Timothy Chandler im Interview

„Ich bin ein ganz normaler Frankfurter Bub“

Von Jörg Daniels
04.02.2018
, 10:00
Ob Angriff oder Abwehr, links oder rechts – Timothy Chandler ist vielseitig einsetzbar. Im Interview spricht er über seine Flexibilität und die Konkurrenz auf seiner neuen Position.

Sind Sie ein flexibler Mensch, der gern neue Herausforderungen annimmt? Oder sind Sie doch lieber froh, wenn es keine Überraschungen gibt und alles überschaubar ist?

Ich bin in jedem Fall ein flexibler Mensch – auch im Privatleben. Und in meinem Beruf sowieso. Flexibel zu sein, damit habe ich keine Probleme. Schon in der Jugend ist das so gewesen. Ich habe Innenverteidiger gespielt, bin auch schon Stürmer gewesen.

Muss man im Profifußball flexibel sein? Sie sind von Eintracht-Trainer Niko Kovac kürzlich vom rechten auf den linken Außenverteidigerposten versetzt worden.

Ich denke, es hat auf jeden Fall Vorteile, wenn man flexibel ist und weiß, dass man verschiedene Positionen spielen kann. Aber zu viele Positionen sind auch nicht gut. Dann verliert man an Qualität. Ich bin froh, dass ich zwei, drei Positionen ganz gut spielen kann.

Sind Sie überrascht, wie gut es auf der linken Seite läuft? Das Lob prasselt ja geradezu auf Sie ein – und Tore und Vorlagen kommen auch noch dazu. Haben Sie die ganze Zeit auf der falschen Seite gespielt?

Nein, nein. Aber es stimmt schon. Momentan läuft es wirklich gut. Ich versuche halt immer, das Beste aus mir rauszuholen. Wir treten aber auch als Mannschaft sehr gut auf. Das macht es dann für mich umso leichter.

Ihr Wechsel von rechts auf links ist vollzogen worden, weil Marius Wolf auf rechts sehr gute Leistungen gezeigt hat. Der Trainer hat dies so entschieden. Wäre es für Sie vorstellbar, zum Trainer zu gehen und ihm zu sagen: Trainer, ich spiele auf der falschen Position. Ich möchte woanders spielen, denn dort habe ich viel mehr Potential.

Das ist nicht vorstellbar, dass ein Spieler zum Trainer geht und so etwas sagt. Der Trainer hat das Sagen. Er hat es nun mit mir auf links versucht, und in den letzten Spielen habe ich es nicht so schlecht gemacht. Deshalb spiele ich jetzt dort.

Denken Sie nicht manchmal, dass der Trainer Sie auch fragen könnte, wo man spielen möchte, weil man woanders besser aufgehoben ist?

Vielleicht denkt sich das jeder Spieler mal, hier müsste ich jetzt eigentlich spielen. Aber es ist Profisport. Hier entscheidet nur einer: Und das ist der Trainer.

Hat Niko Kovac, der ja um Ihre Variabilität weiß – Sie haben auch schon auf der Sechserposition gespielt –, Ihnen erklärt, warum Sie jetzt auf links spielen sollen?

Nein, er hat es einfach probiert – und es hat funktioniert. Er hat mich dort eingesetzt, weil er weiß ja, dass ich mich immer zerreiße. Wenn der Trainer zu mir sagt, du spielst heute rechts oder links, dann spiele ich rechts oder links. Da wird nichts erklärt. Ich freue mich dann einfach auf dieses Bundesligaspiel.

Haben Sie als Linksverteidiger schon einmal besser als jetzt gespielt? Sind Sie in der Form Ihres Lebens?

Links habe ich ja noch nicht so viel gespielt. Diese drei Spiele waren klar die besten. Weil es parallel auch mit der Mannschaft sehr gut läuft, ist die Freude darüber noch mehr zu spüren.

Was glauben Sie: Wie viele Spieler gibt es in der Bundesliga, die auf der falschen Position spielen?

Schwierige Frage. Ich denke, dass es immer Spieler gibt, die flexibel sind und auf beiden Seiten spielen können. Meiner Karriere jedenfalls hilft das.

Müssen Sie schmunzeln, wenn Sie lesen, dass Sie eigentlich auf der falschen Seite spielen?

Ja, klar. Ich habe das zuletzt oft gelesen. Ich sehe das nicht so, weil ich denke, dass ich auf der rechten Seite meine Sache auch nicht so schlecht gemacht habe.

Wie gehen Ihre internen Konkurrenten auf der linken Seite, Jetro Willems und Taleb Tawatha, mit der neuen Situation um?

