Sophia Kleinherne im Interview

„Der Beginn von etwas ganz Großem“

Von Alex Westhoff
08.08.2022
, 12:53
„Eine ehrliche Einheit, keine künstlich überspitzte“: Sophia Kleinherne (links) und Sara Doorsoun nach Kleinhernes Tor im EM-Spiel gegen Finnland
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Nationalspielerin Sophia Kleinherne spricht im Interview über die große Aufmerksamkeit nach der EM, die Pläne mit der Eintracht und was sich ändern muss, damit wieder mehr Mädchen Fußball spielen.
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Frau Kleinherne, was war Ihr erinnerungswürdigster Moment der zurückliegenden EM-Wochen?

Es gab so viele Schlüsselmomente, die mich geprägt haben, dass ich da gar keinen einzelnen herauspicken mag. Das Spanien-Spiel war mein erstes Match auf solch einer Riesenbühne. Gegen Finnland habe ich mein erstes Länderspieltor überhaupt erzielt. Die Kulisse im Finale in Wembley war unglaublich. Aber auch der Empfang hier in Frankfurt auf dem Römerberg – wir haben nicht damit gerechnet, dass uns so viele Menschen empfangen werden.

Inwiefern wirken solche Schlüsselmomente, wie Sie sagen, prägend auf Sie?

Das waren Momente, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Auch in dem Sinne, dass es eine Wertschätzung und Belohnung für das war, was man Wochen, Monate und Jahre täglich im Verborgenen gegeben hat. Ich habe mehr Spielzeit erhalten, als ich mir vorher ausgemalt hatte, und habe mir vorgenommen, für die Mannschaft da zu sein, wenn ich gebraucht werde. Das habe ich ganz gut hinbekommen. Es war großartig, auf dieser Bühne gegen solch starke Gegner dokumentieren zu können, was ich kann und wie ich dazugelernt habe. Das maximal hohe Niveau der Spiele in England hat uns als Mannschaft über uns hinauswachsen lassen. Es war toll zu erleben, wie alle hundertprozentig da waren, als wir es am meisten gebraucht haben. Und dass wir dabei offensichtlich so viele Menschen begeistert und mitgerissen haben, ist die größte Wertschätzung, die uns zuteilwerden konnte.

© Youtube

Empfinden Sie es nicht auch als ein Stück weit beleidigend, dass nun plötzlich alle Welt feststellt: Oh, die können ja richtig gut kicken! Starkes Niveau wird bei den Topduellen in Bundesliga und Champions League schon länger gezeigt.

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Es ist toll, dass die EM so viel ausgelöst hat. Aber, ja, irgendwo ist es auch schade, dass es große Turniere wie die EM in dieser Form brauchte, um uns sichtbarer zu machen. Denn wir kämpfen dafür schon viele Jahre. Aber natürlich tut uns dieser Schub durch die EM sehr gut für diesen Kampf um Akzeptanz und Anerkennung. Vielleicht schaut man ja in einigen Jahren auf dieses Turnier 2022 zurück und bezeichnet dieses als Schlüsselmoment für eine Aufwärtsentwicklung, die daraufhin eingesetzt hat. Dieses Turnier sollte nicht als Ende gesehen werden von vier Wochen, an deren Schluss wir den Titelgewinn knapp verpasst haben. Sondern als Beginn von etwas ganz Großem, als erste Etappe, um noch einiges mehr für den Frauenfußball zu erreichen.

Was sind nun die wichtigsten Schritte mit dem Rückenwind des Turniers?

Wir wollen, dass die Euphoriewelle aus England hier herüberschwappt. Dass es keine einmalige Ausnahmesituation bleibt und wir nach drei Monaten wieder vergessen werden können. Was man hört und was man liest und nicht zuletzt, welche Rückmeldungen ich bekommen habe, weist daraufhin, dass viele Menschen nun auch mal ein Bundesligaspiel besuchen wollen. Und nicht nur ein ausgewähltes Topspiel wie Bayern München gegen VfL Wolfsburg. Ein deutlich erhöhter durchschnittlicher Zuschauerschnitt wäre für die Liga ein wichtiger Schritt.

Leere Ränge sind in der Bundesliga keine Seltenheit, wie hier bei der Meisterfeier der Bayern 2021.
Leere Ränge sind in der Bundesliga keine Seltenheit, wie hier bei der Meisterfeier der Bayern 2021. Bild: dpa

Was noch?

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Es müsste den Zuschauern einfacher gemacht werden, uns zu erleben und zu verfolgen, live im Stadion oder vor dem Fernseher. Um zu zeigen, wie professionell wir arbeiten und uns vorbereiten auf die Wettkämpfe. Darin täuschen sich viele noch. Die Doku „Born for this – Mehr als Fußball“ der Nationalmannschaft macht dies deutlich und hat vielen erst einen Einblick gegeben, was wir leisten und was in uns abgeht. Da haben wir uns schon sehr geöffnet, und die nächsten Folgen mit Inhalten von der EM dürften auch sehr spannend und sehenswert werden.

Wann ist dieser besondere Teamgeist entstanden, der die deutsche Mannschaft durch die EM getragen hat? In den Monaten zuvor schien dieser durch viele personelle Experimente der Bundestrainerin und viele Ausfälle bei den Vorbereitungsspielen noch nicht sehr ausgeprägt gewesen zu sein.

