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5:1 in Hoffenheim

Beierlorzer-Effekt hilft Mainz selbst in Unterzahl

Von Daniel Meuren, Sinsheim
 - 20:12
Mainz wie es singt und lacht: Torschütze Levin Öztunali (vorne) feiert mit Jean-Paul Boetius und Karim Onisiwo.

Sind es diese kleinen Gesten, die im Fußball kleine Wunder bewirken können? Beim Aufwärmen widmete sich Achim Beierlorzer eine gute Minute lang seinem Außenbahnspieler Levin Öztunali. Der neue Trainer von Mainz 05 nahm seinen Offensivspieler in den Arm, redete auf ihn ein, zwickte ihn in die rechte Rippenpartie und zeigte auf seinen rechten Fuß. Er muss ihn wohl zum Torabschluss mit seinem starken Schussbein ermutigt haben. Es wirkte: In der 33. Minute brachte der Enkel von Uwe Seeler sein Team in Führung – natürlich mit einem Rechtsschuss nach einem entschlossen geführten Zweikampf mit dem Hoffenheimer Abwehrspieler Benjamin Hübner. Der Führungstreffer ebnete den Weg zu einem 5:1 (1:0)-Auswärtserfolg bei der TSG Hoffenheim im ersten Spiel des neuen Trainers, zu dem der Hoffenheimer Pavel Kaderabek (52. Minute) ein Eigentor und zweimal Pierre Kunde (63./90+3.) sowie Jean-Paul Boetius (90.) für Mainz 05 die weiteren Treffer beisteuerten.

Beierlorzer gelang damit das Kunststück, zwei Wochen nach einer 1:2 (1:0)-Niederlage mit seinem vorherigen Klub 1. FC Köln gegen Hoffenheim, mit seinem neuen Klub gegen den selben Gegner zu gewinnen und dessen Serie von inklusive DFB-Pokal zuletzt sechs Pflichtspielsiegen zu beenden. Der 52 Jahre alte Trainer war bei den Rheinländern entlassen und direkt in Mainz angestellt worden.

Öztunalis Treffer war symptomatisch für den Auftritt der Mainzer im ersten Spiel nach der so schwierigen Trennung vom im Klub so beliebten Trainer Sandro Schwarz – einem Sohn der Stadt und des Vereins. Mainz 05 sah sich gezwungen, den Reflexen der Branche zu folgen und mit einem Trainerwechsel ein klassisches Zeichen an die Spieler zu senden. Es schien von allen Spielern eine Last von den Schultern zu nehmen. „Das 1:0 hat viel ausgemacht. Das ist für den Kopf was ganz anderes als Rückstände wie in den vergangenen Wochen“, sagte Jean-Paul Boetius, der Beste in einem leidenschaftlichen Mainzer Team, der freilich auch betonte, dass unter dem neuen Coach im Training eigentlich „nichts anderes gemacht“ worden sei. Rouven Schröder versuchte sich derweil am Erklären des Unerklärbaren. „Fußball ist nicht zu beschreiben. Heute liefen fast alle 50:50-Situationen für uns“, sagte der 44 Jahre alte Mainzer Sportvorstand. „Wir waren vielleicht einfach mal an der Reihe.“

Bundesliga

Beierlorzer war zudem so mutig, sein Team weniger vom Personal her, als vom System durcheinanderzuwirbeln: Er begann nach nur vier gemeinsamen Trainingstagen, von denen Nationalspieler wie Edimilson Fernandes, Pierre Kunde, Robin Quaison oder Karim Onisiwo gar noch zwei bis drei Trainingseinheiten verpassten, in einer Grundformation mit einer Dreierabwehrkette, um der Hoffenheimer Offensive mit drei Angreifern spiegelverkehrt Widerstand zu leisten. Und diese neu formierte Abwehrreihe dirigierte der vermeintliche Schweizer „Königstransfer“ Fernandes, der zuvor stets im zentralen Mittelfeld gespielt und meist enttäuscht hatte.

Zu Beginn hatten die Rheinhessen merklich einige Orientierungsschwierigkeiten, die vor allem bei Jeremiah St. Juste zu zwei beinahe folgenschweren Aussetzern führten. Einmal scheiterte jedoch Locadilla am Mainzer Schlussmann Robin Zentner (3.), bei einem Rudy-Schuss aus 16 Metern rettete dann Kunde für den geschlagenen Torwart auf der Linie (15.).