Beim Gedankenlesen tue ich mich noch ein bisschen schwer, was in ihnen vorgeht. Ich bin ein lockerer und offener Typ, egal ob ich spiele oder nicht. Deshalb glaube ich auch, dass beide kein Problem mit mir haben.

Wo liegen die gravierenden Unterschiede, ob man nun rechts oder links spielt?

Man muss sich in die andere Richtung drehen, mehr konzentrieren. Man hat ein anderes Standbein. Aber das verinnerlicht man ziemlich schnell. Ich bin ja auch nicht mehr so jung, deswegen hatte ich alles schnell im Griff.

Wie groß ist der Einfluss eines Trainers auf die Entwicklung und auf eine erfolgreiche Karriere des Spielers?

Der Trainer ist sehr wichtig. Der große Vorteil von Niko Kovac ist, dass er jeden Spieler bei uns besser machen will. Nicht nur die ersten elf oder noch die drei, vier Spieler, die dahinter kommen. Bei Niko Kovac spielt das Alter des Spielers keine Rolle. In jedem Training will er jeden Spieler individuell weiterentwickeln. Dass Niko Kovac auf jeden Spieler baut, zeigt sich auch daran, dass die Spieler, die von ihm hineingeworfen werden, sofort ihre Leistung abrufen können. Auch das macht unsere Qualität in dieser Saison zu einem großen Teil aus.

Welches Potential hat Niko Kovac bei Ihnen neu wecken können?

Unter seiner Anleitung habe ich sehr viele taktische und spielerische Dinge gelernt. Zum Beispiel, dass man die einfachen Dinge gut machen muss.

Welche Trainer haben Sie entscheidend geprägt?

Zu ihnen zählt auch Dieter Hecking. Unter ihm bin ich Profi in Nürnberg geworden. Er hat mir sehr viel Spielzeit gegeben und mir einen hervorragenden Einstieg ins Profigeschäft ermöglicht. Ich sollte spielen, laufen und keine verrückten Dinge machen. Auch wenn es bei mir mal nicht so gut lief, ließ er mich trotzdem weiter spielen. Das hat mir gerade am Anfang Sicherheit gegeben.

Wie hat Sie Jürgen Klinsmann als Trainer der amerikanischen Nationalmannschaft geprägt?

Er hat mich in die Nationalmannschaft geholt. Für mich war es ein wichtiger Schritt, in diesen Kreis zu gelangen. Es war eine gute Erfahrung für mich, Jürgen Klinsmann kennengelernt zu haben, er ist in Deutschland ja eine Legende. Ich schätze seine Menschlichkeit sehr. Man hört viel über seine Zeit bei Bayern München. Aber ich habe ihn als ganz anderen Menschen kennengelernt. Für mich war das ein großer Schritt.

Sind Sie der American Boy oder der Frankfurter Bub?

Ich bin eher der ganz normale Frankfurter Bub, ein bisschen gemischt mit dem American Boy im Privatleben. Ich bin hier groß geworden und habe die ganzen Jugendmannschaften durchlaufen. Ich würde gerne ein Gesicht der Eintracht werden und bis zum Ende meiner Karriere hier bleiben – wenn die Eintracht das möchte. Darauf arbeite ich hier jeden Tag hin. Wenn die Fans sagen, dass ich bei Eintracht Frankfurt eine Identifikationsfigur bin, wäre ich überglücklich. Ich möchte den Verein prägen und weiter voranbringen.

Gute Linksverteidiger sind rar. Zuletzt soll sich der AS Rom für Sie interessiert haben. Gehen Sie davon aus, dass sich Ihr Marktwert noch einmal wesentlich erhöht?

Auf den Marktwert schaue ich nicht. Es ist aber schön zu merken, dass auch andere Leute meine Entwicklung zur Kenntnis nehmen und sehen, dass ich links spielen kann. Das freut mich.

Sie verfügen über Biss, Behauptungswillen und unbändigen Ehrgeiz. Ist das angeboren? Kann man das lernen?

Ich weiß nicht, ob es angeboren ist. Aber ich habe es von klein auf von meiner Mutter gelernt. Sie hat gesagt: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dafür arbeiten und dich auch gegen andere Leute behaupten. Das mache ich. Ich habe immer versucht, schnellstmöglich zurückzukommen. Auch wenn ich mal nicht im Kader war, habe ich im Training versucht, immer alles zu geben. Ich will einfach selbst mit mir zufrieden sein. Wenn man am Ende einer Trainingseinheit vom Platz geht, muss man selber wissen: Heute war es gut.

Was macht Ihren Charakter als Fußballprofi aus?

