Eintracht Frankfurt

Aus der Tiefe des Kaders

Von Peter Heß, Hamburg
23.10.2016
, 16:57
Frankfurter Hoch-Gefühle: Hrgota (links) und Fabian zeigen Fäuste.
Das 3:0 in Hamburg berauscht die Frankfurter - dabei spielt der Gegner desolat. Doch eines zeichnet die Eintracht auch diesmal aus: Sie arbeitet vorbildlich im Kollektiv gegen Ball und Gegner.

So entspannt hat die Frankfurter Eintracht schon lange keinen Auswärtssieg mehr gefeiert. „Wir konnten uns sogar noch ein bisschen für das Pokalspiel gegen Ingolstadt am Dienstag schonen. Das ist wirklich Luxus“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic. Nach Holtbys Eigentor (35. Minute) hatte Tarashajs 2:0 (61.) die Begegnung der Relegations-Spezialisten unter den Traditionsvereinen entschieden. Seferovic erhöhte dann noch zum 3:0-Endstand (69.), bevor die Eintracht den Kraftsparmodus wählte.

Acht Spiele, 14 Punkte, Platz sieben: Die Welt am Main ist so heil, wie sie an der Elbe in Scherben liegt. Trainer Niko Kovac weiß noch ganz genau, wie den Hamburgern im Moment zumute ist, erging es der Eintracht doch vor wenigen Monaten so ähnlich: total verunsichert am Tabellenende taumelnd. Der 45 Jahre alte Kroate mit zwei Jahren Vergangenheit als HSV-Profi zeigte Mitgefühl mit seinem alten Verein: „Da kommt viel zusammen, wenn man erst mal unten ist. Ich wünsche meinem HSV in Zukunft alles Gute.“ Allzu viel Trost konnte Kovac den Hamburgern nicht spenden, denn es gab keinen Anlass. Die Vorstellung des Dinos war desolat und begünstigte den Frankfurter Erfolg.

„Sehr seriös zu Ende gespielt“

Die Eintracht hatte sich an die Vorgabe ihres Trainers gehalten, zunächst nicht allzu viel zu riskieren. „Das Hamburger Publikum ist kritisch, wir müssen versuchen, es gegen die eigene Mannschaft aufzubringen“, hatte Kovac am Tag vor dem Spiel gesagt. Also konzentrierten sich die Eintracht-Profis darauf, keine Räume anzubieten und dem HSV gar nicht erst in den eigenen Strafraum zu lassen. Das gelang so gut, dass die Hamburger tatsächlich nach einer guten halben Stunde auf ihr Team mit Raute pfiffen. Dass Holtby dann noch ein Eigentor unterlief, dass Außenverteidiger Diekmeier Gelb-Rot sah - nur eine Minute nachdem Trainer Gisdol Stürmer Waldschmidt für Innenverteidiger Spahic ins Spiel gebracht hatte -, das alles passte zu dem völlig verkorksten Hamburger Abend.

Die Frankfurter Bewertungen des Abends vernachlässigten den HSV-Beitrag ziemlich. Keiner relativierte, alle zeigten sich von der eigenen Leistung mehr oder minder berauscht. „Rundum gelungen.“ „Super von der ersten bis zur letzten Minute.“ „Sehr seriös zu Ende gespielt.“ Aber besser als in den vergangenen Wochen hatte die Eintracht nicht gespielt, nur der Gegner war schlechter. Was wirklich positiv zu nennen ist, ist die Qualität des Spielverderbens, die die Mannschaft entwickelt hat. Die Eintracht arbeitet vorbildlich im Kollektiv gegen Ball und Gegner. Und es sind - im Gegensatz zur vergangenen Saison - nicht elf Spieler, die funktionieren, sondern 15 oder 16. Kovac hat einige Profis aus der Tiefe des Kaders an die Stammelf herangeführt.

„Wir verstehen uns als Mannschaft“

In der Innenverteidigung heißt die Alternative Hector, im defensiven Mittelfeld kommen Mascarell, Huszti und Hasebe für zwei Plätze in Frage, im offensiven Mittelfeld haben neben dem überragenden Fabian schon Gacinovic, Blum, Rebic und Tarashaj Einsatzzeit erhalten. Und in der Spitze mischen Hrgota und Seferovic mit. Dass Torjäger Alex Meier in Hamburg zum ersten Mal Schonzeit genoss, schwächte die Eintracht keineswegs. „Ich kann einiges von der Bank nachschieben, wenn es nicht läuft, das war in der vergangenen Saison nicht so“, sagte Kovac. Nur auf den Außenverteidigerpositionen sind zurzeit Chandler und Oczipka gesetzt, weil Varela unter einer Verletzung leidet und der Israeli Tawatha und der Berliner Regäsel noch nicht so weit sind. Tawatha erhielt in Hamburg immerhin ein paar Minuten Bundesligapraxis: „Wenn immer nur elf spielen, sind auch nur elf zufrieden und der Rest nicht“, erklärt Kovac. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit: Sein anspruchsvoller und belastender Spielstil erfordert auch frische Spieler. „Es ist schlecht, wenn sich Spieler ihre Kraft einteilen müssen. Sie müssen Vollgas geben können“, sagt der Eintracht-Trainer.

Andererseits muss Kovac auch seinen wichtigsten Profis so vermitteln, dass sie austauschbar sind, dass sie sich nicht in ihrem Ego verletzt fühlen. Dazu hat er genug Einfühlungsvermögen. Der Kroate informierte Meier schon am Donnerstag, dass er beim HSV auf der Ersatzbank Platz nehmen müsse. „Kein Problem, alles gut“, sagte Meier mit einem Lächeln über seine ungewohnte Rolle. „Die Mannschaft ist das Wichtigste.“ Sportvorstand Bobic wehrte Nachfragen sogleich ab, ob es schwer sei, den Frankfurter „Fußball-Gott“ wie einen normalsterblichen Fußballprofi zu behandeln: „Wir verstehen uns als Mannschaft.“ Dann setzte Bobic zu einer kleinen Lobrede für seinen Trainer Kovac an: „Niko macht seinen Job ohne Ängste. Brutal zielstrebig, geradlinig und vor allem ehrlich gegenüber der Mannschaft und dem Umfeld. Auch unangenehme Dinge scheut er nicht anzusprechen. Diese Unabhängigkeit und daraus resultierende Authentizität, das finden Sie nicht überall in der Liga.“

Quelle: F.A.S.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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