Frankfurter Unentschieden

Schreckmoment für die „Ministranten“

Von Jörg Daniels, Frankfurt
17.09.2021
, 08:25
Schreckmoment für die Eintracht: Istanbuls Mergim Berisha (r) traf im Elfmeter-Nachschuss. Doch das Tor wurde wieder aberkannt.
Elfmeter in der Nachspielzeit. Gehalten. Nachschuss verwandelt. Treffer annulliert. Viel mehr Dramatik geht nicht. Die Eintracht gewinnt zwar wieder nicht. Ist aber dennoch zufrieden. Auch weil die Disziplin stimmt.

Der Istanbuler Fußballprofi Mergim Berisha hätte es ahnen können. Noch bevor dessen Mannschaftskollege Dimitris Pelkas am Donnerstagabend in der Nachspielzeit zum Elfmeterschuss antrat, achtete der italienische Schiedsrichter Maurizio Mariani in der Frankfurter WM-Arena penibel auf die Einhaltung der Regeln.

Aber Berisha interessierten vermeintliche Kleinigkeiten im Eifer des Gefechts nicht. Und so kam es aus Sicht von Fenerbahce Istanbul, wie es kommen musste: Der Treffer von Berisha zum 2:1 zählte nicht, weil dieser zu früh in den Strafraum gelaufen war. Davor hatte Eintracht-Torhüter Kevin Trapp unter dem Jubel der Frankfurter Fans den Elfmeter von Pelkas abwehren können. Trapp ärgerte sich zunächst maßlos, dass seine Glanztat keine Bedeutung zu haben schien. Per Videobeweis wurde der Elfmeter-Nachschuss von Berisha jedoch annulliert. Zum Auftakt in der Europa League blieb es beim 1:1. Trapp verspürte vor 25.000 Zuschauern verspätete Genugtuung.

Europa League

„Ich bin sehr erleichtert, dass ich den Elfmeter gehalten habe. Es freut mich, denn es wäre eine späte Niederlage gewesen“, sagte Trapp. Der Torhüter hatte den Elfmeter im regelwidrigen Duell mit Pelkas selbst verursacht.

„Unsere Ministranten standen draußen“

Trapps Trainer Oliver Glasner war im Stadion einer der ersten, der davon ausging, dass das Tor von Berisha nicht zählen würde. Aufgrund einer Sperre durch die UEFA für ein Fehlverhalten zu Wolfsburger Zeiten hatte der Österreicher die unterhaltsame und hitzige Begegnung von einer Loge aus verfolgen müssen. Nachdem Glasner die Wiederholung der Elfmeterszene im Fernsehen gesehen hatte, war er sich sicher, dass der Treffer von Berisha keinen Bestand haben würde. „Unsere Ministranten hingegen standen schön draußen außerhalb des 16-Meter-Raumes“, sagte der Trainer über die disziplinierten Eintracht-Spieler und grinste.

Linksverteidiger Erik Durm bedankte sich bei Trapp für dessen gute Reaktion auf der Linie, die eine Form von Wiedergutmachung für sein vorausgegangenes Foulspiel war. „Ich wusste, dass Kevin zur Zeit super drauf ist. Es war sehr wichtig, dass er das Ding rausfischt“, sagte Durm.

Torwart Kevin Trapp hatte den Elfmeter von Istanbuls Dimitrios Pelkas, den er selbst verschuldet hatte, abgewehrt.
Torwart Kevin Trapp hatte den Elfmeter von Istanbuls Dimitrios Pelkas, den er selbst verschuldet hatte, abgewehrt. Bild: dpa

Zwar blieben die Frankfurter auch im sechsten Pflichtspiel dieser Saison ohne Erfolgserlebnis. Aber im dramatischen Spielfinale keinen Schaden genommen zu haben, stimmte sie zuversichtlich. Das 1:2 wäre ein „heftiger Nackenschlag“ gewesen, sagte Glasner. „Oh Gott!“ habe er gedacht, als die Istanbuler in der Nachspielzeit den Elfmeter zugesprochen bekamen. So aber könne das jetzt „die Wende in unsere Richtung“ sein. „Denn die Mannschaft ist sehr willens- und charakterstark. Die Basis stimmt zu hundert Prozent bei uns“, findet Glasner.

Der „echte Europa-Pokalfight“ zwischen den beiden Mannschaften offenbarte jedoch die Schwächen im Frankfurter Spiel. Die Eintracht-Profis müssen zuvorderst ihr Offensivspiel verbessern. Sportvorstand Markus Krösche gab dem Team für die kommenden Spiele mit auf den Weg, „im letzten Drittel noch konsequenter zu agieren. Wir hatten einige gute Torchancen, die wir liegen gelassen haben“, kritisierte er.

Pelkas hebt ab, nachdem Trapp ihm in die Quere kam: Elfmeter!
Pelkas hebt ab, nachdem Trapp ihm in die Quere kam: Elfmeter! Bild: Reuters

In die Torschützenliste konnte sich lediglich Neuzugang Sam Lammers eintragen, der nach 41 Spielminuten ein schönes Zuspiel von Filip Kostic zum 1:1 verwertete. Sein zweiter Treffer nach einer Stunde wurde ihm aberkannt, weil bei Mitspieler Daichi Kamada eine Abseitsstellung vorgelegen hatte. „Wir haben im Ausspielen unserer Situationen viel Luft nach oben“, sagte Glasner. „Das Gefühl füreinander müssen wir noch entwickeln und die Automatismen in den Griff bekommen.“

Keinen Zugriff auf die flott loslegenden Istanbuler bekamen die Frankfurter in den Anfangsminuten. Mit großer Spielfreude und großem Selbstbewusstsein setzten die Fenerbahce-Profis die Hessen mächtig unter Druck. Diese konnten von Glück sagen, dass nur dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Mesut Özil der Treffer zum 1:0 (9. Minute) gelang. „Wir haben sehr schwer ins Spiel gefunden und waren nervös. Der Rückstand war verdient.“

Glasner gefiel es jedoch, wie sich seine Mannschaft „von Minute zu Minute in das Spiel zurückgekämpft“ habe. Dafür machte er seinen Spielern „ein Kompliment. „Ich kann mit dem Punkt gut leben“, sagte der Trainer. Sorgen bereitete ihm Abwehrchef Martin Hinteregger, der sich an der Schulter verletzte. „Die Ärzte haben gesagt, dass er Schmerzen hat. Am Ende konnte Martin die Schulter kaum noch bewegen, er hat sich jedoch durchgebissen.“

Hintereggers Mitspieler Erik Durm sieht die Frankfurter „ auf einem richtig guten Weg. Man hat wieder gesehen, dass wir eine geile Einheit auf dem Platz sind“, sagte er. Nach dem Schlusspfiff unterhielt sich Durm mit Özil, mit dem er 2014 Fußball-Weltmeister in Brasilien geworden war. „Er ist ein super Junge. Ich habe mich nach seiner Familie erkundigt und ihm alles Gute für die Zukunft gewünscht“, berichtete Durm. Auch wenn die Eintracht unter der Anleitung von Glasner noch sieglos ist, seien die Frankfurter „völlig zufrieden mit dem Weg, den wir eingeschlagen haben“. Doch was jetzt wirklich zählt, weiß auch Durm: „Es geht darum, endlich drei Punkte einzufahren.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
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