Man könnte sich schnell mit etwas zufriedengeben. Aber das ist überhaupt nicht mein Fall. Es begleitet mich auf meinem Lebensweg, dass ich immer nach mehr strebe. Auf Erfolgen ruhe ich mich nicht aus.

Haben Sie das Maximum aus Ihren Möglichkeiten schon herausgeholt?

Es kann immer noch mehr sein. Wäre ich weniger verletzt gewesen, hätte es für mich vielleicht noch besser laufen können. Aber darum geht es für mich nicht. Für mich zählt der Moment. Und im Hier und Jetzt versuche ich das Maximum zu erreichen. Deshalb bin ich aktuell auch sehr zufrieden.

Macht das die Stärke eines Spielers aus, sich nur auf den Augenblick zu konzentrieren?

Sich ein Spiel anzuschauen, in dem es für mich nicht so gut lief, tut mir sicherlich gut, um dazuzulernen. Aber mit Vergangenem sollte man sich nicht zu lange aufhalten. Ich werde erst 28. Am liebsten schaue ich auf die Gegenwart. Mir bleibt als Fußballprofi noch viel Zeit. In der Bundesliga zu spielen ist ein Privileg für mich. Ich liebe Deutschland und die Bundesliga. Deshalb bin ich auch glücklich.

Die Eintracht ist Tabellenvierter. Muss sie sich in dieser Saison schon saublöd anstellen, um nicht ins internationale Geschäft zu kommen?

Nicht saublöd. Wir versuchen einfach, unser Ding hier runterzuspielen. Als Außenstehender sagt man: Das wird einfach. Aber vor ein paar Monaten hat uns noch der eine oder andere mit dem Abstieg in Verbindung gebracht. Das, was jetzt von außen an Einschätzungen an uns herangetragen wird, dürfen wir nicht zu hoch hängen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, weiter die höchstmögliche Anzahl an Punkten zu sammeln.

Warum kann ein gestandener Fußballprofi wie Sie nicht frank und frei sagen: Ja, ich will in der kommenden Saison international spielen?

Weil man immer an seinen Zielen gemessen wird. Und klappt es dann nicht, bekommt man von den Außenstehenden, die es viel leichter haben, mal kurz einen auf den Deckel. Aber natürlich hat jeder von uns ein Ziel im Kopf. Um dahin zu kommen, muss man aber einen Schritt nach dem anderen machen. Vielleicht werden wir in diesem Sommer ja alle glücklich sein.

Spüren Sie die Begeisterung, die sich gerade in den vergangenen Monaten rund um die Eintracht breitgemacht hat?

Zuletzt ist es wirklich extrem geworden. Es ist einfach unglaublich, was unsere Fans alles so machen mit Choreos und Auswärtsfahrten – auch, wenn es mal nicht so läuft. Man spürt, dass in den letzten Monaten eine Entwicklung stattgefunden hat. Das hilft uns auf dem Platz weiter, aber auch dem Verein und der Stadt.

Ist die Mannschaft, Stand heute, bereit fürs internationale Geschäft?

Das ist immer schwer zu sagen. Aber wir haben einen großen Kader mit viel Qualität. Wenn das Thema auf uns zukäme, würde unser Trainer damit klarkommen.

Warum ist Niko Kovac ein großer Glücksfall für Eintracht Frankfurt?

Er entwickelt hier etwas. Was Fredi Bobic und unser Trainer hier in den vergangenen Monaten geschaffen haben, ist wirklich unglaublich. In Frankfurt ist die Euphorie ausgebrochen. Es ist Wahnsinn, wenn man durch die Stadt läuft. Mir und meiner Familie wird von sehr vielen Leuten verbal auf die Schulter geklopft. Die Menschen sind glücklich, sie lieben Eintracht Frankfurt und unseren Fußball. Das hat viel mit den handelnden Personen zu tun.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Niko Kovac noch lange Trainer in Frankfurt bleiben wird?

Ich hoffe, dass er in den kommenden Jahren in Frankfurt bleibt. Aber er wird begehrt sein, weil er ein sehr guter Trainer ist. Im Fußball kann alles sehr schnell gehen. Die Hoffnung stirbt aber immer zuletzt.

Die Eintracht bricht in dieser Saison fleißig Negativserien. Warum wird die Eintracht auch an diesem Sonntag in Augsburg erfolgreich sein?

Unsere Mannschaft ist eine Einheit. Wir halten zusammen und konzentrieren uns auf das Wesentliche. Und nicht zu vergessen: Wir haben einen guten Lauf.

Das Gespräch führten Ralf Weitbrecht und

Jörg Daniels.

Quelle: F.A.Z.
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