Eintracht gegen Glasgow 1960

„Es war ein Höllenspektakel“

Von Peter Heß
17.05.2022
, 07:34
Auf Ballhöhe: Egon Loy im Finale gegen Real Madrid.
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1960 warf Eintracht Frankfurt die Glasgow Rangers aus dem Halbfinale des Landesmeisterpokals. Warum das bis heute als Sensation gilt und wie sich der damalige Torhüter Egon Loy erinnert.
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Für Egon Loy waren die letzten Momente des Europapokal-Halbfinales gegen Glasgow Rangers die einprägsamsten: „Die schottischen Spieler stellten sich vor dem Tunneleingang zu den Stadionkatakomben Im Ibrox-Park zum Spalier auf und klatschten uns mit den Händen ab. Eine tolle Geste.“

62 Jahre nach den beiden Spielen im Europacup der Landesmeister, die zu den allerbesten in der Eintracht-Geschichte gezählt werden, ist die Erinnerung bei dem ehemaligen Torwart noch frisch.

Nach dem 6:1 im Hinspiel im Waldstadion hatte die Eintracht die Rangers auch im Rückspiel im Ibrox Park mit einem 6:3-Sieg auseinander genommen. Damals galten britische Mannschaften zuhause in internationalen Begegnungen fast als unschlagbar.

Europa League

Am kommenden Mittwoch im Endspiel der Europa League in Sevilla (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Europa League und bei RTL) begegnen sich die Eintracht und die Rangers auf Augenhöhe, die beiden Mannschaften gelten in ihrem Profil, in ihren Stärken und Schwächen fast schon als verwechselbar.

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Damals gingen die Frankfurter mit einem Minderwertigkeitskomplex in die Auseinandersetzungen mit den Schotten im Europapokal der Landesmeister. „Die Schotten waren Vollprofis, wir dagegen nur Vertragsspieler. Bis auf Alfred Pfaff und Richard Kress, die selbstständig waren, haben alle am Spieltag bis mittags oder sogar in den Nachmittag hinein gearbeitet“, erinnert sich Loy, der damals in leitender Position in der Finanzabteilung der Metallgesellschaft beschäftigt war.

77.000 Zuschauer sollen nach offiziellen Angaben am 13. April während des Hinspiels im Waldstadion gewesen sein, wahrscheinlich waren es ein paar tausend mehr, darunter etliche siegessichere Schlachtenbummler aus Schottland. Vier von ihnen hatten es kurz vor dem Anpfiff auf das Spielfeld geschafft und demonstrierten voller Übermut pantomimisch, wie ihre Mannschaft den Ball ins Eintracht-Tor schießen würde.

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Und die Schotten wurden zunächst ihrer Favoritenrolle gerecht. Nachdem Richard Kress einen Elfmeter verschossen hatte, übernahmen die Rangers das Kommando und Loy musste sein ganzes Können aufbieten, um einen Rückstand zu vermeiden. Stinkas überraschendes Führungstor glich Glasgow schnell aus, aber davon ließen sich die Frankfurter nicht mehr beeindrucken.

Egon Loy 2014 mit Friedel Lutz (r.)
Egon Loy 2014 mit Friedel Lutz (r.) Bild: imago/Jan Huebner

Die Erfahrung, gegen die übermächtig scheinenden Rangers ein Tor schießen zu können, wirkte wie ein Erweckungserlebnis. Sie zogen ein Kombinationsspiel auf, das die Schotten trotz ihrer Physis nicht stoppen konnten. Schon zur Pause hätte die Eintracht in Führung liegen müssen, der Bann brach dann in der zweiten Halbzeit, die mit fünf Toren historisch endete. „Ich glaube, die Schotten haben uns nicht ganz ernst genommen“, sagt Loy zu der unverhofften Überlegenheit, deren Ausgangspunkt ein überragender Alfred Pfaff war.

