Ringen im Selbstversuch

Flugstunden mit sanfter Landung

Von Daniel Meuren, Mainz
06.09.2013
, 08:56
Die Ringer vom deutschen Meister ASV Mainz 88 machen einem den Einstieg nicht schwer. Sie setzen ihre gewaltigen Kräfte sehr feinfühlig ein. Trotzdem wächst der Respekt vor dem vom Olympia-Aus bedrohten „Raufen nach Regeln“.

Gleich knallt es. Dann gibt es wieder das dumpfe Geräusch, das beim Kontakt zwischen Körper und Matte entsteht. Und den Schmerz, der die Erschütterung begleitet. Ich spanne zum Schutz meine müden Muskeln an, während Baris Baglan mich durch die Luft wirbelt. Dann ist auch der fünfte oder sechste Aufprall auf dem Boden der Ringertatsachen erträglich.

Natürlich bereue ich jetzt, gegen Ende der zweistündigen Trainingseinheit, die Idee eines Selbstversuchs in einer mir ganz fremden Sportart. Die Bundesligaringer des ASV Mainz 88, deutscher Mannschaftsmeister der vergangenen Saison, lassen mich mittrainieren, schon bei der herzlichen Begrüßung vor dem Training integrieren sie mich wie einen normalen Kameraden. Ich habe mich so naiv wie möglich in das Abenteuer gestürzt. Mein Leben war bis dahin völlig frei von Rangeln und Raufen. Geprügelt habe ich mich schon gar nicht. In der Grundschule habe ich mich mit Sofia, dem stärksten Mädchen, gut gestellt. Sportliches Kräftemessen fern von Wettrennen oder Ballspielen war mir stets fremd. Eine Sportart wie Ringen war mir ferner als Synchronschwimmen.

Fasziniert vom Archaischen

Als Zuschauer faszinierte mich der Sport indes bei den bisherigen Begegnungen: wegen der archaischen Ausgangssituation des Kampfs Mann gegen Mann; wegen der vollkommenen Erschöpfung der Sportler nach ihren Kämpfen; wegen der Vielfalt der Kampfstile in den beiden Stilarten Griechisch-Römisch sowie Freistil und den sieben Gewichtsklassen vom 55-Kilogramm-Fliegengewicht bis hin zu den 120-Kilogramm-Kolossen.

Umso schockierender war es, dass im Februar ausgerechnet dieser olympische Ursport, der schon bei den antiken Athletentreffen zu den wichtigsten Wettkämpfen zählte, aus dem Programm der Sommerspiele genommen wurde. Am Sonntag hat das Ringen nun bei der IOC-Session in Buenos Aires die Chance zum Comeback. Im Wettstreit mit Baseball und Squash geht es um die Wiederaufnahme in den Olymp.

Ringen im Selbstversuch
Am Boden und in der Luft
© Wonge Bergmann, FAZ.NET

Anlass genug, bei Baris Baglan, dem Sportdirektor der Mainzer Meisterringer, um ein Probetraining zu bitten. Ich gestehe dem 39 Jahre alten Lehrer meinen Respekt vor dem Sport und meine Angst vor einer Verletzung. Zwei Kreuzbandrisse in meiner Fußballlaufbahn reichen mir.

Extrem feinfühlig

Der eloquente Ringer antwortet schlagfertig: „Vertrau mir. Wir Ringer haben unfassbare Kräfte. Aber wir können extrem feinfühlig mit ihnen umgehen.“ Ich vertraue ihm, freue mich aber, dass das Aufwärmtraining erst einmal mit einem Basketballspiel beginnt. Die Kampfsportler wollen dabei mit Kopf und Ball durch die Wand, ich trenne mich lieber schnell per Pass vom Spielgerät. Das ist eine gute Idee, da die Ringer Basketball als Vollkontaktsport betreiben und den ballführenden Gegner gehörig attackieren.

