Eintracht Frankfurt

Ein Verteidiger, den die Muse küsst

Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt
20.07.2014
, 06:00
Holpriger Neuanfang: Aleksandar Ignjovski sucht in Frankfurt noch seine Form - und seine Position.
Eintracht-Trainer Schaaf lobt Neuzugang Aleksandar Ignjovski in den höchsten Tönen. Doch der Serbe kann noch nicht überzeugen.
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Ein Goldschmied als Fußballprofi? Das hat es bei der Eintracht noch nicht gegeben. Bis zu dem Tag, an dem sich Aleksandar Ignjovski entschloss, Werder Bremen den Rücken zu kehren und sich dem Frankfurter Bundesligarivalen anzuschließen. Für den 23 Jahre alten Serben war der 3. April ein Freudentag – und für Bruno Hübner ein Stück weit auch.

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Der Transfer des Mittelfeldspielers war der erste im Kalenderjahr 2014, und eigentlich wollte der Sportdirektor der Eintracht schon längst weitere Verstärkungen verpflichtet haben. Doch der Eintracht-Motor kommt nicht in die Gänge. Die Mannschaft ist schon im zweiten Trainingslager in Donaueschingen – und noch immer muss Trainer Thomas Schaaf mit dem Fernglas nach stürmischen Zugängen Ausschau halten.

Ignjovski sei ehrlich, fleißig und mutig

Dass mit Ignjovski ein alter Bremer Bekannter mit ihm gemeinsame Sache in Frankfurt macht, ist da nur ein schwacher Trost. Wenngleich: Über den bescheiden auftretenden Profi, der nach Stationen in Belgrad, München und Bremen nun im Rhein-Main-Gebiet sein Glück versucht, äußert sich Schaaf in den höchsten Tönen. Auf die Frage, ob er einen Satz über seinen ehemaligen Werder-Spieler sagen könne, erwidert der Coach: „Das reicht nicht. Ein Satz ist viel zu wenig.“

Und dann sprudelt es aus Schaaf heraus. „Iggy ist ein ganz ehrlicher Spieler. Er ist fleißig ohne Ende. Er hat ein großes Herz und zeigt viel Mut. Er ist ein guter Charakter.“ Die entscheidende Frage aber lautet: Ist Ignjovski auch ein guter Fußballspieler?

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Ignjovski spielt am liebsten die Sechserposition

Die ersten Arbeitsproben im neuen Eintracht-Dress sind, freundlich formuliert, durchwachsen. Während des Trainingslagers auf Norderney, bei den beiden Testspielen gegen die Amateure vom TuS Norderney (10:0) sowie vom SV Grün-Weiß Firrel (7:0) wurde Ignjovski kaum gefordert. Das sah freilich in Mannheim schon ganz anders aus. Bei der peinlichen 2:5-Niederlage gegen den SV Waldhof war der elfmalige serbische Nationalspieler genauso schwach wie der überwiegende Rest der Mannschaft. Ignjovskis derzeitiges Problem: Schaaf lässt ihn auf der rechten Seite verteidigen. Dabei zieht es Ignjovski viel lieber ins zentrale Mittelfeld. „Die Sechserposition, das ist mein Lieblingsplatz“, sagt Ignjovski. „Das war schon immer so, und dort sehe ich auch in Frankfurt meine Zukunft.“ Es könnte aber auch ganz anders kommen, denn wenn sich Schaaf treu bleibt und seine Mittelfeldspieler wie zu Bremer Zeiten in einer Raute spielen lässt, gibt es nur einen „Sechser“ – und nicht zwei, wie es die Frankfurter in den vergangenen Jahren mit Pirmin Schwegler und Sebastian Rode gespielt haben.

Ignjovskis Integration in Frankfurt ist bislang erwartungsgemäß komplikationslos verlaufen. Wie zu Bremer Zeiten wird er auch von den neuen Frankfurter Kameraden „Iggy“ gerufen – in Anlehnung an den Punk-Musiker Iggy Pop. Auch sprachlich ist er längst auf der Höhe. Während seiner Zeit bei den Münchner „Löwen“ von 1860 kniete er sich schon rein, und als er an die Weser ging, verzichtete er bei seiner Antrittspressekonferenz auf die schon bereitgestellte Dolmetscherin.

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Gelernter Goldschmied

Fleiß und Ehrgeiz, Tugenden, die auch Schaaf schätzt, zeigt Ignjovski aber nicht nur auf dem Fußballplatz. Um nämlich im Bedarfsfall ein zweites berufliches Standbein zu haben, lernte der Mann vom Balkan neben seiner beginnenden Profikarriere den Beruf des Goldschmieds. Ignjovski vermutet, dass ihm dieses besondere Faible vererbt worden sei: Seine Tante ist Professorin für Kunsthandwerk an der Universität Belgrad. Mit der Goldschmiedekunst allein ist es aber nicht getan. Ignjovski gibt sich auch als passionierter Maler zu erkennen, der immer dann den Pinsel zur Hand nimmt, wenn ihn gerade die Muse küsst.

Dass Ignjovski zuletzt Bekanntschaft mit einem Operateur gemacht hat, gefiel ihm weniger. Doch der Eingriff am rechten Sprunggelenk war unumgänglich. „Ich hatte Schmerzen“, sagt er – und fühlt sich annähernd wieder beschwerdefrei. „Ein, zwei Wochen noch, dann dürfte ich wieder fit sein“, sagt er. „Dann bin ich wieder bei hundert Prozent.“

„Den kann man nachts um drei Uhr wecken“

Von Bremen nach Frankfurt: Dass es einmal dazu kommen würde, war nicht abzusehen. Ignjovski hatte das Angebot, bei Werder zu bleiben, doch er schlug es aus. „Ich musste dort oft Verteidiger spielen. Ich habe aber eine andere Herausforderung gesucht.“ Einen anderen Klub, der ihm auf seiner Lieblingsposition Avancen gemacht hat. Als Ignjovski im April bei der Eintracht unterschrieb, war noch nicht endgültig abzusehen, dass der 1. FC Nürnberg einen Monat später den Gang in die Zweitklassigkeit antreten würde – und damit Makoto Hasebe auf einen Schlag ablösefrei auf dem Markt sein würde.

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Stand heute spricht einiges dafür, dass Ignjovski gemeinsam mit Timothy Chandler um den rechten Außenverteidigerposten kämpft. Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde sich der anpassungsfähige Serbe wohl nicht sträuben, denn das gute Verhältnis zu seinem Trainer möchte er nicht getrübt sehen. „Thomas Schaaf ist ein sehr professioneller Trainer. Er hat seine eigene Philosophie vom Fußball.“ Aus gemeinsamen Bremer Zeiten weiß Schaaf: „Iggy bringt sich immer voll in die Arbeit rein. Den kann man nachts um drei Uhr wecken. Um halb vier ist er auf dem Platz.“ Fragt sich nur: auf welcher Position?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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