Jungunternehmer Bechmann

Leichtathlet kämpft um das Start-up des Jahres

Von Michael Reinsch
25.02.2021
, 19:51
Auf diesen Tag fiebert Zehnkämpfer Andreas Bechmann mit besonderer Spannung hin: Das Start-up des Jahres soll das des 21 Jahre alten Management-Studenten aus Frankfurt werden.

Die Qualifikation für die Europameisterschaft am ersten März-Wochenende ist geschafft. Um bereit zu sein für die Olympischen Spiele von Tokio, trainiert er jeden Tag drei bis vier Stunden. Doch auf diesen Freitag fiebert der Zehnkämpfer Andreas Bechmann seit Monaten mit besonderer Spannung hin: Das Start-up des Jahres, das die Stiftung Deutsche Sporthilfe dann auszeichnen wird, soll das des 21 Jahre alten Management-Studenten aus Frankfurt werden. Beim Votum des Publikums und beim zehnminütigen Pitch vor der Jury will Bechmann sich mit seiner Geschäftsidee gegen sechs Mitbewerber durchsetzen und 12.000 Euro Startkapital gewinnen.

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Sport, Studium und Unternehmertum, bei Bechmann ist das kein Gegensatz. „Der Tag hat 24 Stunden. Wenn man die richtig strukturiert, ist das sehr viel Zeit“, sagt er. „Wäre doch schade, wenn ich Stunden auf der Couch liegen würde. Mir ist es lieber, Probleme der Welt zu lösen.“ Als da wären: Wasserschäden. Bei einem Consulting-Projekt bei einer Versicherung während ihres Studiums an der accadis Hochschule in Bad Homburg sind Bechmann und Kommilitonen darauf gestoßen, dass in Deutschland Wasserrohrbrüche jedes Jahr Schäden in Höhe von knapp drei Milliarden Euro verursachen – und das sind lediglich die, für welche Versicherungen geradestehen.

Die jungen Männer – drei von der Hochschule in Bad Homburg und einer von der in Darmstadt – sehen nun ihre Aufgabe darin, durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz Defekte beim Zu- und Abwasser so präzise vorhersagen zu können, dass sie vermieden werden, Betroffene sich viel Ärger sparen und die Versicherer viel Geld. Ein bisschen mehr, als das Alter der Gebäude, die Vorhersage des nächsten starken Frostes, das Material der Rohrleitungen und die Qualität des Wassers einzugeben, sei schon nötig, sagt Bechmann.

„Das Schöne ist die Vielseitigkeit“

Er schwärmt geradezu. „Wenn der Computer einfach nur Stochastik könnte, brauchten wir ihn nicht“, sagt er. „Es ist Magie, die dahintersteckt.“ Wohl auch deshalb beruft er sich auf Peter Thiel, der als Erster in Facebook investierte und gemeinsam mit Elon Musk den Zahlungsdienstleister Paypal entwickelte, wenn er sagt: „Menschen können computergestützt bessere Entscheidungen treffen. Die Rechner sind nicht Gegenspieler, sondern Mitspieler.“ Thiel hat mit seinen Start-ups Milliarden gemacht.

12.000 Euro von der Sporthilfe kämen dem Jungunternehmer Bechmann sehr zupass. Seit dem 1.Januar ist seine Idee ein Forschungsprojekt der Hochschule. Seine Mitstreiter und er haben ihrem kommenden Start-up den Namen Preventio gegeben. Das Institute of Entrepreneurship von der accadis Hochschule ist mit im Boot. Doch mit dem Prototyp ihres Algorithmus, der Zauberformel für ihren Durchbruch, rechnen sie erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres. Das Freischalten einer Website und die Eintragung im Handelsregister stehen ebenfalls noch bevor.

Aber das sind Details im Vergleich zu der großen Idee, von der eines Tages Versicherungskonzerne, Wohnungsgesellschaften und nicht zuletzt potente Investoren überzeugt sein sollen. Wenn man wisse, wie Schäden entstehen, könne man effektiv agieren, sagt Bechmann. In seiner Vorstellung werden Versicherungen künftig nicht mit ihren Kunden um die Begleichung von Schäden streiten, sondern rechtzeitig, ähnlich wie der ADAC, jemanden wie die Gelben Engel mit dem Werkzeugkasten schicken.

Was, wenn das Projekt durchstartet und zugleich, im kommenden Sommer, die Spiele von Tokio stattfinden? „Ich sehe das nicht als Entweder-oder“, sagt der Athlet von Eintracht Frankfurt. „Ich bin jeden Tag dabei, mich auf Tokio vorzubereiten. Das ist ein Traum.“ Vor zwei Jahren, mit neunzehn, erzielte er 8132 Punkte im Zehnkampf, Bestleistung, und verpasste nur knapp die WM von Doha – bei der Niklas Kaul den Titel gewann. „Das Schöne am Zehnkampf ist die Vielseitigkeit“, sagt er. Was die einen als Königsdisziplin der Leichtathletik betrachten, sehen die anderen als Kumulation von Unvollkommenheit. „Man ist gezwungen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren“, sagt der junge Athlet. Als Entwickler und Jungunternehmer will er es genauso halten.

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„Darauf lässt sich aufbauen“

Der Zehnkämpfer Andreas Bechmann hat mit seiner Geschäftsidee von der Vorhersage von Wasserrohrbrüchen den Wettbewerb um das Start-up des Jahres der Stiftung Deutsche Sporthilfe gewonnen. „Darauf lässt sich aufbauen“, scherzte der Frankfurter, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn am Steuer seines Autos auf dem Weg nach Osten erreichte. Mit einem Zwischenstopp im Trainingslager Kienbaum bei Berlin geht es für den 21-Jährigen wie für die Nationalmannschaft der Leichtathleten zur Hallen-Europameisterschaft nach Torun in Polen.

Zum Gewinn der mit 12.000 Euro dotierten Auszeichnung am Freitag für „Preventio“ mussten Bechmann und seine drei Partner und Kommilitonen einige Hindernisse überwinden. Zunächst verzögerte sich die online ausgetragene Konferenz, dann verhinderten technische Probleme, dass Bechmann seine Präsentation teilen konnte.

Ein Mitglied der Jury spielte daraufhin die Daten aus der Datei ein, die er vorab erhalten hatte, mit Seitenwechsel auf Zuruf. Bechmann übernahm die zehnminütige Präsentation, bei der Fragerunde danach waren seine drei Kompagnons und Kommilitonen, aus Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden zugeschaltet, dabei. Bechmann wird in Torun am Samstag und Sonntag den Siebenkampf bestreiten; vom Zehnkampf-Disziplinen fehlen Speer- und Diskuswurf sowie die 400 Meter. (mr.)

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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