Den ersten Ringkämpfen gehe ich also erst einmal aus dem Weg. Schon beim nächsten Teil des Warm-ups erkenne ich Unterschiede zwischen mir und einem Ringer: Handstandüberschläge und Kopfstände sind für die motorisch bestens ausgebildeten Athleten ein Kinderspiel, während ich schon mit einem Purzelbaum Schwierigkeiten habe. Während die Ringer die sogenannte Brücke mit der Hauptlast auf dem Hinterkopf im Hohlkreuz halten, dass selbst Schwergewichte darauf hüpfen könnten, bin ich froh, dass ich die Schulterblätter wenige Zentimeter vom Boden abheben kann.

Ohr an Ohr, Schulter an Schulter

Aber das ist ja alles nur Vorspiel: Endlich nimmt mich Baris Baglan zur Seite und erklärt die Grundtechniken des „Raufens nach Regeln“, wie die Ringer ihren Sport und ein gesellschaftspolitisch sehr lobenswertes Projekt zur Gewaltprävention an Schulen nennen. So stehe ich Bein an Bein, Kopf an Kopf, Schulter an Schulter, Ohr an Ohr mit Baglan. Hatte ich vorher noch eine gewisse Scheu bei dem Gedanken, mit einem fremden, verschwitzten Körper in Kontakt zu kommen, so verschwinden die Bedenken, als es ernst wird.

Das ehemalige deutsche Nationalmannschafts-Mitglied zeigt mir, worum es beim Ringen geht: Es ist bei weitem nicht die Kraft alleine, die zählt. Es geht um Standfestigkeit und Körperkontrolle, um die Hoheit über wenigstens einen Arm des Gegners, um Finten, mit denen man die Kraft des Gegners ins Leere stoßen lässt. Während ich mich also gerade mit aller Macht dem vermutlich nicht einmal mit halber Kraft schiebenden und ziehenden Gegner entgegenstemme, lässt er plötzlich locker, ich stolpere nach vorne und schon hat er mich im Griff. „Ringen wird mit Schnelligkeit, Explosivität, Geschicklichkeit und vor allem mit dem Kopf entschieden, mit Strategie“, sagt Baglan, nachdem er sich auf meinen Rücken gestürzt hat. „Das Geheimnis ist es, den anderen mit Kreativität aus dem Gleichgewicht zu bringen.“

Er spricht dabei ganz ruhig, ich schnaufe schon nach vielleicht 20 Sekunden „Kampfzeit“ gewaltig. So höre ich erschöpft, dass es im Ringen über 150 Grundtechniken für einen zielgerichteten Angriff auf Beine oder Oberkörper gibt. Dazu gibt es nahezu unendlich viele Variationen. Ganz wichtig ist das Ausnutzen von Hebelkräften. Mir fehlen derweil der Instinkt eines Kämpfers, die koordinativen Selbstverständlichkeiten, um überhaupt eine Idee für die Planung eines eigenen Angriffs zu entwickeln. Nur sehr umständlich schaffe ich es, einen Schulterüberwurf durchzuziehen. Als Baglan auf dem Boden aufschlägt, ist das dann aber ein tolles Gefühl.

Glücklich in die Verteidigung

Dennoch begebe ich mich glücklich in die Verteidigung in der Bodenlage. Defensive fiel mir schon im Fußball leichter. Baglan fordert mich auf, seine Versuche zum Durchdrehen abzuwehren. Ich breite meine Arme aus, kralle mich mit den Fingern in die Matte. Tatsächlich kann ich aber nur solange Widerstand leisten, bis mein Gegner ein bisschen ernster macht. Und schon dreht er sich nach Lust and Laune mit mir als Zusatzgewicht um die eigene Achse. So also können Kräfte in Verbindung mit Technik wirken.

Ich habe es dem in Mainz aufgewachsenen Sohn zweier türkischer Einwanderer natürlich auch zu leicht gemacht. Ich habe für den großen Tag „abgekocht“, leider nur im höheren einstelligen Pfundbereich statt der angebrachten zweistelligen Kilogrammzahl. Aber immerhin bekomme ich ein Lob. „Man merkt, dass du dich vorbereitet hast“, sagt er. Meine Muskeln sind freilich eher in den Beinen ausgebildet vom Fußball und in den Fingern vom Tipp-Kick. Die Oberarme schwächeln.

