SV Darmstadt 98

Anfang und die drei Säulen der Arbeit

Von Alex Westhoff, Darmstadt
02.07.2020
, 18:26
Für den neuen Darmstädter Trainer Markus Anfang ist das Ergebnis nicht alles. Die „Lilien“ beenden den Kampf klein gegen groß und wollen Spiele in der zweiten Bundesliga nun aktiv gestalten.

Es war ein fliegender Cheftrainer-Wechsel am Böllenfalltor. Der Alte, Dimitrios Grammozis, hat sein Büro am Montag geräumt, der Neue, Markus Anfang ist am Mittwoch eingezogen. Und wurde am Donnerstag, dem zweiten Arbeitstag nach Vertragsbeginn, offiziell vorgestellt. Natürlich sprach auch Anfang von „viel Potential“ und der „reizvollen Aufgabe“, wie man es als guter Arbeitnehmer so tut. Doch je mehr der 46-Jährige ins Detail ging, desto deutlicher wurde, dass der Zweitligaklub SV Darmstadt 98 einen eloquenten, klaren und selbstbewussten sportlichen Steuermann verpflichtet hat.

Der bei erster Gelegenheit schon kundtat, dass die reinen Resultate, also der Erfolg, in seinen Augen nicht das einzige Kriterium seien. Anfang richte seine Arbeit aus auf „drei Säulen“, wie er sagte. „Das Ergebnis ist nur eine davon. Die anderen sind, dass wir guten Fußball spielen und Spieler weiterentwickeln. Wenn die Fans ein geiles Spiel erlebt und gesehen haben, dass die Spieler leidenschaftlich und mutig spielen, dann sind nicht nur Ergebnisse ausschlaggebend. Aber man wird dann zwangsläufig belohnt. Ich kann nicht zaubern – aber gut arbeiten auf Basis der drei Säulen.“

Der Fußballlehrer hat am Ende seiner Kölner Monate die Erfahrung gemacht, dass vordergründiger sportlicher Erfolg und mitunter spektakulärer Offensivfußball nicht vor Entlassung schützen. Als Zweitligatabellenführer ist Anfang im Mai 2019 kurz vor der Krönung der Saison von seinen Aufgaben entbunden worden – übrigens nach einer Heimniederlage gegen die „Lilien“, die in der Kölner Arena damals ausgelassen den erreichten Klassenverbleib feierten. Bei den Rheinländern hielt man ihm damals zu viele Gegentore und Saisonniederlagen vor und traute ihm nicht zu, die Mannschaft auch in der Bundesliga erfolgversprechend anzuleiten.

Weg vom Großklub „FC“, hin zur Regionalmacht Darmstadt 98. Nach etwas über einem Jahr Abwesenheit von der Profifußball-Bildfläche setzt Anfang, der einen Vertrag bis Juni 2022 unterschrieb, seine Karriere nun einige Nummern kleiner fort. SVD-Sportdirektor Carsten Wehlmann bezeichnete den neuen Mann qua seiner Vita als „absoluten Wunschkandidaten. Es ist ein absoluter Glücksfall, dass wir ihn für Darmstadt 98 gewinnen konnten.“ Anfang kommt zu einem Klub, der gerade auf die zweitbeste Rückrunde aller Zweitligaklubs blickt und mit Rang fünf am Ende die Erwartungen übererfüllt hat.

Dass die Messlatte für ihn nun deutlich höher liegt als bei der Verkündung seines Engagements im März,ficht ihn nicht an. „In einen Verein zu kommen, der positive Erlebnisse hatte, ist gut. Damit ist super umzugehen“, sagte Anfang. Wie mit den Problemen mit Blick auf eine für die zweite Liga insgesamt komplizierte Saison umzugehen ist, darauf konnte der gebürtige Kölner noch keine Antwort wissen. Zeitlich enge Terminierung der Zweitligaspiele bei gleichzeitiger Reduzierung des Kaders und Verringerung des Etats – zwischen diesen drei Polen bewegen sich die Darmstädter Saisonvorbereitungen.

Vereinspräsident Rüdiger Fritsch gab in dieser Woche bekannt, dass niedrigere TV-Erlöse, fehlende Zuschauereinnahmen und sinkende Sponsoreneinnahmen dazu führen werden, den Etat um 2,5 bis vier Millionen Euro abzusenken. In die Kaderplanung war Anfang involviert. Von Grammozis, mit dem er einst in Kaiserslautern gemeinsam spielte, hatte er sich das Okay geholt, mit Spielern in Kontakt zu treten, deren Verträge verlängert werden sollten. Das Präsidium habe er zu Zeiten des Lockdowns per Videokonferenz kennengelernt. Auch mit Wehlmann seien die Formalitäten überwiegend ohne persönlichen Kontakt besprochen worden.

In Darmstadt hat Anfang schon eine Wohnung bezogen, seine Patchwork-Familie mit fünf Kindern im überwiegend schulpflichtigen Alter lässt er in Köln zurück. Zumal in Darmstadt seit 2016 die Zeit der Cheftrainer – Meier, Frings, Schuster, Grammozis – stets schnell abgelaufen ist. Mit Anfang setzten die „Lilien“ auf jeden Fall einen Schlussstrich unter die Zeit, in der Fußball am Böllenfalltor vorwiegend als Maloche und Kampfspiel Klein gegen Groß verstanden worden ist. Der neue Cheftrainer steht für technisch anspruchsvollen, offensiven Fußball. „Ich möchte, dass wir immer aktiv sind auf dem Feld, sowohl im Ballbesitz als auch in der Verteidigung.“

Quelle: F.A.Z.
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