In Erinnerung an Johnny Heimes

„Ich musste nicht kämpfen, ich durfte“

Von Michael Eder, Darmstadt
15.09.2021
, 14:03
Johnny Heimes
In Gedenken an Jonathan Heimes findet zum siebten Mal die Tennis-Trophy auf dem Gelände des TEC Darmstadt statt. Auf der Players Party wird Tore Meinecke der „Dumusstkämpfen“-Preis verliehen.

Wenn der Sommer in den Herbst übergeht, ist es Zeit für die Tennis-Trophy der gemeinnützigen GmbH „Dumusstkämpfen“ (DMK). Am kommenden Samstag findet sie zum siebten Mal auf dem Gelände des TEC Darmstadt statt, des Heimatvereins von Andrea Petković und Jonathan Heimes, dessen Leben und Geschichte die Initiative begründet hat. „Johnny“ Heimes war 2016 nach langem Kampf gegen den Krebs im Alter von 26 Jahren gestorben. In seinem Gedenken steht auch diese siebte Tennis-Trophy, und wie in den Jahren zuvor wird eine enorme Summe an Spendengeldern verteilt werden.

Im vergangenen Jahr waren es rund 260.000 Euro, die an verschiedene Projekte flossen, darunter den Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“, der damit drei Sportwissenschaftlerinnen bezahlt, um krebskranken Kindern auf der Station der Uniklinik eine sporttherapeutische Betreuung zu ermöglichen. Weitere Spenden flossen an das KinderPalliativTeam Südhessen und das Netzwerk ActiveOncoKids. Insgesamt konnte die DMK-Initiative seit ihrer Gründung 2015 mehr als zwei Millionen Euro verteilen.

Die Tennis-Trophy ist der Höhepunkt des „Dumusstkämpfen“-Jahres. Dabei spielen Profis, aktuelle und frühere, mit Amateuren und Freizeitsportlern, die sich über Spenden die Teilnahme gesichert haben. Gastgeberin Andrea Petković, Anna-Lena Grönefeld, Rainer Schüttler, Michael Kohlmann, Bernd Karbacher, Karsten Braasch und viele andere namhafte Profis schlugen in den vergangenen Jahren beim TEC auf.

Wissen war nie wertvoller

Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Der lange Darmstädter Tennistag, an dem in diesem Jahr auch die 14 Jahre alte deutsche Jugendmeisterin im Rollstuhltennis, Ela Porges aus Seeheim, teilnehmen wird, beginnt um 10 Uhr und endet am Abend mit der Player’s Party, einer Gala, zu der rund 250 Gäste im Clubhaus des TEC erwartet werden. Traditionell wird auf der Gala der DMK-Preis verliehen, eine Ehrung, die zuletzt die querschnittgelähmte Rad-Olympiasiegerin Kristina Vogel 2019 entgegennahm. In diesem Jahr heißt der Preisträger Tore Meinecke.

Es war der 28. Juni 1989, als Meineckes erstes Leben mit einem schrecklichen Unfall zu Ende ging. Der Hamburger Tennisprofi, damals 21 Jahre alt, hatte in Clermont-Ferrand in Frankreich ein Turnier gespielt, in der zweiten Runde gegen seinen Freund Ricki Osterthun verloren, und nun saßen sie im Auto, ein Chauffeur sollte sie zurück ins Hotel bringen. Mei­necke und sein Bruder Björn saßen hinten, nicht angeschnallt.

35 Tage im Koma

Vorne saß Ricki Osterthun neben dem Fahrer. Eine Ampel. Grün. Orange. Der Chauffeur gab Gas. Von links ein französischer Militärlaster. Ein fürchterlicher Knall. Meineckes Kopf schlug mit Wucht gegen den Türrahmen. Er verlor das Bewusstsein, atmete nicht mehr. Rettungskräfte reanimierten ihn, brachten ihn ins Krankenhaus. Diagnose Hirntrauma. Er wurde künstlich beatmetet, lag im Koma.

Ob er jemals wieder aufwachen würde, jemals wieder gehen oder reden könnte, die Ärzte meinten, das könne man nicht sagen, die Zeit werde es zeigen. Nach rund vier Wochen wurde Mei­necke mit einem Hubschrauber in die Hamburger Uniklinik verlegt. Auch die Mediziner dort mochten Meineckes Familie und seiner Freundin Celine keine großen Hoffnungen machen.

