Darmstadt 98

Wenn nichts funktioniert

Von Alex Westhoff
09.11.2020
, 17:33
Irrwitzige Abspielfehler, leerlaufende Angriffsversuche und schwaches Abwehrverhalten: Darmstadt 98 agiert ohne Plan B gegen Paderborn. Eine ähnliche Niederlage stürzte die Lilien schon einmal in eine veritable Sinnkrise.

Hätte Markus Anfang schwarzen Humor, könnte er seinen Assistenten anweisen, Videomaterial für einen virtuellen Adventskalender des Grauens zu sichten. Und zwar nur aus Szenen von der kapitalen 0:4-Heimniederlage der „Lilien“ gegen den SC Paderborn am Sonntag.

Schnell gefunden wären 24 Bildschnipsel, die irrwitzige Abspielfehler, leerlaufende Offensivversuche und schwaches Abwehrverhalten aufzeigen. Der Darmstädter Cheftrainer Anfang wählte in der Nachbetrachtung einen anderen Weg. Nicht drumherum reden, nicht in Ausflüchte retten, aber auch nicht zu hart ins Gericht gehen mit seiner Mannschaft, welche am siebten Spieltag den ersten voluminösen Rückschlag der Runde erlitt. „Wir waren einfach schlecht, so richtig schlecht“, sagte der 46-Jährige. Es sei ein Tag gewesen, an dem „gar nichts funktioniert hat. Das hat man schon früh draußen gemerkt.“

In der Tat machten die „Lilien“ vom Anpfiff an einen schlappen wie unsicheren Eindruck. Dass der erste Eckball der agilen Ostwestfalen saß, war in der 13. Minute schon keine Überraschung mehr. Auch anschließend rauschte ein Angriff nach dem nächsten auf die hilflose Darmstädter Hintermannschaft zu. Stellt sich die Frage, warum Trainer Anfang nicht spätestens dann eingriff oder warum seine Worte keine stabilisierende Wirkung zeigten? Denn mit ihrem immer zittriger werdenden Kurzpassspiel im Aufbau im eigenen Sechzehnmeterraum manövrierten sich die Darmstädter sehenden Auges in eine Opferrolle.

Die Ostwestfalen brauchten nur aufmerksam Grundlegendes tun: Die Passwege des schwachen Nicolai Rapp zuzustellen und die Ballannahme des indisponierten Victor Palsson zu stören. Anfang sagte später, dass seine Mannschaft nicht von der in den Wochen zuvor recht erfolgreichen spielerischen Linie abweichen sollte. Sie habe vielmehr den „klaren Plan nicht umgesetzt“, wie man die Ketten der Paderborner 4-3-3-Formation überspielt. Auch für sein „permanentes reincoachen“ (Anfang) sei das Team nicht mehr empfänglich gewesen. Und so entstand ein Bild einer in ihrer Spielidee verhafteten Equipe, die immerzu gegen die Wand rannte – ohne daran etwas zu ändern (zu können und wollen).

Weil kein real existierender Plan B vorhanden war, machten die „Lilien“ selbst den Weg frei für den spielentscheidenden Paderborner Doppelschlag (23. und 25. Minute, Saisongegentore Nummer 14 und 15) zum 0:3. „Jede Mannschaft versucht uns hoch anzupressen. Das wollen wir im Prinzip auch, weil wir dann Räume dahinter haben“, sagte Anfang. Nur war seine Viererkette am Sonntag in dieser Besetzung nicht in der Lage, den Ball gezielt in jene Räume zu spielen.

Rechtsverteidiger Patrick Herrmann ist mit seinen Defiziten in Technik und Übersicht in Drucksituationen ein unsicherer Kantonist. Der 20-jährige Adrian Stanilewicz, der den mit dem Coronavirus infizierten Fabian Holland auf links vertrat, war bei seinem Startelfdebüt überfordert und hat nun in zwei Einsätzen zwei Elfmeter verursacht. Und in der Zentrale wackelte neben Rapp auch Lars Lukas Mai. Am Ende hatten die Darmstädter dem SCP 25 Torschüsse ermöglicht und die erste Heimniederlage seit knapp einem Jahr kassiert.

Eine kapitale Niederlage gegen Paderborn hat die „Lilien“ schon mal in eine veritable Sinnkrise gestürzt: Die 2:6-Packung kurz vor Weihnachten 2018 hinterließ damals tiefe Spuren. So weit dürfte es zu Beginn von Anfangs Amtszeit noch nicht sein. Aber es wird interessant sein zu sehen, wie die Darmstädter es wegstecken werden, dass ihre Spielidee an solch harte Grenzen stoßen kann wie am Sonntag.

Quelle: F.A.Z.
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