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Es ist kein Geheimnis, dass es Phasen gab, in der wir uns als Mannschaft überhaupt nicht gefunden haben. In denen es zwischen Mannschaft und Trainerteam nicht gepasst hat und auch untereinander zwischen den Spielerinnen geknirscht hat. Die beiden Vorbereitungs-Camps in Herzogenaurach haben sehr viel dazu beigetragen, dass wir eine Einheit gebildet haben. Und zwar eine ehrliche und keine künstlich überspitzte. Wir sind in England gelandet und haben uns in die Augen geschaut im Wissen, dass es nur gemeinsam geht. Spätestens nach dem ersten Spiel gegen Dänemark war uns klar, dass es keine Illusion ist, sondern dass wir wirklich das Potential und die Qualität haben, weit zu kommen. Dass jeder, egal in welcher Rolle, das große Ganze trägt, haben alle im Kader, Trainerteam und Staff voll gelebt.

Nun ist viel davon die Rede, wie man nach dem Rückgang der vergangenen Jahre wieder mehr Mädchen zum Fußballspielen bewegen kann. Gab es während Ihres Werdegangs Beispiele von talentierten Spielerinnen, die wegen fehlender oder schlechter Strukturen frühzeitig aufgehört haben?

Ja, auf jeden Fall. Mädels konnten und wollten irgendwann den Spagat zwischen Schule und Ausbildung auf der einen und dem Sport auf der anderen Seite nicht mehr stemmen. Denn im Frauenfußball ist eine abgeschlossene Ausbildung selbst dann noch elementar wichtig, wenn man es schon in die Bundesliga geschafft hat. Vor Kurzem war es noch so, dass die meisten von dem Verdienst im Fußball nicht leben konnten. Und auch heute ist es nicht so, dass man sich viel für die Zeit nach der aktiven Karriere zurücklegen könnte. Darüber hinaus – und ich kann das gut nachvollziehen – verlieren wir viele Mädels, weil die Bedingungen nicht stimmen.

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Inwiefern?

Ich hatte in meiner Jugend auch eine knifflige Phase, als ich zu jedem Training zwei Stunden nach Gütersloh gefahren bin und zwei Stunden wieder zurück. Da waren meine Eltern schon in Sorge, wie das eine 14-Jährige bewältigen soll. Man musste es schon sehr, sehr wollen und es durchziehen. Die Bedingungen dafür, es wirklich bis nach oben zu schaffen, waren und sind aber sicher nicht optimal. Als ich dann ins Sportinternat Kaiserau kam, war vieles leichter. Aber dort muss man schließlich auch erst mal einen der damals 14 Plätze ergattern.

Sophia Kleinherne nach dem EM-Spiel gegen Spanien.
Sophia Kleinherne nach dem EM-Spiel gegen Spanien. Bild: Reuters

Der EM-Kader ist voll von Geschichten von starken Frauen, die in ihrer Jugend jahrelang in Jungen-Teams gekickt haben. Die auf Bolzplätzen so manchen blöden Spruch überhört haben. Nur ist dies ja längst nicht jedes Mädchens Sache.

Wir sind auf einem guten und wichtigen Weg, auch für Mädels bessere Möglichkeiten zu schaffen, mit denen sich die Spielerinnen entfalten können. Man sieht und spürt in den größeren Vereinen, dass an den Bedingungen gearbeitet wird. Das ist etwas, wofür wir uns als Frauen-Nationalmannschaft enorm einsetzen: und zwar, dass wir bei den Startbedingungen vorankommen und nicht direkt drei, vier Stufen überspringen und sofort nur noch über „Equal Pay“ reden. Es gilt, den Ursachen auf den Grund zu gehen, warum weniger Spielerinnen sich auf den Weg machen. Zunächst ist es am wichtigsten, dass die Infrastruktur stimmt und dass einer Spielerin ein Umfeld geboten wird, mit dem sie gut an sich arbeiten kann.

Wie lässt sich das EM-Hoch in den Alltag bei der Eintracht einspeisen?

Es geht alles sehr schnell, und es gibt wenig Zeit, alles zu realisieren und sacken zu lassen. Wir haben nur wenige Tage Pause nach dem Turnier, weil die Champions-League-Qualifikation ansteht. Es wird nicht leicht, im Kopf umzuswitchen. Aber das in England Erlebte und Erfahrene und all die positiven Emotionen werden uns Nationalspielerinnen sicher beflügeln. Ich betrachte es eher als Glück, dass wir nun mit der Qualifikation für die Europapokal-Gruppenphase das nächste Ziel vor Augen haben, das wir jagen können.

Bei dem Mini-Turnier brauchen Sie vom 18. August an zwei Siege aus zwei Spielen, um im Rennen zu bleiben. Abstimmung und Zusammenspiel werden kaum perfekt sein, oder?

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Es wird für unseren Trainer schwer, dort in Dänemark eine eingespielte Mannschaft zu stellen – das betrifft ja aber beispielsweise auch Ajax Amsterdam. Denn die Nationalspielerinnen sind alle zu verschiedenen Zeitpunkten in den Trainingsbetrieb eingestiegen. Aber: Alle sind top drauf und werden körperlich und mental gut vorbereitet sein. Zumal wir noch gemeinsam in ein Trainingslager fahren …

… von Wembley ins mittelhessische Grünberg: Klingt ein bisschen wie Bauchlandung nach Höhenflug.

Nee, uns kommt es entgegen, dass wir keine weite Reise haben. Und dort wird uns von Unterkunft bis zum Trainingsplatz einiges geboten, um uns bereit zu machen für die Champions League, für die wir in der Vorsaison so hart gearbeitet haben.

Quelle: F.A.S.
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