Dann aber wirkte der Beierlorzer-Effekt: Die zuletzt so lahmen und braven Mainzer nahmen den Hoffenheimern mit Einsatzfreude den Spaß am Spiel. Sie fanden anders als zuletzt in Zweikämpfe, führten sie mit Leidenschaft und gelegentlich auch grenzwertiger Härte. Diese führte dazu, dass Ridle Baku kurz vor der Pause vom Feld musste, als Schiedsrichter Bastian Dankert nach Konsultation der Videobilder eine Gelbe Karte in eine Hinausstellung verwandelte.

Die letzte halbe Stunde eine Abwehrschlacht

Doch die Mainzer ließen sich an diesem Tag vor 23.000 Zuschauern in der Sinsheimer Arena auch zu zehnt nicht aus der Bahn werfen: Sie blieben auch in Unterzahl so mutig, dass Innenverteidiger St. Juste mit einem Vorstoß und einer guten Flanke ein kurioses Eigentor durch Kaderabek erzwang, der den Ball beim unglücklichen Klärungsversuch ins eigene Netz köpfte (52.). Kunde schloss dann noch einen Konter nach einem perfekten Zuspiel von Boetius zum 3:0 ab (63.), sodass die Mainzer die letzte halbe Stunde recht gelassen in einer Abwehrschlacht über die Zeit bringen konnten. Torhüter Zentner zeichnete sich dabei mehrfach mit guten Paraden aus.

Hoffenheim fand trotz der Hereinnahme des angeschlagenen Stürmers Andrej Kramaric nicht wesentlich besser ins Spiel und musste die erste Niederlage nach fünf Siegen in Serie akzeptieren. Lediglich Kramaric gelang kurz vor Schluss noch ein Ehrentreffer. Wenige Minuten später verhinderte Zentner dann mit einer Glanzparade gegen den Torjäger, dass es für sein Team noch einmal hätte eng werden können. Stattdessen konterten die Mainzer nochmals zweimal höchst effizient: Boetius krönte seine starke Leistung dann noch mit seinem Treffer nach einer feinen Einzelleistung, ehe Kunde abermals einen Konter abschloss und damit sogar einen Bundesligarekord aufstellte: Noch nie war es einer Mannschaft auswärts gelungen, vier Tore in Unterzahl zu erzielen.

Beierlorzer bescheinigte seiner Mannschaft deswegen „eine ganz, ganz tolle Moral“ und eine „Wahnsinnsleistung“. Doch auch für seinen Vorgänger Sandro Schwarz, mit dem er unter der Woche lange telefoniert hatte, fand der neue Mainzer Trainer lobende Worte. „Die Arbeit wurde vorher gemacht“, sagte Beierlorzer bei Sky. Torhüter Robin Zentner warnte derweil trotz der Glücksgefühle vor Überheblichkeit: „Das war ein erster Schritt, aber wir wollen den Sieg nicht zu hoch bewerten. Wir haben die Konter sehr schön ausgespielt, dürfen das Ganze aber nicht zu hoch hängen.“

Die Mainzer springen dank des Auswärtserfolgs vor dem Rhein-Main-Nachbarschaftsduell mit der Eintracht in der Tabelle von Rang 16 auf Rang 13. Wichtiger als diese Tabellenkosmetik aber war das Auftreten eines moralisch runderneuerten Teams.

Auffällig bei den Rheinhessen war zudem die Rolle des neuen Assistenten Niko Bungert. Nachdem der Kapitän der Vorjahre seine Karriere im Sommer beendet hatte, wollte er in einem Traineeprogramm eigentlich den Klub und die Kunst der Klubführung kennen lernen. In der Not der Situation berief ihn Sportvorstand Rouven Schröder aber zu einer Art Verbindungsmann des Trainers zum Team. Eine Rolle im Hintergrund? Bungert agierte auf Geheiß Beierlorzers oft an der Seitenlinie, gab vor allem bezüglich des Verhaltens bei gegnerischen Standards Ratschläge und war beim Torjubel immer mittendrin. Vielleicht ist auch das solch eine kleine Geste, die Wirkung zeigt.

Quelle: FAZ.NET
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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