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Anwalt zu Fußball-Verträgen

„Es gibt ein Recht, spielen zu dürfen“

Von Jörg Daniels
Aktualisiert am 04.05.2020
 - 11:19
Bleibt er, geht er? Auch Eintracht-Profi Makoto Hasebe muss mit Anpassungen an seinen Arbeitsvertrag rechnen.
Im F.A.Z.-Interview spricht Jurist Horst Kletke über Vertragsverpflichtungen und neuartige Krisenklauseln für Fußball-Profis in Corona-Zeiten. Dabei macht er auch deutlich, in welchem Bereich für ihn unbedingt ein Umdenken erforderlich ist.

Hat im Fußball in Zeiten der Corona-Krise die Gültigkeit geschlossener Verträge an Stellenwert verloren?

Natürlich sind Verträge einzuhalten, so wie sie geschlossen worden sind. Daran ändert auch die Pandemie nichts. Jetzt ist aber nicht die Stunde, in der jeder auf den letzten Buchstaben des Vertrags pochen sollte, um für sich das Beste herauszuholen. Kein Fußballklub schikaniert seine Spieler und Mitarbeiter mit Gehaltsverzicht. Es ergibt sich vielmehr eine Notwendigkeit für diese Maßnahmen, weil zum Beispiel Einnahmen durch Zuschauer oder abspringende Sponsoren fehlen. Es ist das Gebot der Stunde, zusammenzurücken und nicht nur auf sein Recht zu bestehen.

Oder es passiert was?

Im schlimmsten Fall könnte ein solches Handeln zur Einbahnstraße werden, wenn alle ihr Recht einfordern würden und es am Ende für die Vereine unmöglich wäre, die Verpflichtungen zu erfüllen. Dann wäre keinem geholfen, das Ergebnis wäre die Insolvenz.

Welche Auswirkungen werden die jetzt gemachten Erfahrungen in Zukunft auf die Gestaltung der Verträge zwischen Vereinen und Spielern haben?

Ich erwarte, dass die Gehälter in der Breite insgesamt geringer werden, weil aktuell nicht die Wirtschaftskraft in den jeweiligen Spielklassen vorhanden ist, um die bisher üblichen Forderungen bedienen zu können. Auch die Sponsoren aus der Wirtschaft sehen sich großen Herausforderungen gegenüber. Außerdem spricht einiges dafür, dass sich durch die neue Unsicherheit die Laufzeiten der Verträge verkürzen werden. Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder, die jetzt einen Vertrag unterschreiben und sich mit Haftungsfragen konfrontiert sehen, wissen heute nicht, ob sie die Vereinbarung perspektivisch überhaupt erfüllen können. Darüber hinaus gibt es durchaus Bestrebungen, und manche haben das bereits umgesetzt, in Verträge Reduktionsklauseln einzubauen, solange aufgrund des Corona-Virus Einnahmeausfälle zu erwarten sind. In dieser Zeit werden die Gehälter dementsprechend nach unten angepasst.

Neuartige Krisenklauseln halten also Einzug in die Verträge.

Davon gehe ich aus, das wird sukzessiv Niederschlag finden. Die jetzigen Erfahrungen werden arbeitsrechtliche Umsetzung finden. Was die Dimensionen und die Art der Beeinträchtigungen angeht, ist das für alle eine ganz neue Erfahrung. Heute heißt das Problem Covid-19 und morgen könnte auf alle schon die nächste Herausforderung wegen der Nachwirkungen der Pandemie zukommen. Abstrakt gesprochen werden zukünftige Verträge sogenannte Anpassungsklauseln beinhalten, damit Vereine auf bestimmte Situationen besser vorbereitet reagieren können und damit wirtschaftlich nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Im Übrigen gibt es eine gesetzliche Anpassungsklausel im Bürgerlichen Gesetzbuch, dort ist von der Störung der Geschäftsgrundlage die Rede.

In der Bundesliga könnte die Saison über den 30. Juni hinaus fortgesetzt werden. Was passiert mit den Spielern, deren Verträge aber am 30. Juni auslaufen?

Weder die Deutsche Fußball Liga noch der Deutsche Fußball-Bund werden als dritte Partei, die außerhalb der jeweiligen Arbeitsverträge steht, darauf Zugriff nehmen können. Die verbandsrechtliche Reichweite ist nicht gegeben, um per Verbandsentscheidung festlegen zu können, dass die Arbeitsverträge weiterlaufen. Die Vereine müssten sich jeweils auf freiwilliger Basis mit ihren Spielern einigen. Sie müssten mit Vernunft und Augenmaß aufeinander zugehen, wenn die durch die Verbände regulierbare Laufzeit der Saison 2019/2020 über den 30. Juni 2020 hinausgehen sollte – und da wird auch ein bisschen Phantasie gefragt sein. Aber diejenigen, die bereits einen neuen Vertrag bei einem anderen Verein geschlossen haben, wird man arbeitsrechtlich ziehen lassen müssen. Sie müssten dann von Juli an bei ihrem neuen Klub antreten – es sei denn, beide Vereine, der alte wie auch der neue, würden eine andere Übereinkunft erzielen und den Vertrag des Spielers bei seinem alten Klub zum Beispiel noch einmal um wenige Monate verlängern und den neuen erst später starten. Wenn man es will, bekäme man es hin.

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Wird die Corona-Pandemie dafür sorgen, dass die Interessen des anderen in Zukunft mehr Berücksichtigung finden könnten? Oder ist das Fußballgeschäft dafür zu festgefahren?

Ja, im Moment hat sich das Bewusstsein ein bisschen gewandelt. Aber wir wissen alle, dass der Fußball eine Branche mit Ecken und Kanten, mit Ellenbogen und mit sehr viel Ich-Bezogenheit ist. Deshalb glaube ich, dass das aktuelle Verhalten des erhöhten Zusammenhaltens auf Dauer nicht so bleiben wird. Was in gewisser Weise auch nachvollziehbar ist, denn eingedenk der kurzen Karrierezeit wird und muss jeder Spieler auf sein Wohlergehen schauen. Aber vielleicht wird es zumindest eine Zeitlang eine Spur rücksichtsvoller zugehen. Ohnehin wird sich einiges verändern, was die Befriedigung von Anspruchsdenken angeht. Ich habe meine Zweifel, ob die bisher gezahlten Gehälter im Durchschnitt Bestand haben werden. Die Klubs werden anders agieren müssen.

Inwiefern?

Wir erleben jetzt, dass schon nach wenigen Wochen viele Klubs unter extremer wirtschaftlicher Not leiden. Eine Lehre daraus muss sein, dass in Zeiten, in denen von den Vereinen Gewinne erzielt werden, sie auch Rücklagen bilden müssten. Das Geld darf nicht immer wieder sofort ausgegeben werden. In den ersten vier Ligen in Deutschland werden die Grundsätze kaufmännischen Handelns mehr in den Vordergrund treten müssen – wie in jedem anderen Unternehmen auch. Ich wüsste nicht, warum der Fußball eine Ausnahme bilden sollte. Jede Kapitalgesellschaft muss so wirtschaften, dass sie auch Rücklagen für Krisen hat – und nicht mit dem Rücken zur Wand steht.

Befürchten Sie eine Klagewelle von Vereinen, wenn in Ligen am Grünen Tisch über Auf- und Abstieg entschieden werden sollte?

In der Tat machen sich viele Vereine Gedanken, wie sie auf eine solche Situation reagieren werden. Je nach Liga sind noch neun oder mehr Spiele offen. Jeder weiß, dass in dieser Zeit noch sportlich viel passieren könnte. Meiner Auffassung nach muss jeder sportliche Wettbewerb auch sportlich ausgetragen und entschieden werden. Abhängig davon, wie die Vorgaben der Politik sind und was dann erlaubt wäre, müsste man den Spielbetrieb zur Not bis in den August oder September hinein stattfinden zu lassen. Das Primat muss sein, dass sportliche Resultate über die Schlusstabellen und damit über Auf- und Abstieg entscheiden. Davon hängt schließlich auch die Glaubwürdigkeit des Sports ab. Tabellen einzufrieren und nach dem vorhandenen Stand festzulegen, wer auf- und absteigt, das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sehr intensiven juristischen Auseinandersetzungen führen. Sollte der Weg jedoch frei sein für einen Spielbetrieb, sollte und muss gespielt werden.

Könnte ein Verein der Regionalliga-Südwest den zuständigen Verband auf Wiederaufnahme des Spielbetriebs verklagen, wenn Fußball ohne Zuschauer möglich wäre?

Das ist eine interessante Frage. Spontan würde ich das nicht verneinen, denn aus der Pflicht zum Spielantritt folgt umgekehrt auch ein Recht, spielen zu dürfen.

Was wäre, wenn sich ein Fußballprofi weigert, aus Angst vor einer Covid-19-Ansteckung zu spielen?

Wenn keine Kontaktverbote oder andere Einschränkungen das Trainieren oder Spielen verbieten, muss die Arbeitsleistung erbracht werden.

Und wenn er einer Risikogruppe angehört?

Das hängt doch sehr vom Einzelfall ab und ob eine ganz konkrete, besondere Gefährdung trotz aller getroffenen Hygiene- und anderer Maßnahmen besteht.

Wäre die vom Verein verordnete „totale Quarantäne“ für einen gesunden Spieler arbeitsrechtlich erlaubt?

Insbesondere in diesem Punkt ist auch eine freiwillige Akzeptanz und ein Miteinander gefragt, denn der Arbeitsvertrag hat keine zeitliche Reichweite 24/7. Hier wird man aber zusammenstehen müssen, damit der Spielbetrieb und damit die gemeinsame Arbeitsgrundlage wenigstens wieder als Geisterspielbetrieb in Gang kommen kann.

Wird es im Fußball in Corona-Zeiten irgendeinen Gewinner geben?

Nein, es gibt leider nur Verlierer. Die ganze Branche ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen worden. Der Druck ist riesengroß, um am Ende des Tages sichergestellt zu haben, weitermachen zu können. Allerdings werden diejenigen, die die Erkenntnisse aus der krisenbedingt veränderten und auch in die nahe Zukunft hineinwirkende Lage schnell und konsequent umsetzen, erfolgreicher in den Neustart gehen.

Wird der Fußball nach der Corona-Pandemie der Gleiche wie vorher sein?

An der Strahlkraft des Fußballs wird sich nichts ändern. Sie ist resistent gegen jeden Virus. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden sich allerdings mit vielleicht wenigen Ausnahmen ändern. Der Zuschauer wird jedoch bei aller Begeisterungsfähigkeit nicht merken, ob ein Spieler 30 Prozent weniger verdient.

Quelle: F.A.Z.
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