Bernd Nickel ist tot

„Begnadeter Fußballer“

Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt
27.10.2021
, 16:14
Sie nannten ihn „Dr. Hammer“: Bernd Nickel (1949-2021)
Bernd Nickel, der „Dr. Hammer“ der Eintracht, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Präsident Fischer würdigt ihn als „eine der ganz großen Identifikationsfiguren des Vereins“.
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Der Mann war ein Phänomen. Egal, ob im Training oder im Spiel: Wenn der Ball auf Bernd Nickel zuflog oder der geniale Mittelfeldstratege ihn selbst am Fuß hatte und Richtung gegnerisches Tor führte, war stets Gefahr im Verzug. Nicht für die Eintracht, sondern für die auf der anderen Seite. Nickel, in Frankfurt als „Dr. Hammer“ eine Institution und Legende, zirkelte die Bälle nicht ins Tor. Er hämmerte sie. Mit voller Power, mit voller Inbrunst. Stets zum Wohle der Eintracht, für die er in seiner unvergleichlichen Karriere auch dreimal das Tor des Monats erzielte. Nickel, eine Ikone. Am Mittwoch ist er nach längerer Krankheit verstorben. Er wurde 72 Jahre alt.

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17 Jahre lang trug Nickel den Dress mit dem Adler auf der Brust. Gemeinsam mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein brillierte er in den siebziger Jahren im Mittelfeld der Eintracht. Zweimal, 1974 und 1975, gewann die Eintracht, angeführt von diesem unvergleichlichen Trio, den DFB-Pokal. „Wir haben uns immer gut verstanden. Jeder wusste genau, wie der andere tickt. Wir haben blind miteinander kombiniert“, erinnerte sich Nickel in einem Interview 2019 an die goldenen Siebziger bei der Eintracht. Sechs Jahre nach dem zweiten Pokaltriumph wurde Nickel zum dritten Mal DFB-Pokalsieger. Ein Jahr zuvor gewann er den Uefa-Pokal.

Erfolg war da, wo „Dr. Hammer“ Bernd Nickel am Ball gewesen ist. Sieben Mal landete eine Eintracht-Mannschaft mit dem Kunstschützen in der Bundesliga unter den besten Sechs. Rekord bis heute. Sein Können durfte der Hesse auch in diversen Nationalmannschaften zeigen. Ein Spiel, immerhin, absolvierte er im A-Team. In der B-Auswahl kam Nickel fünf Mal zum Einsatz, einmal in der U23. Am intensivsten war beim Deutschen Fußball-Bund seine Expertise bei Amateur-Länderspielen gefragt, wo er insgesamt 41 Spiele bestritt.

Protagonist der großer Frankfurter Fußball-Zeit: Bernd Nickel (l.), neben Bernd Hölzenbein und Bruno Pezzey
Protagonist der großer Frankfurter Fußball-Zeit: Bernd Nickel (l.), neben Bernd Hölzenbein und Bruno Pezzey Bild: dpa

In dem Jahr, in dem Deutschland im Wembley-Stadion England im Weltmeisterschaftsendspiel unterlag, schloss sich Nickel, vom SV Eisemroth im Lahn-Dill-Kreis kommend, der Eintracht an. In 426 Bundesligaspielen erzielte er 141 Tore. Einzig der heute 75 Jahre alte Hölzenbein, der sechs Spiele weniger als Nickel für die Eintracht absolvierte, war mit 160 Treffern erfolgreicher. Nickel war zu seiner Zeit der torgefährlichste Mittelfeldspieler.

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Seine Tore waren zumeist eine Augenweide – und sie waren wichtig. So wie beispielsweise das 1:0 im Abstiegskampf vor 50 Jahren auswärts bei den Offenbacher Kickers. Am Bieberer Berg schlug Nickel eiskalt und kompromisslos zu, durfte sich kurze Zeit später als Torschütze des Monats feiern lassen und erwies seiner Eintracht einen großen Dienst, denn der Verein blieb erstklassig. Unvergessen auch sein direkt verwandelter Eckstoß in der Spielzeit 1975/76. Damals machte die Eintracht mit dem FC Bayern kurzen Prozess und siegte 6:0. Zur Pause hatte die Eintracht schon fünf Mal zugeschlagen. Nach dem Seitenwechsel nahm Nickel Maß und düpierte den Münchner Nationaltorhüter Sepp Maier. Direkt verwandelte Ecken – das war eine der Spezialitäten von Bernd Nickel, der die Bälle, wie heute oft üblich, nicht schnippelte, sondern stets die Variante volle Pulle wählte. „Dr. Hammer“ eben. Von allen vier Eckpunkten des Frankfurter Waldstadions aus ins gegnerische Tor – so machte es Nickel in weiteren erstklassigen Spielen auch noch gegen den 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen und Fortuna Düsseldorf.

Bernd Nickel war ein großer, mit vielen Gaben gesegneter Fußballspieler. Abseits des Platzes kein Mann der lauten Töne. Einer, der nach aktiven Profizeiten auch auf dem Golfplatz mit kleineren Bällen auf Grüns und Fairways viel Gutes anzufangen wusste. Sein Tod schmerzt, seine Eintracht trauert um ihn. Präsident Peter Fischer sagte am Mittwoch: „Mit Bernd Nickel verlieren wir eine der ganz großen Identifikationsfiguren des Vereins. ‚Dr. Hammer‘ war ein Markenbegriff für die Eintracht. Auf dem Platz hat er mit vielen tollen Toren für große Erfolge gesorgt, aber auch nach seiner Karriere war er ein wichtiger Repräsentant des Vereins.“ Auch Mitspieler Grabowski, der Kapitän der damals großen Eintracht-Mannschaft, zeigte sich betroffen. „Bernd Nickel, den wir immer ‚Nackel‘ nannten, war ganz wichtig für unser Spiel bei der Eintracht. Seine Freistöße waren einmalig, er war ein begnadeter Fußballer. Und das Schöne war, dass wir auch nach der aktiven Zeit enge Freunde geblieben sind. Oft waren wir gemeinsam auf dem Golfplatz.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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