Eintracht Frankfurt

Neubeginn mit altem Bekannten

Von Jörg Daniels und Marc Heinrich
14.06.2015
, 19:07
Zurück an Bord: Armin Veh weiß, was ihn in Frankfurt erwartet. Nicht nur der Mannschaftsbus ist ihm vertraut.
Eintracht Frankfurt und Armin Veh geben sich eine zweite Chance: Der 54 Jahre alte Trainer hat einen Zweijahresvertrag unterzeichnet. Für die Besetzung des Vorstands muss der Klub eine andere Lösung finden.

Am Ende ging alles ganz schnell, was sich in den Wochen zuvor seit dem 26. Mai so schleppend hingezogen hatte. Die Eintracht hat wieder einen Trainer: Armin Veh kehrt zurück und wird an diesem Montag in den Mittagsstunden von seinem neuen, alten Arbeitgeber präsentiert. Veh und der Klub verständigten sich übers Wochenende auf eine abermalige Zusammenarbeit, die zunächst auf zwei Jahre angelegt ist, wie der Verein am Sonntag Abend bestätigte. „Ausschlaggebend für die Wahl von Armin Veh war, dass er neben seinen sportlichen Qualitäten, die unbestritten sind, die Fähigkeit besitzt, in diesem Verein integrativ zu wirken“, sagte Vorstandschef Heribert Bruchhagen.“ Veh selbst erklärte: „Eintracht Frankfurt war und ist für mich eine besondere Aufgabe. Ich werde alles versuchen, um die Mannschaft in eine positive Zukunft zu führen.“

Die Idee, dass Veh in den Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG berufen wird und nach dem geplanten Ausscheiden des Vorsitzenden Bruchhagen 2016 eine Führungsaufgabe bei dem Bundesligaverein übernimmt, verfolgen beide Seiten nicht weiter. Dieses Thema wird den Klub also weiter beschäftigen. Veh, so heißt es, werde den Job an der Seitenlinie „mit ganzem Herzen“ ausüben und habe von sich aus in den Gesprächen zu erkennen gegeben, dass ihn die tägliche Arbeit mit den Profis dann doch mehr reizt als die Möglichkeit, nach fast dreißig Jahren als Spieler und Coach in der Fußballbranche fortan auf Funktionärsebene ein Wort mitzureden.

Bei der Eintracht drängt die Zeit

Dieses Angebot, das er nach der Wahl seines Freundes Wolfgang Steubing am vergangenen Montag an die Spitze der Aufsichtsrats erneuerte, nahm Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner gerne an – und Bruchhagen, der noch die Richtlinienkompetenz besitzt, gab ebenfalls anschließend umgehend sein Plazet. Dem neunköpfigen Aufsichtsrat gehören neben Steubing weitere Veh-Sympathisanten an, die ihm trotz seines Abgangs im Frühling 2014, als er Frankfurt mit dem Hinweis verließ, es mangele ihm an Perspektiven, in den Monaten danach verbunden blieben. Einer ist Philip Holzer, der als ehemaliger einflussreicher Goldman-Sachs-Investmentbanker zu den treibenden Kräften gehört, die der Eintracht am Kapitalmarkt Investoren verschaffen wollen, deren Einstieg im sportlichen Wettbewerb künftig bessere Erfolgsaussichten versprechen soll. Diese Perspektive spielte eine entscheidende Rolle, die Veh die Rückkehr schmackhaft machte. Sein offizieller Arbeitsbeginn an der WM-Arena ist Mittwoch, der 1.Juli.

Die Zeit läuft! Denn viele Pläne sind bei der Eintracht in den vergangenen Wochen mit ihren Turbulenzen seit der Flucht von Thomas Schaaf über den Haufen geworfen worden; unter anderem musste das erste Trainingslager auf Norderney abgesagt werden. Einer aber nicht: Der Trainingsauftakt für die neue Saison, die Mitte August beginnt, soll sechs Wochen vorher stattfinden.

Schaaf verscherzte es sich

Diesen Termin hatte sich noch der zurückgetretene Trainer ausgedacht, der es so eilig hatte, seine Zelte in Frankfurt abzubrechen, dass er es nicht für nötig hielt, sich von der Mannschaft zu verabschieden, und auch auf der Geschäftsstelle in der WM-Arena in den vergangenen Tagen nur noch einmal kurz vorbeischaute, um Vertragliches zu regeln, dabei aber nur einigen wenigen der Weggefährten zum Abschied die Hand schüttelte. Auch dieses Verhalten passte ins gewöhnungsbedürftige Bild, das Schaaf zuletzt bei den Hessen abgab und das dafür sorgte, dass er es sich mit allen handelnden Personen so verscherzte, dass es auch der für Ratschläge von Menschen außerhalb seines engsten Vertrauenskreises schwer zugängliche Coach für besser hielt, ein Jahr vor dem geplanten Vertragsende aufzuhören. So Knall auf Fall wie das Kapitel Schaaf für den Tabellenneunten der vergangenen Runde zu Ende ging, so überraschend gestaltete sich die Nachfolgeregelung.

