Europa League

Eintracht Frankfurt und der Glücksfall Arsenal

Von Tobias Rabe, Frankfurt
Aktualisiert am 13.12.2019
 - 08:25
Nicht nur Kapitän David Abraham musste das turbulente Spiel der Eintracht erstmal verarbeiten.
In einer dramatischen Schlussphase wird die Eintracht beinahe zum großen Verlierer im Fernduell mit Standard Lüttich. Doch unverhoffte Hilfe verhindert das Aus in der Europa League. Nun geht der Blick zur Auslosung, bei der große Namen warten.

In der 92. Minute schlug die Stimmung im Frankfurter Stadion plötzlich um. Die Nervosität wich lauten Gesängen der Eintracht-Fans – dabei war auf dem Rasen gar nichts Entscheidendes passiert. Doch die Smartphones der Zuschauer vermeldeten das Endergebnis vom Spiel zwischen Lüttich und Arsenal. Das 2:2 sicherte Frankfurt trotz der 2:3-Niederlage gegen Vitória Guimarães den Einzug in die Europa-League-Zwischenrunde. Ein Sieg von Lüttich hätte das Aus bedeutet. „Uns ist ein großer Stein vom Herzen gefallen, als wir erfahren haben, dass wir weiter sind“, sagte Trainer Adi Hütter. „Das Spiel war nicht das Gelbe vom Ei, wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert.“

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Anders als die Fans waren die Spieler auf dem Platz zunächst nicht im Bilde, wie es in Belgien steht und was der eigene Rückstand für die Tabelle bedeutete. „Ich hatte keine Ahnung und bin ehrlich gesagt mit dem Schlusspfiff davon ausgegangen, dass es nicht gereicht hat“, sagte Danny da Costa. „Es hat mich im ersten Moment auch gar nicht interessiert, weil ich extrem angepisst war, dass wir das so hergegeben haben. Da können wir in London anrufen und uns bedanken.“ Das können sie in der Tat. Beim Blick nach Lüttich fällt auf, wie viel Glück die Eintracht hatte: Arsenal traf nach 0:2-Rückstand erst in der 78. und 81. Minute. Hätte Lüttich den Vorsprung über die Zeit gebracht, wäre die Eintracht-Niederlage mit dem Ausscheiden vor der K.o.-Phase bestraft worden.

Dass es überhaupt zu den nervenaufreibenden Schussminuten kam, hatten sich die Frankfurter selbst zuzuschreiben. Nach dem 0:1 durch Rochinha (8. Minute) drehten da Costa (31.) und Daichi Kamada (38.) das Spiel. Doch eine miserable zweite Halbzeit mit Treffern von Ali Al Musrati (85.) und Marcus Edwards (87.) wendeten das Blatt noch einmal. Plötzlich hing das so sicher scheinende Weiterkommen am seidenen Faden. „Ich bin heute sehr enttäuscht. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Aber das Wichtigste ist, dass wir weiter sind“, sagte Makoto Hasebe.

Die Gefühlslage der anderen Frankfurter war genauso ambivalent wie die des japanischen Routiniers. Am deutlichsten wurde da Costa, dem zuvor ein kurioses Tor gelungen war. Aus 22 Metern köpfte er den Ball zurück in den Strafraum, wo André Silva ihn nicht berührte, aber den Torwart so irritierte, dass dieser das Spielgerät durch die Hände ins Tor flutschen ließ. „Für das Tor lasse ich mich nicht feiern“, sagte da Costa bei DAZN. „Das war mehr Glück als Verstand, dass der Ball da reingesegelt ist.“ Auch ihn störte der Auftritt seiner Mannschaft, vor allem in der zweiten Hälfte. „Ich bin ein bisschen stinkig.“

Dazu hatte er allen Grund. Der frühe Rückstand war noch unglücklich, weil der Schiedsrichter ein Foul an Sebastian Rode übersah, wie er selbst später gestand. „Er hat in der Halbzeit zugegeben, dass es ein Foul war“, berichtete Rode über seinen Dialog mit Gediminas Mazeika aus Litauen. „Finde ich super, dass er seinen Fehler eingesteht.“ Doch nach der eigenen Führung spielte die Eintracht eine derart schlechte Halbzeit, dass niemand zur Tagesordnung übergehen wollte. „Wir werden es nochmal angucken und sehen, was falsch gelaufen ist“, sagte da Costa. Die Mängelliste wird eine gewisse Länge aufweisen.

Zu allen individuellen und mannschaftlichen Kritikpunkten kam der schlechte Zustand des Rasens erschwerend hinzu. „Der Platz war in einem katastrophalen Zustand. Aber das darf keine Ausrede sein“, sagte Rode, der wie alle mehrfach ausrutschte. „Wir müssen wieder anfangen, das Glück in unseren Spielen zu erzwingen. Wir haben eine unglückliche Phase.“ In der Tat. Seit der 5:1-Gala gegen den FC Bayern hat die Eintracht in sieben Spielen nur einmal gewonnen, beim 2:1 bei Arsenal. In der Bundesliga sind die Frankfurter aufgrund der Durststrecke auf Platz elf abgerutscht. Dafür sind sie im DFB-Pokal und in der Europa League sind sie auch 2020 noch dabei.

Daher wollte Sportvorstand Fredi Bobic bei DAZN nicht zu kritisch sein ob der Niederlage. „Natürlich wollten wir zum Abschluss nicht verlieren“, sagte er. „Wir haben die zweitmeisten Punkte geholt und dann kommst du eben weiter. Es war keine einfache Gruppe, sondern kompliziert zu spielen.“ Bobic sah nicht nur den Abschluss, sondern rückte das Gesamtbild in den Fokus. „20 Spiele in der Europa League im Kalenderjahr 2019. Dann sind vielleicht auch mal solche Abende wie heute dabei, die ein bisschen schwieriger sind. Trotzdem können wir sagen: Es ist eine Erfolgsstory gewesen.“

Und die soll weitergehen, am besten natürlich mindestens so weit wie im Vorjahr, als erst im Halbfinale Endstation war. Am Montag (13.00 Uhr) steht die Auslosung der nächsten Runde an. Als Zweiter der Gruppe ist die Eintracht in Topf zwei und trifft auf einen Europa-League-Gruppensieger oder einen der vier besseren Dritten der Champions League. Mögliche Gegner sind nun Ajax Amsterdam, Benfica Lissabon, Inter Mailand, RB Salzburg, FC Sevilla, Malmö FF, FC Basel, Linzer ASK, Celtic Glasgow, FC Porto, Espanyol Barcelona, KAA Gent, Istanbul Basaksehir, Sporting Braga und Manchester United. Die Eintracht spielt am 20. Februar zuerst im eigenen Stadion, eine Woche später auswärts.

Zuvor stehen aber noch einige nationale Aufgaben auf dem Spielplan. Vor der Winterpause sind es drei in der Bundesliga, die vor Weihnachten keine Verschnaufpause mehr zulassen. Am Sonntag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) geht es nach Schalke, am Mittwoch kommt Köln, ehe es sonntags, kurz vor Heiligabend, in Paderborn zum finalen Duell im Fußballjahr kommt. „Wir wollen das Maximale rausholen, deshalb gilt es, alles reinzuhauen“, sagte Rode. „Und dann haben wir zum Glück Winterpause, die kommt für uns nicht gerade ungelegen.“ Das ist der Eintracht anzumerken. Sie schleppt sich auf die Ziellinie zu. Und kann in der Bundesliga nicht auf Londoner Hilfe hoffen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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