„Ich lag 35 Tage im Koma. Am 36. Tag begann die Aufwachphase. Irgendwann war mir dann wieder eine Sekunde bewusst. Dann fünf, dann zehn. Dann eine Minute und dann immer so weiter. Die Prognose war, ich würde lebenslang gelähmt bleiben. Diese Prognose hat mich überhaupt nicht interessiert. Für mich war völlig klar, wenn ich nicht gehen kann, werde ich es so lange probieren, bis ich es wieder kann. Wenn ich nicht sprechen kann, werde ich es so lange probieren, bis ich es wieder kann. Ich liebe das Leben. Und es war für mich völlig klar, dass ich nach meinen Unfall wieder leben würde, normal leben.“

Viel gewonnen, viel verloren

Meineckes erstes Leben jedoch war zu Ende gegangen. Ein Leben mit Glamour und der Verheißung einer großen Karriere als Tennisspieler. Erst 21 Jahre alt und schon die Nummer 46 der Weltrangliste und Davis-Cup-Spieler für Deutschland. Welch eine Zukunft vor ihm lag! Und nun? Nun musste er um sein Leben kämpfen. Ein anderes, ein zweites Leben. Musste er? Meinecke mag dieses Wort nicht in diesem Zusammenhang. „Nein“, sagt er heute, fast 32 Jahre später. „Ich musste nicht darum kämpfen, ich durfte.“ Ein Unterschied, wie er größer nicht sein könnte. Eine Unterscheidung, die Tore Meinecke so exakt beschreibt wie nichts sonst.

„Ich hatte durch den Unfall innerhalb einer Sekunde alles verloren. Aber ich habe auch viel gewonnen durch ihn. Ich habe das Leben wieder gewonnen. Ich habe gemerkt, wie schön es ist, leben zu dürfen. Den Regen zu spüren, die Sonne. Mit anderen Menschen zusammen sein zu dürfen. Für das Leben lohnt es sich zu kämpfen, wobei ich Kämpfen nicht verstehe als etwas, was man tun muss, sondern etwas, was man tun darf, ohne es als schwer zu empfinden.“

Meineckes Optimismus, sein Lebensmut auch in aussichtslos scheinender Lage, erinnert an Jonathan Heimes. Auch er hatte in seinem zwölfjährigen Kampf gegen den Krebs die schwierigsten Situationen klaglos angenommen. Auch er hatte aus unverbrüchlicher Liebe zum Leben um jeden kleinen Fortschritt gekämpft. Auch er hatte Tiefschläge als Herausforderung begriffen, die es zu meistern gilt.

Der perfekte Preisträger

„Mei­necke“, sagt der Darmstädter Anwalt Johann von Keussler, TEC-Sportwart und Gesellschafter der „Dumusstkämpfen“-Initiative, „ist für uns der perfekte Preisträger in Erinnerung an Johnny Heimes“. Meinecke, der seit Jahren mit seiner Frau Celine und drei Kindern in der Schweiz lebt und in der Nähe von Genf eine Tennisschule betreibt, hat seinen Kampf gewonnen. Ihm geht es gut. „Ich war 21, ich war die Nummer 46 der Tenniswelt, hätte höher kommen können. Aber ich wäre heute nicht glücklicher, wenn ich ein paar mal Wimbledon gewonnen hätte.“

Meinecke hat es geschafft. Bei der Tennis-Gala in Darmstadt wird er am Samstag davon erzählen. Am Tag des Unfalls damals in Frankreich hatte er gegen seinen Freund Ricki Osterthun Matchball gehabt, der Ball war versprungen. Hatte er die Linie berührt? Der Schiedsrichter hatte ihn gut gegeben, Meinecke war der Sieger. Eigentlich. Aber er ließ den Aufschlag wiederholen – und verlor das Match.

Ohne seine faire Geste wären sie alle früher aufgebrochen, wahrscheinlich wäre der Unfall nie geschehen. Am Samstag kommt es nun zu einem besonderen Wiedersehen. Die Laudatio auf den neuen DMK-Preisträger wird Ricki Osterthun halten, der das Match damals in Clermont-Ferrand gewann und mit Meinecke im Auto saß, als dessen erstes Leben zu Ende ging.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot