Darmstadt-Präsident Fritsch

„Die Spielergehälter sind aus dem Ruder gelaufen“

Von Jörg Daniels
15.08.2020
, 12:16
Rüdiger Fritsch, Präsident des SV Darmstadt 98, spricht im F.A.Z.-Interview über die Bezahlung von Fußballprofis, einen möglichen Verhaltenskodex, Logen im Stadion und persönliche Lektionen aus der Pandemie.

Herr Fritsch, haben Sie in Zeiten der Corona-Pandemie neue Seiten an sich entdeckt?

Die Entschleunigung, die sich durch die Umstände zwangsläufig bei fast jedem eingestellt hat, hat sich auf mein Privatleben positiv ausgewirkt. Ich bin ein bisschen ruhiger geworden und habe Dinge gemacht, für die ich jahrelang keine Zeit hatte oder bei denen ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, sie zu tun. Ich habe seit langem mal wieder Schach gespielt. Und ich war wandern im Taunus, Odenwald und Spessart. Dabei habe ich Dinge reflektieren können und über Sachen nachgedacht, für die in der Hektik des Alltagsgeschäfts sonst keine Zeit geblieben ist. Als Vereinspräsident musste ich mich durch die Kontaktverbote zu Menschen, mit denen ich vorher ständig im Austausch stand, an neue Arbeitsprozesse gewöhnen. Es war eine anstrengende Zeit, die eine gewisse Flexibilität und ein gewisses Improvisieren bedingt hat.

Sind Sie in Zeiten der Ungewissheit ein Mensch, der mit den vielen Unwägbarkeiten gut zurechtkommt? Oder bereitet Ihnen das Probleme?

Nein, ich komme damit relativ gut zurecht. Ich bin ein positiv denkender Mensch. Bei mir ist das Glas immer halbvoll und nicht halbleer. Ich sehe in Entwicklungen, die sich zunächst nicht ändern lassen, immer gewisse Chancen.

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Können Sie in der jetzigen Zeit als Vereinsoberhaupt noch ins Risiko gehen?

Ich glaube, dass man in vertretbarem Maße sogar ins Risiko gehen muss. In Krisensituationen versuche ich eher antizyklisch zu handeln. Finge ich jetzt an, ängstlich und übertrieben defensiv zu agieren, wäre das der falsche Weg. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach richtig, aber natürlich muss man auch mit Seriosität agieren. Die Dinge werden sich verbessern, wenn viele Menschen mit der entsprechenden Gestaltungskraft nach vorne gerichtet handeln und arbeiten. Auf unseren Verein bezogen könnten die Leute in der momentanen Situation sagen: Oh Gott, jetzt setzen die Lilien mit dem Neubau der Haupttribüne den Stadionumbau fort. Aber wir müssen an unseren Zielen festhalten und unsere Pläne weiterverfolgen. Meinem Leben hat diese Denkweise immer gutgetan.

Sind Sie auch der Auffassung, dass der Fußball durch Corona erst am Anfang der Krise steht und dass die schwierigste Zeit auf die Vereine noch zukommt?

In der ersten Phase überhaupt keine Spiele ausgetragen zu haben und sie anschließend ohne Zuschauer stattfinden lassen zu müssen – ich wüsste nicht, was für Profivereine noch schlimmer werden sollte. Das alles hat ja Einfluss auf die betriebswirtschaftliche Seite. Mehr, als dass das Rad stillsteht, geht nicht.

Befürchten Sie, dass das Interesse der Fans am Fußball nachgelassen hat? Manch einer hat jetzt festgestellt, dass er seine Freizeit am Wochenende auch anders verbringen kann.

Ja, das kann ich mir vorstellen. Selbst von Fußballfreunden und Sympathisanten wird der Fußball in der Corona-Krise kritisch und teilweise auch überkritisch gesehen. Aber wir dürfen deshalb nicht in Depression verfallen. Es gilt vielmehr, diese Betrachtungsweise aufzunehmen und aus ihr zu lernen. Stichwort Überkommerzialisierung: Ein entscheidender Punkt sind tatsächlich die nicht mehr im Verhältnis stehenden Spielergehälter und die um den Spielbetrieb herum entstandenen Kosten wie die Honorare für Spielerberater. Bei jedem Verein von groß bis klein sind das jeweils die größten Ausgabenposten. Da müssen wir den Hebel ansetzen. Die Thematik der Spielergehälter ist aus dem Ruder gelaufen.

Täte dem Fußball eine finanzielle Radikaldiät gut?

So wird das nicht funktionieren. Mit dem Aufstellen von Extremforderungen ist keinem geholfen. Das ist eine Form von Provokation. Dadurch würde sich nichts ändern. Der Spieler, der heute die Summe X verdient, ist meines Erachtens nicht doppelt so gut wie der Spieler, der vor zehn Jahren X minus 50 Prozent verdient hat. Sportlich bewegt er sich immer noch auf ähnlichem Niveau. Er bekommt dennoch die Summe XY mehr, das ist der große Unterschied. Nur für die Steigerung bekommt man keine andere Qualität. Es gibt keine nachvollziehbare Wertsteigerung.

Haben Sie in Darmstadt aufgrund der Pandemie das Gehaltsniveau reduzieren müssen?

