Thomas Schaaf im Gespräch

„Es sind noch einige Fragezeichen da“

30.05.2014
, 12:18
Spielweise, Förderung von Talenten, Perspektiven über die Saison hinaus: Der neue Eintracht-Trainer Thomas Schaaf verrät, was der Verein von ihm zu erwarten hat – und warum es so lange gedauert hat, bis sich beide einig wurden.

Was haben Sie in Ihrem Jahr Pause getan, was Ihnen zuvor in Ihrem Trainer-Hamsterrad nicht möglich war?

Ich habe versucht Abstand zu gewinnen, nachdem ich so viele Jahre als Spieler und Trainer nonstop dabei war. Ich habe mich mehr um Familie und Freunde gekümmert, denen ich sehr viel abverlangt habe. Unsere Tochter studiert im Ausland, da haben wir die Zeit genutzt und sie besucht. Das war mir in dem Sieben-Tage-Job nicht möglich gewesen. Oder ich hatte einfach Zeit für die Freunde, denen ich so oft abgesagt hatte. Es war eine neue Erfahrung, mal die Situation zu erleben, dass ich Zeit für sie hatte und sie nicht konnten, weil sie zu tun hatten.

Haben Sie irgendwo hospitiert oder sich anderweitig weitergebildet?

In der ersten Hälfte der Saison habe ich mich weniger um Fußball gekümmert, bis auf einen Trainer-Ausbildungskurs bei der Uefa. Im Frühjahr habe ich für die Uefa auch Spiele der Champions League und Europa League beobachtet. Die Uefa möchte als Veranstalter der Spiele ihr Produkt bewertet haben, möchte eine Einschätzung haben, wie viel fußballerische Qualität vorhanden ist. Für mich war es am Anfang schwierig, die Subjektivität herauszubekommen, weil man immer denkt: Wie würdest du da spielen, wie würdest du in bestimmten Situationen selbst handeln? Aber es geht nur darum, was man sieht. Welches System wird gespielt, greift man früh an, lässt man den Gegner kommen. Ich war auch beim Champions-League-Finale dabei und habe mich mit Kollegen ausgetauscht, die einen sehr großen Erfahrungsschatz haben wie Alex Ferguson und Roy Hodgson. Denen hört man gerne zu, von denen kann man viel lernen.

Sind Sie ein Trainer mit festen Vorstellungen, wie zu spielen ist, oder sind Sie der Pragmatiker, der alles vom Kader und den Umständen abhängig macht?

Das eine ist vom anderen abhängig. Ich habe schon feste Vorstellungen, was ich irgendwo in meiner Mannschaft wiederfinden möchte. Auf der anderen Seite wäre es fatal, nur über diese Vorstellung zu kommen und nicht zu merken, dass die Mannschaft das gar nicht leisten kann. Als Trainer muss ich sehr genau hinschauen, wozu die Mannschaft imstande ist, und dabei den Vorstellungen so nahe kommen, wie es nur geht.

Welchen Fußball möchten Sie gerne sehen?

Ich möchte erst mal sehen, dass sich meine Mannschaft mit der Arbeit, die sie auf dem Platz leistet, total identifiziert. Dass man den Spielern den Spaß ansieht, die Aufgaben zu verfolgen, auch wenn es mal schwierig ist. Darüber hinaus geht es mir auch darum, Fußball wirklich zu spielen. Ich stehe dafür, dass man versucht zu kombinieren und nach vorne zu spielen. Eine gewisse Offensive möchte ich schon immer wieder erleben.

Was ist Ihnen in diesem Jahr in der Bundesliga aufgefallen, mit dem Abstand, den Sie hatten?

Dass das Geschäft immer schneller wird, dass ein immenser Druck aufgebaut wird. Man sieht es bei Bayern München. Worüber diskutiert man? Die Mannschaft hat zwei Titel geholt und stand im Halbfinale der Champions League. Wir sprachen von einer unfassbaren Dominanz, so früh Meister werden zu können. Und wenn der Erfolg sich dann nicht ganz so fortsetzt, wird sofort daran herumgemäkelt. Das zeigt, dass wir in einer verdammt schnellen Zeit leben und aufpassen müssen, dass wir uns nicht selbst überholen. Eine gewisse Ruhe und Souveränität würde guttun und das eine oder andere verbessern.