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„Den Gegner durchsiebt“

Andere fanden andere Erklärungen. Der damals bekannteste Frankfurter Fußballjournalist Ludwig Dotzert schrieb von Fußball-Welten, die aufeinanderprallten, hier die moderne Eintracht, die mit „Geistesblitzen den Gegner durchsiebt“, da die konservativen Briten, „die sich das letzte Mal in den zwanziger Jahren Gedanken um die Entwicklung des Fußballs gemacht haben.“

Anno 1961: Egon Loy (l.) und Hermann Höfer im Spiel gegen den Hamburger SV.
Anno 1961: Egon Loy (l.) und Hermann Höfer im Spiel gegen den Hamburger SV. Bild: picture alliance / Lothar Heidtmann

Dotzert war für die umkämpfte erste Halbzeit dankbar, um den wahren Wert der Eintracht-Vorstellung einschätzen zu können: „Sonst hätte man nicht erkannt, welch hochklassige Mannschaft es war, die später unter die Räder kam.“

„Frisch, fromm, fröhlich“

Trotz des komfortablen Vorsprungs reisten einige Frankfurter Spieler mit einem leicht mulmigen Gefühl zum Rückspiel nach Glasgow. „Der Ibrox Park war ausverkauft“, erinnert sich Loy. „70.000 Fans sollen im Stadion gewesen sein, es war ein Höllenspektakel.“

Die letzten Zweifel verflogen früh, nachdem Dieter Lindner in der sechsten Minute die Führung erzielt hatte. „Da wussten wir, dass unser Trainer Paul Oßwald recht hatte. Wir sollten frisch, fromm, fröhlich, frei aufspielen und nicht auf Abwarten.“ Und so wurde auch dieses Match zu einem Spektakel, das 6:3 endete.

© Twitter

Als die Eintracht nach dem Abpfiff zu den Tribünen hoch winkte, brauste Jubel im Stadion auf. „Für eine Elf, die Schottlands stolzesten Verein, die Glasgow Rangers, in zwei Spielen von der Plattform zum Endspiel um den Europacup hinweggefegt hatte. Die ältesten Schotten können sich keiner Ovation ähnlicher Art für eine ausländische Mannschaft in der Stadt am Clyde Fluss erinnern“, schrieb die Frankfurter Rundschau.

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Gegen Real „zu ehrfürchtig“

Die Eintracht erhielt Lob aus ganz Fußball-Europa. Emilio Österreicher, der Manager von Finalgegner Real Madrid, sprach von einer „harten Nuss“, die im Endspiel auf seine Mannschaft warte. Real hatte alle vier zuvor ausgetragenen Landesmeister-Wettbewerbe gewonnen. Doch Österreicher sollte sich täuschen.

Die Eintracht ging gegen die Königlichen zwar in Führung, doch das Spiel endete 3:7. „Wir waren zu ehrfürchtig“, sagt Loy noch heute. „Wir haben trotz der Führung nie zu unserem Spiel gefunden. Wir hatten auch keine besondere Taktik gegen die spielerisch beste Mannschaft der Welt. Die Spanier konnten spielen wir sie wollten“.

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Daumendrücken am Fernseher

Loy verfolgt mit seinen 91 Jahren immer noch lebhaft das Eintracht-Geschehen. Bei den Heimspielen gegen den FC Barcelona und West Ham United war er im Stadion. „Ich bin auch in Sevilla eingeladen, aber meine Beine machen nicht mehr so mit. Das ist mir zu anstrengend, in Sevilla sollen weite Wege zurück zu legen sein.“

Er drückt mit seiner Frau am Fernsehschirm die Daumen: „Wenn die Eintracht genauso spielt wie gegen Barcelona und West Ham, dann hat sie eine große Chance zu gewinnen“, sagt der 91-Jährige, der von seinen damaligen Mannschaftskameraden den Kampfnamen „der Panther“ erhalten hatte. Und einen Tipp aus eigener Erfahrung hat der Panther noch für seine Frankfurter: „Man darf sich mit britischen Mannschaften nicht auf Zweikämpfe einlassen, sondern muss den Ball laufen lassen.“

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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