Das merke ich, als sich Baglan freiwillig in die Bodenlage begibt: Nun soll ich ihn durchdrehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Ich bewege seinen Körper keinen Zentimeter vom Fleck. Baglan klebt förmlich auf der Matte und tatsächlich spricht er später davon, dass sich Ringer mit ihrer Abwehrtechnik in der größten Not an der Oberfläche „festsaugen“. Er demonstriert mir seine spidermanähnlichen Fähigkeiten, indem er mich auf seinem Rücken liegend mit kräftigem Robben über die Matte zieht. Baglan erinnert dabei von Bewegungsablauf wie auch Urgewalt an eine Riesenechse.

Im Vergleich ist er mir aber wesentlich sympathischer, zumal er mir dann doch noch ein Erfolgserlebnis gönnt. Ich darf kurz einmal William Harth, die Mainzer Medaillenhoffnung bei der bevorstehenden WM, als Trainingspartner durchdrehen. Der deutsche Meister in der 96-Kilogramm-Freistilklasse verzichtet aber auch auf jegliche Gegenwehr. Das ist ein bisschen so, als würde Manuel Neuer sich beim Elfmeter mit dem Rücken zum Schützen bewegungslos auf den Boden legen. Selbst dann ist ein „Durchdreher“ aber für mich noch ein Kraftakt. Die angebotene Prämie für einen zweiten Durchdreher bekomme ich natürlich nicht. Dieser Schmach widersetzt sich Harth mit Leichtigkeit.

Kampf mit der Puppe

Dafür stellt Baglan mir nun Bill vor. Der ist eine Puppe, wie die Ringer ihre leblosen Übungsfiguren aus Sandfüllung und Lederhaut nennen. Baglan schnappt sich Bill und wirft ihn im hohen Bogen über seine Schulter hinweg auf die Matte. Ein Kinderspiel, denke ich - bis Baglan mir seinen Trainingskumpel in den Arm legt. Was eben noch nach einem zehn Kilogramm schweren Leichtgewicht aussah, entpuppt sich als ein Schwergewicht. Gerade so kann ich das 50-Kilo-Paket in die Höhe wuchten, eher in Zeitlupe drehe ich mich und bin froh, als ich Bill auf die Matte sinken lassen kann. Atem- und Herzfrequenz erreichen einen bedenklichen Rhythmus. Etwas mehr als eine Stunde ist nun vorbei. Das Training macht Spaß, die herausragend kollegiale Trainingsatmosphäre und der Teamgeist unter den Einzelsportlern motiviert. Aber jede Aktion saugt einen Teil der letzten Körner aus meinem Körper. Alle 30 Sekunden brauche ich eine Verschnaufpause.

Und dabei wird es erst jetzt richtig ernst: Denn nun steht die Flugstunde an. Baglan hat eine Weichbodenmatte ausgelegt, um mir Schmerzen zu ersparen. Dann hebt er mich in die Höhe. Mit einem kurzen Stoß mit der Hüfte schwingt er mich in die Luft und wuchtet mich über seine Schulter hinweg auf die Matte. Unser Fotograf macht sich schon Sorgen um mein Wohlbefinden.

Aber Baglan hat nicht zu viel versprochen. Feinfühlig hat er den Fall so gebremst, dass ich den Schmerz im Nacken am nächsten Tag nur ein klein wenig spüre. Große Teile des restlichen Körpers fühlen sich dann ganz anders an: In den Beinen, an Rücken, Bauch und Brust melden sich Muskeln, die ich vorher vermutlich nie derart strapaziert hatte. Drei bis vier Tage hält sich der Muskelkater, obgleich ich ein Erholungsprogramm mit entspanntem Schwimmen und Massagen durchziehe. Aber bei allen Wehwehchen herrscht das rauschhafte Gefühl vor, den eigenen Körper ganz anders kennengelernt zu haben als jemals zuvor. Für mich wird es natürlich nichts mehr mit den Olympischen Spielen. Dieser zumindest auf der Matte so ehrliche Zweikampf aber hätte es verdient.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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