Vor zehn Jahren haben Sie die Bayern mit Bremen nicht nur geärgert, sondern besiegt. Bis vor fünf Jahren waren Sie wenigstens in etwa auf Augenhöhe. Durch die finanzielle Entwicklung ist dies Klubs wie Werder und der Eintracht derzeit unmöglich. Demotiviert Sie das?

Es ist die Frage, wie man damit umgeht. Man kann sich verrückt machen und immer wieder jammern, welche Voraussetzungen man nicht zur Verfügung hat. Man kann aber auch sagen: Ich mache das Beste daraus, um so nah wie möglich ranzukommen, wie viel Abstand das auch immer ist. Ich muss zusehen, dass ich mit der Eintracht einen Fußball zeige, der die Leute mit Begeisterung ins Stadion gehen lässt. Und dass wir es so schaffen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Dass wir durch unser Spiel und Engagement mehr Sponsoren und Investoren für unseren Verein gewinnen, so dass wir das ein oder andere Außergewöhnliche für den Verein realisieren können. Dann können wir den Abstand vielleicht verringern.

Die Eintracht hat den Klassenverbleib doch noch sicher geschafft, hatte ein paar Höhepunkte in der Europa League zu bejubeln. Die Stimmung nach der Saison ist durch die lange Trainersuche, den Verlust von Leistungsträgern wie Rode, Jung und Schwegler sowie die Befürchtung, dass auch noch Barnetta und Joselu gehen könnten, verzagt. Wie schätzen Sie den Kader und die Gesamtsituation ein?

Ich nehme das nicht so negativ wahr, ich habe viele positive Stimmen und Stimmungen erlebt. Dass ein Teil der Menschen nachdenklich ist – ja, das ist normal. Es tut uns sicherlich auch weh, dass diese Spieler nicht mehr da sind, weil sie für einen gewissen Wert standen. Das verunsichert immer. Da stellt sich dann immer automatisch die Frage: Wer kommt nun, wer kann den Kader verstärken? Kommt die neue Mannschaft dann auch schnell in einen Rhythmus? Ganz klar: Es sind noch einige Fragezeichen da – und die müssen wir auflösen, da müssen wir die richtige Antwort geben. Es wird Veränderungen geben, aber ich habe unglaublich viel Positives hier wahrgenommen. Wir freuen uns auf diese Arbeit.

Was ist das Positive, das Sie wahrgenommen haben?

Wie man mir hier begegnet ist, ganz vornweg von den verantwortlichen Personen, ob es der Vorstand ist oder der Sportdirektor. Dann der alte Trainer: Armin Veh hat sich im Gespräch mit mir sehr positiv über Eintracht Frankfurt geäußert. Dann auch, was ich von der Mannschaft wahrgenommen habe, zuletzt, aber auch in den letzten drei Jahren. Ich habe wahrgenommen, dass man sich sehr gut, sehr solide und sehr seriös aufgestellt hat und dass man sehr konzentriert den Aufgaben nachgegangen ist. Das war für mich auch ein Grund, diese Arbeit anzugehen.

Die Eintracht soll Sie schon im März angesprochen haben, die Zusage kam im Mai. Was bedurfte so langer Bedenkzeit?

Ich glaube, dass man zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte gefunden hat und erkannt hat, dass es gut ist, wenn man von nun an die Arbeit gemeinsam angeht.

Im Zusammenhang mit Ihrem Namen sagte Aufsichtsratschef Bender, dass die Eintracht sich keinen Trainer leisten könne, der drei Millionen Euro im Jahr verdiene. Sind Sie mit Ihrem Gehaltswunsch heruntergegangen?

