Neuer Kader der Eintracht

Nicht nur Wucht und Wadenbeißen

Von Peter Heß
21.05.2019
, 07:48
Stets mit wachem Blick: Fredi Bobic (links) und Bruno Hübner halten das Geschehen im Auge.
Eintracht Frankfurts Sportvorstand Bobic und Sportdirektor Hübner stehen bei der Zusammenstellung des neuen Kaders vor vielen Herausforderungen. In der Königsklasse fiele einiges leichter.
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Die Spieler lassen die Saison bei einem Werbeauftritt in China ausklingen, bevor sie sich in den verdienten Urlaub aufmachen. Für Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner beginnt unmittelbar nach dem letzten Vorhang der 56. Saison der Fußball-Bundesliga eine besonders stressige Zeit des Jahres: Der Kader für die kommende Spielzeit muss geplant und festgezurrt werden. Das ist zwar ein Prozess, der in jeder Phase des Jahres fortgeführt wird. Aber nun, nachdem die sportliche Abrechnung vorliegt, werden die Überlegungen und Verhandlungen deutlich intensiver und konkreter.

„Wir arbeiten durch, ich habe keine fünf Wochen Urlaub“, hatte Bobic unmittelbar nach dem 1:5 gegen die Bayern gesagt. Die Situation der Eintracht wäre bequemer und übersichtlicher, wenn die Mannschaft einen ihrer Matchbälle zur Qualifikation für den Europapokal verwandelt hätte. So steht nach Platz sieben noch nicht fest, ob die Frankfurter wieder die Gruppenphase der Europa League erreichen. Dazu müssten drei Qualifikationsrunden mit sechs Begegnungen überstanden werden. Dieser Umstand verringert einerseits die sportliche Attraktivität der Eintracht für hochqualifizierte Kandidaten, andererseits lässt er offen, wie groß die finanziellen Möglichkeiten für Vertragsangebote sind.

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Das Investitionsvolumen hängt auch davon ab, wie viel Ablöse die Eintracht durch den Verkauf von Luka Jovic erhält. Nach Informationen dieser Zeitung knausert Real Madrid derzeit mit seinem Angebot, nachdem der FC Barcelona kein Interesse mehr an dem 21 Jahre alten serbischen Torjäger zeigt. Die Offerte der Spanier liegt im Bereich von 50 Millionen Euro, die Eintracht stellt sich einiges mehr vor, gerade weil 20 Prozent der Ablösesumme an Jovics früheren Verein Benfica Lissabon geht, an den die Frankfurter bei der festen Verpflichtung des zunächst ausgeliehenen Stürmers sieben Millionen Euro überwiesen hatten.

Mehr taktische Variabilität nötig?

Mit dem Einzug in die Champions League, der bis zum 33. Spieltag greifbar nahe schien, wäre die Eintracht vielleicht sogar für deutsche Bundesligaprofis interessant gewesen, die bei Spitzenklubs keine Stammplatzgarantie haben – wie die Dortmunder Weigl und Philipp oder die Bremer Eggestein-Brüder oder der Leverkusener Kohr. Nun fehlen die sportlichen Argumente, um die Begabungen zu einem Wechsel zu bewegen, der ihnen Gehaltseinbußen brächte, da die Eintracht sich noch auf einem anderen finanziellen Niveau befindet. Auch die ambitionierten Stürmer Haller und Rebic, die sich in Frankfurt grundsätzlich sehr wohl fühlen, könnten nun wie Kostic bei einem lukrativen Angebot schwach werden.

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Es ist müßig, über einzelne Wechsel zu spekulieren. Der Sommer ist noch lang, das Ende der Transferperiode (2. September) weit. Grundsätzlich jedoch ergab die Analyse der abgelaufenen Spielzeit, dass die Eintracht größere spielerische Substanz und eine höhere taktische Variabilität benötigt. Nur mit Wucht, Willen und Wadenbeißen geht irgendwann die Puste aus. Deshalb beschäftigt sich die Sportliche Leitung mit der Verpflichtung des ehemaligen Nationalspielers Max Kruse, der bei Werder Bremen seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern möchte. Die charmante Konsequenz: Er kostete keine Ablöse. Nach einer hervorragenden Saison mit Werder besteht allerdings Konjunktur für den 31 Jahre alten offensiven Mittelfeldspieler. Er wird sicher ein Handgeld in Millionenhöhe fordern und erhalten. Auch in seinem Fall wäre die Verhandlungsposition der Eintracht als Mitglied der Königsklasse günstiger gewesen.

