Trainer Markus Anfang

Der Ideengeber von Darmstadt 98

Von Alex Westhoff, Darmstadt
06.07.2020
, 08:32
In Darmstadt wird der neue Trainer Markus Anfang weit mehr schalten und walten können als zuvor. Und dies könnte seinen Stärken im Umgang mit Spielern und in der Weiterentwicklung einer Mannschaft zugutekommen.

Cheftrainer sollten heutzutage Alphatiere sein. Sollten nach innen und außen unverrückbar überzeugt von sich und ihrer Arbeit auftreten. Denn erodiert erstmal die Autorität, ist die Gestaltungskraft in einer Zweckgemeinschaft namens Profifußballmannschaft bald dahin. Mit Markus Anfang haben sich die „Lilien“ einen neuen Chefcoach ins Haus geholt, der vom ersten Tag an verbindlich und tatendurstig auftritt, aber auch keinen Zweifel an seiner Richtlinienkompetenz lässt.

2. Bundesliga

Als Anfang am Donnerstag vorgestellt wurde, lag der Beginn seiner Vertragslaufzeit beim SV Darmstadt 98 keine 48 Stunden zurück. Er kam in einen Zweitligaklub, der gerade eine herausragende Rückrunde mit 32 Punkten gespielt hatte. Zwei Zähler mehr, als die „Lilien“ in ihrer als legendär erachteten Zweitliga-Aufstiegsrückserie 2015 erreicht hatten. Anfang hätte zumindest höflichkeitshalber sagen können, dass er in mancherlei Hinsicht Kontinuität wahren wolle mit einem zuletzt so gut funktionierenden SVD-Ensemble.

Dass er den Erfolgsfaktoren der vergangenen Monate auf den Grund gehen und diese für seinen Ansatz nutzbar machen wolle. Tat er aber nicht. Stattdessen: „Ich finde es schwierig, davon zu sprechen, die Arbeit eines anderen Trainers fortzusetzen.“ Jeder habe seine eigene Art, seine eigenen Ideen. Und seine vorherigen Vereine seien „mit meinen nicht schlecht gefahren“, so der 46-Jährige.

Zwei Mal haben es die „Lilien“ in den vergangenen dreieinhalb Jahren mit Trainer-Newcomern versucht (Torsten Frings, Dimitrios Grammozis), einmal in der Not mit Altbekanntem (Dirk Schuster). Anfang umweht nichts von der latenten Vorsicht und leichten Unsicherheit, die Grammozis nie ganz ablegen konnte. Sein ausgeprägtes Selbstvertrauen haben bei seiner vorigen Station beim 1. FC Köln manche als Standhaftigkeit und manche als Beratungsresistenz aufgefasst. Fakt ist: In Darmstadt wird Anfang weit mehr schalten und walten können – eingehegt von einer recht geräuschlos arbeitenden Vereinsführung, einer überwiegend zahmen Medienlandschaft und einem eher ruhigen und genügsamen Umfeld. Und dies könnte Anfangs Stärken im Umgang mit Spielern und in der Weiterentwicklung einer Mannschaft zugutekommen.

So wie einst bei Holstein Kiel, als sein Trainer-Stern aufging und er nach dem Aufstieg in die zweite Liga fast noch den Durchmarsch erster Klasse erreichte. Als gebürtiger Kölner den großen FC in der zweiten Liga anzuleiten und als Tabellenführer kurz vor Saisonende entlassen zu werden – diese Erfahrungen im Innenleben sowie in der Außenpolitik bei solch einem Klub dürften ihm wertvolle Erkenntnisse geliefert haben. Und so kündigte Anfang an, in Darmstadt das Beste aus Kiel und Köln – „mit einem Mischmasch wären wir gut unterwegs“ – vereinigen zu wollen.

Flexibel und variabel, auf Ballbesitz und Spielkontrolle drängend sind seine Teams aufgetreten. „Und das wird wieder so sein“, so Anfang. In Kiel, sagt er, habe er mitunter zu wenig riskiert. In Köln, wo man ihm mit dem ligaweit besten Kader zu viele Gegentore (47) und Saisonniederlagen (9) vorwarf, dagegen zu viel: „Da haben wir oft gnadenlos auf Sieg gespielt.“ Die Balance aus Offensivdrang und Absicherung sei ein „schmaler Grat“. In Darmstadt will er auf diesem Grat wandeln.

Und wenn man in der neuen Runde am Böllenfalltor weiter vorankommen will, heißt die Steigerung von Platz fünf automatisch: Aufstiegskampf. „Wir haben in den letzten Jahren von Etablieren geredet, freiwillig geben wir nichts mehr her“, sagt Vereinspräsident Rüdiger Fritsch. Doch findet Anfang im „Lilien“-Kader die passenden Spieler für seinen Ansatz? Zumal Stammkräfte verlorengehen könnten. Toptorjäger Serdar Dursun (16 Saisontore) könnte den Klub gegebenenfalls gegen eine adäquate Ablöse verlassen, bei den Stamm-Innenverteidigern Dario Dumic und Nicolai Rapp endete die Leihe.

Dafür finden sich mit Ozegovic, Manu, Wurtz und Berko vier vertraglich gebundene Offensivspieler im Aufgebot, die in der abgelaufenen Spielzeit quasi keine Rolle spielten. „Mir ist nicht nur wichtig, dass ich eine Spielidee habe“, sagt der Fußballlehrer. „Ich möchte das auch immer mit der Mannschaft abstimmen. Ich werde nicht sagen: Das ist das Gerüst, und ihr spielt nur diesen Fußball.“

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot