FAZ plus ArtikelFrankfurts Uefa-Cup-Sieg 1980

Ein Triumvirat und eine „Wahnsinnstruppe“

Von Peter Heß
21.05.2020
, 12:01
Der Triumph lebt: Ein Eintracht-Graffito in der Werrastraße in Frankfurt-Bockenheim erinnert mit Karl-Heinz Körbel als Hauptdarsteller an den Uefa-Cup-Sieg 1980.
Mit dem Gewinn des Uefa-Cups vor vierzig Jahren feiert die Eintracht den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Drei Spieler ragten zu der Zeit heraus in Frankfurt. Und dann war da noch ein Phänomen.
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40 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Da kann die Erinnerung schon mal trübe werden. „Nichts hat die Eintracht gemacht, keine Vermarktung, kein Empfang auf dem Römer, es war gar keine sooo große Sache.“ Eintracht-Bundesligarekordspieler Karl-Heinz Körbel irrt und hat doch auch ein bisschen Recht. Oberbürgermeister Walter Wallmann lud die Frankfurter Eintracht sehr wohl in den Römer ein, um sie für den Triumph im Uefa-Pokal zu ehren. Und Zehntausende jubelten den Frankfurter Fußball-Helden auf dem Balkon zu, die zwei Tage zuvor, am 21. Mai 1980, im Final-Rückspiel Borussia Mönchengladbach 1:0 besiegt hatten, womit die 2:3-Niederlage in Gladbach wegen der Auswärtstor-Regel mehr als ausgeglichen war.

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Aber es war nicht so, dass der erste internationale Fußball-Titel in der Stadtgeschichte die Frankfurter in einen kollektiven Taumel versetzt oder die Eintracht in ein Meer von Glückseligkeit getaucht hätte. Norbert Nachtweih, als Außenverteidiger, Mittelfeldspieler und Linksaußen am Coup beteiligt, beschreibt es so: „Natürlich haben wir uns riesig gefreut, aber eine riesige Bedeutung hatte der Titel für uns nicht. Die Bedeutung ist nachträglich mit jedem Jahr gewachsen.“

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Der Triumphzug von Spiel zu Spiel

Erste Runde, Hinspiel

FC Aberdeen – Eintracht Frankfurt 1:1

Tore: 0:1 Cha (13.), 1:1 Harper (53.)

Zuschauer: 23.000.

Das Los bescherte der Eintracht schon in der ersten Runde einen harten Brocken. Unter Trainer Alex Ferguson, der später jahrzehntelang Manchester United an der europäischen Spitze halten sollte, lief Aberdeen in dieser Saison Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers den Rang ab und wurde schottischer Meister. Der absolute Führungsspieler war der berühmte Gordon Strachan. Die Eintracht aber startete furios, ging durch Cha in Führung und kontrollierte das Spiel – auch nach dem Ausgleich. Ferguson kommentierte: „Die Eintracht hat so frech gespielt, dass ich für das Rückspiel keine Chancen für uns sehe.“

Erste Runde, Rückspiel

Eintracht Frankfurt – FC Aberdeen 1:0

Tor: 1:0 Hölzenbein (50.). – Zuschauer: 17.000.

Mit seiner Vorhersage lag der später zum „Sir Alex“ geadelte Trainer nicht ganz richtig. In der ersten Halbzeit hätten seine Schotten mehrmals in Führung gehen können, doch Eintracht-Torwart Klaus Funk parierte mehrmals prächtig, viele der nur 17.000 Zuschauer pfiffen zur Pause auf ihre Eintracht. Aber in der zweiten Halbzeit drehte sie richtig auf, Cha wirbelte die Aberdeener Abwehr durcheinander und Hölzenbein erzielte den Siegtreffer. „So war das schon immer mit Holz. Wenn man dachte, jetzt ist er eingeschlafen, dann war er plötzlich da“, kommentierte der Gladbacher Berti Vogts. Der Torjäger von Aberdeen, Joe Harper, pries Cha: „Er gehört sicher zu den zehn besten Stürmern der Welt.“

Zweite Runde, Hinspiel Dinamo Bukarest – Eintracht Frankfurt 2:0

Tore: 1:0 Multescu (20., Elfmeter), 2:0 Augustin (88.). – Zuschauer: 12.000.

