Judo als Mannschaftssport

Die Bundesliga hat ihren Reiz verloren

Von Achim Dreis, Wiesbaden
05.03.2020
, 11:29
Spielt der Teamgedanke im Einzelsport Judo noch eine Rolle? Der JC Wiesbaden zieht auch seine Frauen aus der geschrumpften Bundesliga zurück. In Rüsselsheim wird dagegen weiter gekämpft, und das aus gutem Grund.

Der Saisonstart in die Judo-Bundesliga der Frauen sollte mit dem Prestigeduell zwischen den Lokalrivalen JC Wiesbaden (JCW) und Aufsteiger Kim-Chi Wiesbaden starten. Doch dann meldete sich vor einigen Tagen überraschend der JCW aus dem Geschehen ab. Zurück bleibt eine geschrumpfte Liga mit nur noch fünf Mannschaften in der Nordgruppe der vermeintlichen Eliteklasse. „Ein echter Verlust“, bedauert Pamela Bickendorf, Liga-Referentin im Deutschen Judo-Bund (DJB), die Entwicklung.

Im Süden sieht es sogar noch magerer aus: Der erste und der fünfte Kampftag entfallen komplett. Und an den drei Wettkampfterminen dazwischen wird jeweils ein einziges Duell ausgetragen. Denn auch Sindelfingen hat seine Frauen zurückgezogen. Zurück bleiben neben den Branchengrößen TSG Backnang und JSV Speyer nur der BC Karlsruhe. Im ersten Schockmoment, so bekennt Bickendorf, zweifelt sie in Momenten mit solchen Abmeldungen an der Sinnhaftigkeit des gesamten Konstrukts Bundesliga.

„Judo ist und bleibt ein Einzelsport“, erklärt Marcel Stebani, Teammanager des Wiesbadener Frauen-Riege. Und die Liga werde „immer stiefmütterlicher behandelt von Verbandsseite“. Die unkoordiniert erscheinende Terminplanung habe dafür gesorgt, dass die Topathleten völlig überlastet seien, sich zwischen Einzel- und Mannschaftsinteressen aufrieben oder eben gar nicht mehr antreten wollten. „Vor dem Bundesliga-Finale“, erinnert sich Stebani, der den Endkampf 2019 in Wiesbaden organisiert hatte, „reisten die Judokas mittwochs vom Grand Prix aus Australien an.“ Freitags waren sie da. „Und dann sollen sie Leistung bringen.“

In einem Ligaduell werden in jeder der sieben Gewichtsklassen jeweils zwei Kämpfe ausgetragen. Nach der ersten Runde müssen mindestens drei der sieben Athleten ausgetauscht werden. In der Summe sind zehn Kämpfer an einem Tag nötig. Bis zu 40 dürfen pro Saison gemeldet werden, darunter finden sich viele ausländische Spitzenkräfte. Ein solcher Kader kostet Geld, fünfstellige Beträge müssen für eine Saison aufgebracht werden. Doch trotz der großen Kaderstärke hat mancher Verein bisweilen Mühe, seine Reihen zu füllen, wenn Einzel-Wettbewerbe zeitnah oder gar parallel stattfinden.

„Die Bundesliga hat ihren Reiz“, verteidigt Bickendorf das Konstrukt. Nur hier hätten Sportler aus der zweiten und dritten Reihe die Chance, auch einmal gegen Spitzenathleten zu kämpfen, zumal die Zahl der Ausländer auf vier der 14 Kämpfe pro Kampftag beschränkt ist und somit keine reinen Legionärs-Duelle stattfinden. „Vereine können sich auf diese Weise gut präsentieren, und die Bundesliga hat da eine gewisse Zugkraft.“

Eine Einschätzung, die Andreas Esper unterstützt. „Bei uns funktioniert das sehr gut“, sagt der Trainer und Macher des benachbarten JC Rüsselsheim, der mit seiner Männermannschaft in der Bundesliga Süd kämpft. Neun Teams sind hier für 2020 gemeldet, so dass jeder Verein vier Heimkämpfe ausrichten kann. Die Veranstaltungen in Rüsselsheim werden von einem großen Helferteam organisiert, als Event dargeboten und erfreuen sich einer großen Zuschauerresonanz mit jeweils rund tausend Zuschauern.

Auch Esper ist sich gerade als Trainer sehr wohl bewusst, dass der Erfolg der Mannschaft dem Streben der Einzelnen untergeordnet ist, erkennt aber umgekehrt, dass die Nachfrage von außen nach den Bundesliga-Kämpfen höher ist als für einen Grand Prix wer weiß wo auf der Welt. So kann sich das System im günstigsten Fall gegenseitig hochschaukeln – zumal, wenn sich ein Eigengewächs wie Eduard Trippel in der 90-Kilo-Klasse für die Olympischen Spiele qualifiziert und für den JCR Ligapunkte holt.

Auch das läuft in Wiesbaden anders. Weltmeister Alexander Wieczerzak kämpft zwar für den JCW auf internationalen Bühnen, wie zuletzt beim Grand Prix in Düsseldorf, hat sein Teamstartrecht aber seit Jahren ausgelagert. Nur in seinen Juniorenjahren kämpfte er für die Wiesbadener, danach agierte er in der Bundesliga erst für Großhadern, dann für Hamburg und zuletzt für Esslingen. Seine Männer-Mannschaft hat der JCW schon 2016 nach 46 Jahren aus der Bundesliga abgemeldet.

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Bei den Frauen war der JCW noch im vergangenen Herbst beim Bundesliga-Finale nur knapp im Halbfinale gescheitert. Doch schon da, so Stebani, habe er sich bei dem Gedanken erwischt, „dass ich ein bisschen müde bin“. Eine Erfahrung, die Bickendorf nicht fremd ist: „Wenn sich ein Verein zurückzieht, hat es oft individuelle Gründe. Die sagen nicht: Wir finden die Bundesliga doof.“ Das Ehrenamt, man hört diese Erkenntnis nicht zum ersten Mal, „hat an Strahlkraft verloren“. Dabei versucht der DJB, bewusst mit Lehrgängen und Fortbildungsmaßnahmen die Position des Vereinsmanagers zu stärken: „Karriere im Judo muss ja nicht heißen, dass man Meister auf der Matte wird.“

Der 35 Jahre alte Stebani, für den als Kämpfer nur zwei Bundesliga-Einsätze in der Statistik notiert sind, blickt trotz des Rückzugs der Mannschaften als Macher schon voraus: 2022 begeht der JCW, der sich auf 800 Mitglieder stützen kann, sein hundertjähriges Vereinsjubiläum. Das soll auch mit der Ausrichtung eines großen Turniers gefeiert werden: „Wir wollen Judo in die Stadt holen.“ Die Suche nach dem geeigneten Termin kann nicht früh genug beginnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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