick-Ziel zu kommen. Doch Anfangs Gebrüll, dass doch Kempe bitteschön schießen solle, war im leeren Rund der Stadionbaustelle am Böllenfalltor für niemanden zu überhören.

Nimmersatt Dursun fügte sich schließlich und sagte nach Abpfiff: „Beim zweiten Elfmeter wollte ich Verantwortung übernehmen, aber wir haben uns beide gut gefühlt, und dann entscheidet der Trainer.“ Dazu muss man wissen: Dursun fühlt sich immer gut im Sinne von selbstbewusst, wenn es ums Toreschießen geht. Das ist, auch wenn es manchmal das Antlitz von Egozentrik trägt, die Schlüsseleigenschaft dafür, dass er sich in Südhessen zu einem herausragenden, weil konstant treffenden Zweitligatorjäger entwickelt hat. Seine Fähigkeit, sich auf das Wesentliche in seinem Jobprofil zu fokussieren, zeichnet ihn aus. Der wahrscheinliche Verlust des Torgaranten (15 Tore im Kalenderjahr 2020) am Saisonende – Vertrag läuft aus, Abwanderungswille ist verbrieft – dürfte die „Lilien“ schon jetzt ängstigen.

Doch zunächst waren die Darmstädter froh, am neunten Spieltag Trends erfolgreich umgekehrt zu haben: die vielen Gegentore zuletzt auf null reduziert auch dank der Aufstellung von drei Innenverteidigern, die Wucht im Angriff wieder gesteigert dank Kempe und Dursun. Mit enormen 76 Prozent Ballbesitz hatten die „Lilien“ das Spiel gegen die schwachen Braunschweiger schon vor der Pause dominiert. „Es tut uns gut, dass wir auch mal ein klares Ergebnis erzielt haben“, sagte Anfang. „Das nehmen wir gerne mit. Wir können aber jetzt nicht sagen: Das war’s jetzt. Sondern wir wollen Konstanz und Stabilität reinkriegen.“

Quelle: F.A.S.
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