Eintracht-Rückkehrer Rode

Der Winterkönig

Von Marc Heinrich
02.04.2019
, 07:32
Eintracht Frankfurt erobert die Bundesliga im Sturm. Dahinter entpuppt sich Sebastian Rode als passendes Puzzlestück. Der Rückkehrer will noch mehr: „Wir haben Blut geleckt.“

Ganz zum Schluss übernahm David Abraham doch noch eine tragende Rolle. Der Kapitän, der seit Wochen wegen einer Wadenverletzung mehr Zeit bei Ärzten und Physiotherapeuten verbrachte als in der Team-Kabine und diesmal als Ersatzspieler nicht zum Einsatz gekommen war, stellte seine Muskelkraft zur Verfügung und ließ damit den Matchwinner hochleben. Abraham packte tatkräftig mit an, damit sich Filip Kostic vor dem Block der Eintracht-Anhänger in herausgehobener Position feiern lassen konnte. Der Serbe hatte mit seinen beiden Volltreffern, unmittelbar vor dem Pausenpfiff und nach rund einer Stunde, die Mannschaft auf Kurs gebracht. „Ich muss mich bei meinen Mitspielern bedanken. Wenn man so gut in Szene gesetzt wird, ist es leicht, Tore zu schießen“, sagte der 26-Jährige.

Luka Jovic veredelte den Erfolg (84.), als der VfB Stuttgart, der sich anfangs als wehrhafter Gegner präsentierte, längst hatte erkennen müssen, dass es für ihn hier und heute nichts Zählbares mitzunehmen geben würde. Als es galt, den 14. Saisonsieg zu bejubeln, schnappten die Frankfurter Profis ihre Trinkflaschen und spritzen sich wie eine Horde Lausbuben gegenseitig mit Wasser voll – machen sie so zielstrebig weiter wie in allen 14 Auftritten seit der Winterpause, dauert es nicht mehr lange, und es werden Champagnerkorken knallen.

Blick auf die Tabelle

Aktuell sind es 49 Zähler, mit denen sich die Hessen als Tabellenvierter in der Spitzengruppe eingenistet haben. In der Vorsaison, die der Verein als Achter und Pokalsieger überaus respektabel abschloss, stand die gleiche Punktausbeute ganz am Ende zu Buche; jetzt bleiben sieben weitere Gelegenheiten in der Liga, um noch mehr zu erreichen. Die Qualifikation für die Champions League ist ein realistisches Szenario. Und der Vorsprung vor dem ersten Platz, der nicht mehr für die Teilnahme am internationalen Geschäft genügt, beträgt bereits sieben Zähler. Hinzu kommt die Möglichkeit, in der Europa League, in der es kommende Woche gegen Benfica Lissabon im Hinspiel um eine gute Ausgangsposition beim Kampf um den Halbfinaleinzug geht, zusätzlich zu glänzen. „Jetzt ist jedes Spiel schwer. Es geht um die Plazierungen. Bis zum Schluss werden wir alles versuchen“, gab Trainer Adi Hütter als Parole aus.

Sebastian Rode schätzte die Vorstellung vom Sonntag realistisch ein: „Nach einer Länderspielpause ist es immer schwierig, wenn man in ein Spiel als Favorit geht. Deswegen hatten auch wir am Anfang unsere Probleme. Die Stuttgarter haben für ihren Tabellenplatz erstaunlich gut gespielt. Sie wollten sich über viel Ballbesitz nach vorne kombinieren. Man muss dem VfB für seine Leistung Respekt zollen.“ Dass für den Abstiegskandidaten nicht mehr als lobende Worte heraussprang, lag dabei auch an Rode. Mit seiner Zweikampfstärke trug der 28-Jährige Mittelfeldmann zum Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive der Eintracht bei. Er beackerte den Rasen mit einer Inbrunst, das die Stuttgarter vor allem nach dem Seitenwechsel einbremste: „Je länger es ging, desto besser sind wir reingekommen und haben die Tore dann zum richtigen Zeitpunkt gemacht“, sagte Rode. Sein gewinnbringendes Zutun spiegelte sich unter anderem in der Laufbereitschaft (11,68 Kilometer), 75 Ballkontakten und einer Passquote von 85 Prozent.

Dauerläufer im Mittelfeld

Dass sich Rode im Dezember dazu entschloss, Dortmund zu verlassen, das sechsmonatige Ausleihangebot der Eintracht anzunehmen (und dafür auf Geld zu verzichten), wirft schneller als von allen Beteiligten gedacht die gewünschte sportliche Rendite ab. Rode sprach im Zusammenhang mit dem Geschäft mit seiner Person von einer „Win-Win-Situation“, die er anstrebe, um damit im Sommer die Möglichkeit zu erhalten, dauerhaft an den Main zurückzukehren. Erstmals im Laufe seiner wechselhaften Profi-Laufbahn besaß er als Winterkönig diesmal das Gespür fürs passende Timing bei der Karriereplanung.

Als Rode im Sommer 2014 Frankfurt verließ, galt er als eifriges Talent. Er hatte sich bis dahin einen Namen gemacht als nimmermüder Dauerläufer, der darüber hinaus hart zur Sache zu gehen vermochte, über eine solide Technik und Ehrgeiz verfügte. Sein Weg führte zum FC Bayern, wo es an Xabi Alonso oder Thiago kein Vorbeikommen gab. Nicht besser sah es nach seinem Abgang zum BVB aus: Auch aufgrund anhaltender gesundheitliche Probleme konnte er sich nicht dauerhaft behaupten. Erst seit dem Comeback in Frankfurt sieht seine Fußballwelt plötzlich wieder rosarot aus. „Mir geht es gut, jetzt auch öfter über 90 Minuten. Da hoffe ich ebenfalls, dass es so weitergeht“, sagte er am Wochenende. Im zentralen Mittelfeld ist ihm sein Stammplatz, zumal in der gegenwärtigen Verfassung, nicht zu nehmen.

Weitere „geile Spiele“ folgen

Rode bringt als Sechser größeren Biss mit als Mijat Gacinovic. Zudem verfügt er über mehr Vorwärtsdrang als Jonathan de Guzman. Er ist – neben Martin Hinteregger – das Puzzlestück, das Hütter in der Hinrunde noch gefehlt hatte. Rode scheint den Platz fortwährend mit wachem Auge zu scannen, er antizipiert Situationen vor anderen, hetzt jedem verlorenen Ball hinterher und eilt mit Volldampf zurück, wenn es brenzlig wird. Was ihm fehlt – und auch mit dem hohen Energieaufwand zu tun hat, den er als Wachtmeister betreibt: die nötige Ruhe und Konzentration, einen Angriff selbst zu vollenden. Was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, weil andere zuschlagen, die von seinen Hilfsdiensten profitieren.

„Die Klasse haben wir uns über die ganze Runde erarbeitet. Das zeichnet die Qualität der Jungs da vorne aus, dass die Tore auch gemacht werden. In den letzten Spielen haben wir es verpasst, den Deckel früh draufzumachen, heute war es von der Chancenverwertung besser“, bilanzierte Rode die Darbietung gegen Stuttgart. „Wir haben Blut geleckt. Wir haben noch geile Spiele gegen Lissabon und in der Liga – mal schauen, wie weit es uns trägt.“ Noch sei jedoch nichts von bleibendem Wert erreicht, mahnte er zugleich: „Wir müssen noch einige Spiele gewinnen, da steht viel Arbeit vor uns.“ Klang aber ganz danach, dass ihm das gut gefallen würde.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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