Wer von den Kandidaten nun auch immer abspringt oder wer dem Klub noch den Rücken kehrt: Die Eintracht ist vorbereitet und hält Alternativen bereit. Während vor Bobics Zeiten als Sportvorstand mit heißer Nadel genäht wurde, um quasi tagesaktuell den Kader zurechtzuschneidern, besteht nun eine detaillierte Planung. Für jede Position existiert eine Liste von Kandidaten, unterteilt in die Kategorien Stammspieler, Ergänzungsspieler, Talent, mit dem Zusatz kurz-, mittel- und langfristige Perspektive. 16 Scouts beobachten unter der Koordination von Kaderplaner Ben Manga in Europa, Südamerika und Japan, als Letzter stieß der frühere Mönchengladbacher Bundesligaprofi Rudi Gores zum Team. Bevor ein Spieler auf die Liste kommt und Cheftrainer Adi Hütter und seinen Assistenten per Videozusammenschnitt vorgestellt wird, hat Manga ihn im Stadion begutachtet und in aller Regel auch schon Kontakt zu ihm aufgenommen. Früher verließen sie sich in Frankfurt oft auf die Empfehlung von Beratern.

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Aufstellung verbessern für Europa

Einige Veränderungen im Frankfurter Bundesliga-Kader stehen schon fest. Hrgota, dessen Vertrag ausläuft, wird keinen neuen erhalten. Auch bei Tawatha, Stendera und Willems sähe es die Eintracht gerne, wenn sie den Verein verließen – die Mittelfeldspieler besitzen jedoch noch einen Kontrakt. Das gilt auch für Falette, der französische Linksverteidiger möchte jedoch die Eintracht verlassen, weil er gerne mehr Einsatzzeiten hätte. Im Tor ergibt sich derzeit folgende Lage: Es ist völlig offen, ob Kevin Trapp vom Leihspieler zum Festangestellten wird. Von seinem Klub Paris St-Germain kommen keine eindeutigen Nachrichten, ob er die deutsche Nummer drei zurückholen will. Dass PSG dem 41 Jahre alten Buffon doch noch ein Vertragsangebot unterbreitete, lässt eher darauf schließen, dass der französische Meister ohne den Deutschen plant, der mehrmals – ohne konkrete Versprechungen abzugeben – seine Verbundenheit mit der Eintracht ausdrückte. Falls Trapp nicht bliebe, suchte die Eintracht wohl eher eine Nummer zwei.

Die Trainer sind mit den Fortschritten des dänischen Nationaltorwarts Rönnow sehr zufrieden. In der Verteidigung besteht am wenigsten Handlungsbedarf. Mit Touré, Ndicka und Tuta stehen drei Begabungen unter Vertrag, mit Hasebe, Abraham und Russ drei Routiniers. Selbst wenn Augsburg den festen Wechsel von Leihspieler Hinteregger (den Verein und Spieler wünschen) nach Frankfurt verhindert, müsste nicht unbedingt ein weiterer Abwehrspieler verpflichtet werden. Im Mittelfeld benötigt die Eintracht einen offensiven Kreativen wie Kruse, einen Ersatz für Rode, ein Backup für da Costa und mindestens ein Backup für Kostic. Im Sturm muss zumindest für Jovic ein Ausgleich gefunden werden, vielleicht auch für Haller und Rebic.

Das ist das Mindeste an Neuverpflichtungen, die die Eintracht tätigen muss, da von den Nachwuchsspielern aus der eigenen Jugend keiner in die Profimannschaft drängt. Sie erhielten die Verträge, um die Quote an deutschen beziehungsweise lokalen Spielern zu erfüllen. Wenn die Frankfurter Europa-Reisenden tatsächlich die Gruppenphase erreichen, wäre es jedoch durchaus sinnvoll, das Aufgebot darüber hinaus zu erweitern und qualitativ zu verbessern. Denn die Belastungen, die daraus entstehen, sind noch höher als in der gerade abgelaufenen Spielzeit. Bis Weihnachten stünden mindestens 30 Pflichtspiele auf dem Programm. Da könnte schon Ende November die Luft ausgehen und nicht erst Ende April.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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