Dinamo Bukarest war eine deutlich kleinere Hausnummer als Aberdeen, setzte der Eintracht aber viel mehr zu. „Der liebe Gott war mit uns“, sagte Trainer Rausch beim 1:0-Halbzeitstand, dreimal hatten die Rumänen in den ersten 45 Minuten noch Pfosten und Latte getroffen. Am Ende ging Rausch mit seiner Mannschaft ins Gericht: „Brotloser Larifari-Fußball, die Abwehr war ein Hühnerhaufen.“

Zweite Runde, Rückspiel

Eintracht Frankfurt – Dinamo Bukarest 3:0 n.V.

Tore: 1:0 Cha (73.), 2:0 Hölzenbein (90+2.), 3:0 Nickel (93.). – Zuschauer: 20.000.

„Noch 20 Sekunden“, antwortete Schiedsrichter Frediksson Eintracht-Kapitän Grabowski auf die Frage, wie lange die Nachspielzeit noch währen würde. Die Eintracht war so gut wie ausgeschieden, Dinamos Verteidigung mit dem überragenden Torwart Stefan hatte in einer großen Abwehrschlacht nur Chas Kopfballtor zugelassen – zu wenig für die Eintracht, um weiterzukommen. Eine letzte verzweifelte Flanke von Neuberger in den Strafraum, Körbel verlängerte die Flugbahn des Balles – genau auf Torwart Stefan, Hölzenbein rutschte beim Versuch, trotzdem an den Ball zu kommen, aus und landete auf dem Hosenboden. Dann glitschte Stefan der nasse Ball aus den Händen, der genau auf Hölzenbeins Kopf herunterfiel, das Schlitzohr machte eine kleine Nick-Bewegung, und der Ausgleich war geschafft. Das legendärste von 201 Hölzenbein-Toren für die Eintracht brachte sein Team in die Verlängerung, in der Nickel das entscheidende 3:0 erzielte.

Achtelfinale, Hinspiel

Eintracht Frankfurt – Feyenoord Rotterdam 4:1

Tore: 1:0 Cha (20.), 2:0 Nickel (30.), 3:0 Müller (55.), 4:0 Lottermann (58.), 4:1 Stafleu (86.).

Weil Feyenoord dieselben Vereinsfarben hat wie die Eintracht und ihr Trikot alle drei Farben Weiß, Schwarz, Rot vereinte, spielten die Frankfurter erstmals in ihrer Vereinsgeschichte in Grün-Weiß. Was die Mannschaft nur beflügelte. Die Rotterdamer mit dem zweimaligen WM-Finalisten Wim Jansen, zuvor in 40 Spielen unbesiegt, wurden an die Wand gespielt. Helmut Müller und Stefan Lottermann, die sonst nicht in der ersten Reihe glänzten, erzielten Traumtore.

Achtelfinale, Rückspiel

Feyenoord Rotterdam – Eintracht Frankfurt 1:0

Tor: 1:0 Peters (90.). – Zuschauer: 64.000

Schwere Ausschreitungen durch niederländische Hooligans, die in den Straßen Rotterdams und zu Beginn der zweiten Halbzeit auch auf der Tribüne Jagd auf Frankfurter Fans machten, überschatteten das Spiel. Als ein Hagel aus Flaschen, Steinen, Böllern, Feuerzeugen und anderen Gegenständen in Funks Strafraum niederging, stand die Begegnung kurz vor dem Abbruch. Die Eintracht-Abwehr stand in Rotterdam unter Druck, zeigte aber keine Risse. Das Gegentor fielt erst in letzter Minute.

Viertelfinale, Hinspiel

Eintracht Frankfurt – Zbrojovka Brünn 4:1

Tore: 1:0 Nachtweih (13.), 1:1 Horny (31.), 2:1 Lorant (44. Elfmeter), 3:1 Nickel (51.), 4:1 Karger (72.). – Zuschauer: 30.000.

Vier Tore gegen den tschechoslowakischen Meister ohne den ersten Sturm – Cha und Hölzenbein fehlten verletzt. Nachwuchsstürmer Harry Karger erzielte seinen ersten Europapokaltreffer für die Eintracht. Brünns Trainer Masopust, 1962 Europas Fußballer des Jahres, pries die Eintracht und vor allem Spielmacher Grabowski: „Eine Super-Mannschaft, zehn gute Spieler und ein großer Regisseur.“

Viertelfinale, Rückspiel

Zbrojovka Brünn – Eintracht Frankfurt 3:2

Tore: 1:0 Horny (10.), 1:1 Karger (18.), 1:2 Neuberger (77.), 2:2 Kotasek (89.), 3:2 Kopenec (90.).