So einfach ist das nicht. Größtenteils befinden wir uns ja in laufenden Verträgen. Damit sich außerdem grundlegend etwas verändert, muss sich die ganze Branche zusammenraufen. Sie muss zusammenhalten, Solidarität miteinander zeigen und zu einem gemeinsamen Verständnis kommen, wie die Dinge in Zukunft womöglich per Statut oder rechtlich geregelt werden können. Vielleicht können wir einen Code of Conduct (Verhaltenskodex; d. Red.) einziehen, der für alle auf breiter Basis zu beachten wäre. Denn es nutzt nichts, wenn einer als Robin Hood nach vorne prescht, aber dann vom Nachbarverein mit einem Grinsen überboten wird. Dann ginge das Rattenrennen von vorne los und man wäre gezwungen, in diesem Negativzirkelkreislauf weiter mitzumachen. Im Augenblick erkenne ich noch keine Veränderungen im Verhalten der Klubs, obwohl alle Vereine durch die geringeren Fernsehgelder und die fehlenden Zuschauereinnahmen massive Einbußen hinnehmen müssen.

Wie hoch ist der Einnahmeverlust für Ihren Verein, wenn in der kommenden Saison keine Zuschauer zugelassen würden?

Das sind in Darmstadt schon drei bis vier Millionen Euro, es wäre ein massiver Prozentsatz der Einnahmepositionen. Zusammen mit dem um Millionenbeträge heruntergehenden Fernsehgeld reden wir schon von weniger Erlösen im Vergleich zu den vergangenen Jahren von mittleren bis hohen siebenstelligen Beträgen. Und wenn ich weniger Einnahmen habe, muss ich mein Ausgabenverhalten entsprechend ausrichten. Wenn wir jetzt aber versuchen würden, ohne das nötige Geld Wechsel auf die Zukunft abzuschließen, halte ich das für falsch. Für uns steht nach wie vor die kaufmännische Seriosität an erster Stelle. Wir mussten in Darmstadt immer schauen, den mühsam verdienten Euro anständig zu investieren. Im Hinblick auf infrastrukturelle Maßnahmen und die Personalpolitik für unseren Kader konnten wir uns nicht viele Fehlentscheidungen erlauben. Sicherlich haben uns die beiden Jahre in der Bundesliga auch finanziell sehr gutgetan – gekoppelt aber weiterhin mit einem sehr seriösen Ausgabenverhalten. Wir wussten, dass das auf längere Sicht gesehen ein außerordentlicher Ertrag war. Diesen haben wir definitiv nicht sinnlos aus dem Fenster geworfen. Deshalb haben wir jetzt auch die Möglichkeit, mit einer anständigen Selbstbeteiligung ein Stadion auf die Beine zu stellen, das dem Klub für die kommenden Jahrzehnte hoffentlich eine Stabilität geben wird.

Die neue Haupttribüne, die in der Saison 2022/2023 in Betrieb genommen werden soll, wird 19 Logen und knapp 1000 Businessseats haben. Wie beurteilen Sie die Perspektive der Auslastung dieses Angebots?

Die 19 Logen sind relativ wenig im Vergleich zu anderen Vereinen. Andere haben mehr, sie müssen diese allerdings auch loswerden. Wir haben hier wieder nicht überdreht in irgendeinem Euphoriewahn. Stattdessen haben wir geschaut, was wir in Darmstadt realistischerweise vermarktet und verkauft bekommen. Im Zweifel, glaube ich, wird es eine größere Nachfrage geben als das, was wir im Angebot haben. Bei uns ist kein Größenwahn zutage getreten. Wir hätten auch ein Stadion mit 25 oder 26 Logen bauen können – mit dem Risiko, dass man dann davon die Hälfte nicht verkauft.

Was müsste passieren, damit der SVD in Insolvenzgefahr käme?

Es ist wie bei jedem anderen auch: Wenn die Ausgaben nicht mehr durch die Einnahmen gedeckt sind. Wenn über längere Zeit kein Spielbetrieb stattfinden kann, über längere Zeit keine Zuschauer ins Stadion kommen und damit verbunden über längere Zeit die Sponsoreneinnahmen ausfallen würden, dann wird es irgendwann jeden erwischen – am Ende des Tages sogar Bayern München. Nur dass die Bayern einen viel längeren Atem hätten als die meisten anderen Klubs.

Wird der Fußball in seiner bestehenden Art überlebensfähig sein?

Ich bin kein Freund dieser Untergangsszenarien. Kritik am Fußball gab es schon immer. Diese Kritikpunkte sind durch Corona in den Vordergrund gerückt, was ich begrüße. Zwischen den Farben Schwarz und Weiß wird es weitere Facetten geben. Der Fußball ist selbstverständlich überlebensfähig. Er ist und bleibt ein Volkssport in Deutschland und auf der Welt. Trotzdem sind wir aufgerufen, die Funktionsweise des Fußballs an der einen oder anderen Stelle zu überprüfen.

Alle Vereine haben eines gemeinsam: In der neuen Runde wollen sie sich jeweils um mindestens einen Tabellenplatz verbessern. Für den SVD als Fünfter der Vorsaison hieße das, dass er um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen würde.

Jetzt geht es wieder um dieses Thema: Schneller, höher, weiter. Davon sollten wir aber gerade in diesen Zeiten wegkommen, von außen irgendwelche Vorstellungen oder gar Forderungen an die Vereine zu stellen. Wir sollten uns alle ein bisschen zurücknehmen und eine Form von Bescheidenheit walten lassen.

Täuscht der Eindruck, dass Sie mit Markus Anfang einen sehr selbstbewussten Trainer bekommen haben, der in der Öffentlichkeit seinen Standpunkt kundtut, wo sich ein anderer Trainer in vergleichbarer Situation zurückhaltender geben würde?

Der Eindruck täuscht nicht. Aber das gefällt mir, nach vorne zu denken und dabei eine positive Einstellung zu haben. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Mit Bedacht zu fordern und immer an die hundert Prozent gehen zu wollen, beides gehört zu meinem Selbstverständnis.

Quelle: F.A.Z.
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