Sie wissen doch, dass man über finanzielle Dinge nie spricht. Ich glaube, dass man sehr gut aufeinander zugegangen ist und den richtigen Weg gefunden hat.

Was hat der Abgleich der Vorstellungen und Wunschpersonalien mit Vorstand Bruchhagen und Sportdirektor Hübner ergeben? Viele Übereinstimmungen oder andere Sichtweisen?

Generell ist es ganz wichtig, dass man inhaltlich intensiv diskutiert und sich austauscht. Man muss seine Meinung haben und vortragen, aber es ist ganz wichtig, dass man am Ende zu einem einheitlichen Resultat kommt. Mit einer Entscheidung, die jeder vertreten kann. Ich hoffe, dass wir das über die gesamte Zeit machen werden.

Sportdirektor Hübner sprach davon, dass die Eintracht einen Stürmer und für beide Außenbahnen im offensiven Mittelfeld Spieler suche. Auf welchen Positionen muss sich die Eintracht Ihrer Meinung nach verstärken?

Wir müssen erst einmal sehen, was wir haben. Es sollte immer die erste Arbeit sein, sich auf das zu konzentrieren, was da ist. Die Spieler, die wir haben, sollen das Vertrauen spüren, so dass sie sich wirklich in ihrer stärksten Leistung zeigen können. Die zweite Aufgabe ist es zu schauen: Wo müssen wir uns verstärken oder breiter aufstellen? Das werden wir jetzt intern diskutieren. Vorplanungen sind jedoch gemacht worden.

Stimmen Sie Hübner zu, der sagte, dass erst nach der WM der Transfermarkt so richtig anlaufen werde?

Ich denke, das Transfergeschäft wird durch die WM noch mal beschleunigt. Aber es wird wie immer bis zum letzten Tag gehen. Das gibt es immer wieder, dass es bis zur letzten Minute darum geht, noch eine Unterschrift oder Dokumente einzureichen.

Die Eintracht will verstärkt auf die Jugend setzen. Ihr Vorgänger Veh merkte kritisch den derzeitigen Jugendwahn in der Bundesliga an. Wie stehen Sie dazu?

Ich halte es für wichtig, dass man sinnvolle Arbeit leistet. Sinnvoll ist es nicht, nur mit 18-Jährigen aufzulaufen. Aber ich glaube, es ist sinnvoll, alle jungen Spieler zu beobachten, zu bewerten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu zeigen und zu plazieren. Und das auch auf Dauer. Es nutzt nicht viel, wenn einer für ein Spiel dabei ist und danach nicht mehr zu sehen ist. Ich werde Wert auf die Nachwuchsarbeit bei Eintracht Frankfurt legen.

Die U23 wurde abgeschafft. Sehen Sie das als Nachteil?

Über die letzten Jahre haben wir Trainer viel diskutiert: Ist die U23 wichtig oder nicht? Es ist zum Teil sehr viel in zweite Mannschaften investiert worden, hatten dann aber nicht den Erfolg, den man sich gewünscht hat. Das muss jeder für sich entscheiden. Wir werden den Weg über die U19 gehen und sehr genau schauen, was dort abläuft.

Sie waren als Spieler, Nachwuchstrainer und Cheftrainer bisher immer nur bei Werder Bremen. Haben Sie die Furcht zu fremdeln?

Nein. Ich freue mich sehr auf meine Aufgabe bei Eintracht Frankfurt. Die 14 Jahre in Bremen waren nicht geplant. Es ergab sich vorher nur nie die Situation, dass ich wegmusste.

Sie sind von Otto Rehhagel geprägt: Ist die Behauptung richtig oder falsch?

Sowohl – als auch. Wenn Sie mit einem Trainer 14 Jahre zusammengearbeitet haben, dann sind sie in irgendeiner Weise geprägt. Aber nicht in der Form, denn die wäre falsch, dass man versucht, diesen Trainer so und so nachzubilden oder genauso zu handeln wie er. Es gibt einen Otto Rehhagel und einen Thomas Schaaf.

Das Gespräch führte Peter Heß.

Quelle: F.A.Z.
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