Zuschauer: 40.000.

Ein paar Minuten sah es für die ohne Grabowski und Hölzenbein angetretenen Frankfurter gefährlich aus, dann gelang Karger der Ausgleich und mit dem Vorsprung aus dem Hinspiel im Rücken spielte die Eintracht selbstbewusst auf. Erst in den Schlussminuten wich die Konzentration. 500 Fans aus der DDR jubelten mit den 1000 aus Frankfurt.

Halbfinale, Hinspiel

Bayern München – Eintracht Frankfurt 2:0

Tore: 1:0 Dieter Hoeneß (50.), 2:0 Breitner (76., Elfmeter). – Zuschauer: 14.000.

Nach drei Titeln im Europapokal der Landesmeister war für das Münchner Publikum der Uefa-Pokal wirklich nur der Cup der Verlierer. 14.000 Besucher verloren sich im Olympiastadion, die in der ersten Halbzeit eine konzentrierte Eintracht sahen, die sogar die besseren Torchancen hatte. Die Treffer erzielten die Bayern in der zweiten Halbzeit, ohne groß zu glänzen. Der Münchner Trainer Pál Csernai motivierte dann mit seinem Kommentar die Eintracht zusätzlich für das Rückspiel: „Bei uns fehlte heuten Tempo und Frische, aber auch die Eintracht hat keinen guten Eindruck hinterlassen, obwohl sie nicht so belastet ist wie wir. Ich hätte da mit stärkerem Widerstand gerechnet.“

Halbfinale, Rückspiel

Eintracht Frankfurt – Bayern München 5:1 n.V.

Tore: 1:0 Pezzey (31.), 2:0 Pezzey (87.), 3:0 Karger (103.), 3:1 Dremmler (105.), 4:1 Karger (107.), 5:1 Lorant (118., Elfmeter). – Zuschauer: 50.000

Manager Klug lobte eine Prämie von 18.000 Mark aus, um Trainer Rauschs gefordertes Wunder mit einer zusätzlichen Motivationsspritze wahrscheinlicher zu machen. So kam Rausch die Aufgabe vor, die Bayern mit drei Toren Differenz zu besiegen, die in dieser Saison wieder Meister werden sollten. Teil eins des Wunders schaffte Libero Pezzey mit seinen beiden Kopfballtoren, Teil zwei „Schädel-Harry“ Karger mit zwei Treffern in der Verlängerung. Der Junge aus der hessischen Provinz, in der 83. Minute ins Spiel gekommen, machte das Spiel seines Lebens.

Finale, Hinspiel

Borussia Mönchengladbach – Eintracht Frankfurt 3:2

Tore: 0:1 Karger (37.), 1:1 Kulik (45.), 1:2 Hölzenbein (71.), 2:2 Matthäus (77.), 3:2 Kulik (88.). Zuschauer: 25.000.

Auch der blutjunge Mönchengladbacher Trainer Heynckes erkannte an, dass die Eintracht den Titelverteidiger im Heim-Finale im Griff hatte. „Spielerisch, läuferisch und gedanklich waren die Frankfurter uns überlegen. Man hatte manches Mal den Eindruck, sie hätten einen Spieler mehr auf dem Platz.“ Aber zwei Gegentreffer in der Schlussphase brachten die Eintracht um den verdienten Sieg. Bernd Hölzenbein fasste die Gefühlslage so zusammen: „Wenn wir jetzt den Pott nicht holen, sind wir selbst schuld und haben ihn auch nicht verdient.“ Karger zog sich eine Knieverletzung zu, die ihn nach einigen Comebackversuchen zur Aufgabe seiner Profikarriere zwang.

Finale, Rückspiel

Eintracht Frankfurt – Borussia Mönchengladbach 1:0

Tor: 1:0 Schaub (81.). – Zuschauer 60.000.

Es war kein großes Endspiel, aber ein verbissener, zäher, spannender Kampf, der für die Eintracht ein Happy End bereithielt. Aushilfsstürmer Fred Schaub gelang nach einem Gestochere im Strafraum der Schuss ins große Eintracht-Glück.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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