Im Gespräch mit Veh vor knapp zwei Wochen erweckte dieser noch den Eindruck, dass der Trainerjob bei der Eintracht für ihn eher kein Thema sei. Vermutlich wollte er diesen Anschein bewusst wecken, um in der medialen Gerüchteküche nicht auf Anhieb am heißesten gehandelt zu werden. Einiges spricht dafür, dass Veh früh der Wunschkandidat war. Ihn wird Hübner zuerst kontaktiert haben, um die Chancen für dessen Comeback auszuloten. Veh wird sich dann Bedenkzeit erbeten haben. Mit Trainern wie Tayfun Korkut, Sascha Lewandowski und André Breitenreiter sprach die Eintracht fortan pro forma, um sich abzusichern, falls ein PlanB nötig werden sollte.

Viel Geld für neue Spieler

Veh ist seit Bundesliga-Gründung 1963 der 42. Trainer in der Historie des Vereins. Einer, der von den Verantwortlichen mit offenen Armen empfangen wird. Aber auch einer, der im Vereinsumfeld erst wieder Vertrauen zurückgewinnen muss. Unvergessen ist seine inhaltliche Distanz zur Eintracht, die er mit großem Selbstbewusstsein und Worten vor seinem Abschied aufgebaut hatte. Was die Zukunftsfähigkeit der Eintracht angeht, sprach Veh damals von wirtschaftlichen Grenzen, die dem Klub gesetzt seien. „Und das sind nicht meine Ziele.“ Veh, der ein Egoist sein kann, wenn er es für nötig hält, räumte seiner Sichtweise seinerzeit den Vorrang vor den Klubinteressen ein. Was bei zahlreichen Fans bis heute nicht vergessen ist. Auch den Eintracht-Oberen schmeckte die Eigenwilligkeit von Veh nicht, doch richtig böse war ihm auch keiner, dafür verstanden sich alle trotz allem persönlich zu gut. Nur den gleichen Fehler noch einmal wird Veh nicht machen dürfen. Er weiß das. Diesmal wird er – gerade im Hinblick auf die beschlossene langfristige Zusammenarbeit – bei möglichen Rückschlägen Ausdauer beweisen müssen. Er wird es akzeptieren müssen, wenn die Dinge im Liga-Alltag mal nicht nach seinen Vorstellungen laufen. Wenn er Widerstand spürt. Von Veh wird dann ein langer Atem verlangt. Die Fähigkeit, sich durchzubeißen. Er traut sich das zu. Andernfalls hätte er sich nicht zur Rückkehr nach Frankfurt entschließen dürfen. An diesem Montag wird er sich dazu äußern.

Die Eintracht wird Veh auch gelockt haben – mit der Aussicht, zwischen sechs und acht Millionen Euro in neue Spieler investieren zu können. Diese Summe ergibt sich aus der Rechnung, die der Verein in den vergangenen Wochen selbst aufgestellt hat. Und womöglich machen die Frankfurter ihrem neuen Cheftrainer noch das eine oder andere Antrittsgeschenk. Er wird jedenfalls zuversichtlich sein, sich auf kein Vabanquespiel einzulassen. Chancen und Risiken wird Veh gut abgewogen haben. Umgekehrt hat die Eintracht bei ihm das Gefühl, sich in sichere Hände zu begeben; bei den Unterredungen mit Korkut, Lewandowski oder Breitenreiter entstand es nicht im gleichen Maße.

Neun Spieler fehlen zum Trainingsstart

Veh, der die Mannschaft aus der zweiten Liga in die Europa League geführt hatte, hat schon bewiesen, dass er nach Frankfurt passt. Die Mannschaft ist ihm gefolgt. Damals hat er die Spieler auf seinem Weg mitgenommen. Sein Vorgänger Schaaf hingegen verlor den überwiegenden Teil von ihnen mit seiner stoffeligen Art. Was den Trainerstab angeht, könnte für Manfred Petz wieder Platz sein. Unter Schaaf blieb für den ehemaligen Torwart-Coach nur die Aufgabe als Mitglied im Scout-Team übrig. Dass Reiner Geyer abermals der Assistenztrainer von Veh sein wird, damit ist fest zu rechnen.

Zum Trainingsstart werden neun Profis fehlen: Alle Nationalspieler, die mit ihren Mannschaften unterwegs waren (und im Moment noch sind) und deren Urlaub dementsprechend verlängert wurde. Hinzu kommen noch die langzeitverletzten Alexander Meier, Sonny Kittel und Bamba Anderson. Das ist eine Hypothek für Veh. Mittelfeldspieler Johannes Flum, der von Schaaf vom Stammspieler zum unbeachteten Mitläufer degradiert wurde, wird sich freuen über die Renaissance seines Mentors. Auch bei Innenverteidiger Alexander Madlung ist nun eine Verlängerung seines Vertrags plötzlich wieder vorstellbar – auch für ihn verspricht die Rückholaktion kürzlich unvorstellbare Chancen. Das gilt auch für Veh: Im zweiten Anlauf kann der Trainer beweisen, dass die Eintracht mit seinem Zutun durchaus die Möglichkeit bietet, sich nach oben zu entwickeln – und sein Weggang ein Irrtum war, den er in den kommenden Jahren selbst zu korrigieren imstande ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot