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Spaß im Sport

„Gut gemacht, Sackgesicht!“

 - 10:21
Bedeutet Spaß zu haben, dass man keine Disziplin hat und nur halbe Sachen macht?zur Bildergalerie

Herr Briefs, ich bin ein schwerer Fall. Als Tennisspieler beginne ich oft mit Wind, Wetter und Gegner zu hadern, bis ich verkrampfe und verliere. Wie können Sie mir helfen?

Spielen Sie denn gerne Tennis? Wenn ja, dann ist zu überlegen: Wo liegen Ihre Stärken, und worin besteht Ihre Motivation?

Mich motivieren vor allem die Freude an schönen Schlägen und die Lust, sich mit dem Gegner zu großen Leistungen und zu tollen Ballwechseln emporzuschwingen.

Damit sind wir schon nah dran am Thema. Nämlich nicht auf die Gedankenflüsterer zu achten oder darüber nachzudenken, ob man vielleicht Fehler macht, sondern sich auf den Prozess zu orientieren. Wie der österreichische Skispringer Thomas Morgenstern, der sich irgendwann vorgenommen hat, dass er wegwolle von der Ergebnisorientierung. Er will jetzt schöne Sprünge machen. Bei Felix Neureuther war es ähnlich. Entscheidend für ihn war, zu sagen: „Ich habe die schönsten Schwünge der Welt, und ich mache sie für mich! Welche Plazierung am Ende herauskommt, ist mir erst mal egal.“ Das hat etwas von loslassen. Damit ist er im „Flow“, in der Prozessorientierung.

Das „Flow-Prinzip“ haben Sie den österreichischen Skispringern als sogenannter Humorberater beigebracht, seit 2011 arbeiten Sie als Coach auch mit den deutschen Skirennfahrern. In dieser Saison ist Felix Neureuther so erfolgreich wie nie gewesen, hat neulich WM-Silber im Slalom gewonnen. Wird man durch Humor vom Supertalent zum Siegertypen?

In meinen Gesprächen bei den alpinen Männern habe ich mitbekommen, dass die Atmosphäre in der deutschen Mannschaft freudlos war: rein leistungsorientiert, nur auf Fehlervermeidung gerichtet. Weil Erfolge fehlten, herrschte eine negative Grundenergie. Da habe ich geschaut, was man verändern kann im Umgang der Fahrer untereinander. Felix Neureuther ist darauf angesprungen, er bekam sofort ein Leuchten in den Augen, als er hörte, dass ich „Humorberater“ hieß und nicht „Mentaltrainer“ oder „Sportpsychologe“. Von solchen hatte er schon einige, und alle wollten mit ihm über seine Eltern sprechen.

Und wie haben Sie Neureuther angepackt?

Das Wichtigste war diese ständige Fehlerorientierung. Bei den Skirennfahrern wurden im Training Videos gezeigt, auf denen zu sehen war, was nicht funktioniert. Was zur Folge hatte, dass Felix, der Fehler hasst, nur an deren Vermeidung dachte, wenn er am Start stand. Dazu kam bei Felix eine hohe Erwartungshaltung. Die WM 2011 daheim in Garmisch-Partenkirchen war ja das Trauma schlechthin für ihn.

Mittlerweile wirkt Neureuther lockerer - und ist erfolgreicher.

Als neulich in Schladming die Pause zwischen dem ersten und zweiten Lauf so lang war, ist Felix auf Leute zugegangen und hat sie gefragt, ob sie Lust hätten, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Das ist eine konstruktive Art, um abzuschalten und Energie zu tanken. Er hat ja neulich sogar ein Video gepostet, wo er in seinem Wohnzimmer in verschiedenen Verkleidungen den Harlem Shake macht. Das ist der Burner! Ich habe ihm vor kurzem einen Satz geschrieben, der hieß: „Du hast so oft versucht, normal zu sein. Das wurde langweilig. Jetzt bist du endlich wieder du selbst!“

In Deutschland herrscht oft die Devise: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Da klingt Ihr Konzept „Gewinner sind Spaßarbeiter“ etwas seltsam.

Es führt tatsächlich immer wieder zu Diskussionen, weil Humor und Leistungsgesellschaft etwas zu sein scheint, das sich widerspricht. Ich habe gehört, dass die ehemalige schwedische Siebenkämpferin Carolina Klüft sich immer Spaßarbeiterin genannt hat und deswegen als unseriös bezeichnet wurde. Weil Spaß angeblich bedeutet, dass man keine Disziplin hat, nicht mit dem Herzen dabei ist und nur halbe Sachen macht.

Die Erfolge der österreichischen Skispringer zeigen eher das Gegenteil. Seit Sie 2008 als „Humorberater“ begonnen haben, gewann jedes Mal ein Österreicher die Vierschanzentournee. Schlierenzauer holte sich gerade den Gesamtweltcupsieg, kurz davor wurde er mit der Mannschaft Weltmeister. Wie kann Humor dazu beitragen, locker und erfolgreich zu werden?

Ohne die Offenheit des Cheftrainers Alexander Pointner, seines Assistenten Marc Nöhlke und des damaligen Sportdirektors Toni Innauer wäre es gar nicht dazu gekommen, dass ich wie ein Exot von einem anderen Stern im Skisprungteam gelandet bin und für eine gewisse Panikzone gesorgt habe. Ich habe die Springer dazu gebracht, miteinander zu spielen, sich gegenseitig zu akzeptieren, voneinander zu lernen und als Spaßarbeiter gemeinsam zu lachen. Zum Beispiel gab es einen Springer, der behauptete allen Ernstes, dass es ihm immer nur zweimal im Jahr gelänge, auf dem Siegerpodest zu landen. Er dachte, diese Regel wäre in Stein gemeißelt. Wenn man ihm sagt, vielleicht ist die Regel gar nicht aus Stein, sondern ein Marmorkuchen, dann kann das befreien. Dann kann er sich die Erlaubnis geben, die Regel zu verändern.

Sie haben Österreichs Stars auch zurück auf die Kinderschanze geschickt. Warum denn das?

Als Kind hat man Dinge oftmals aus Spaß angefangen. Das ist bei den Skispringern die Freude an der Geschwindigkeit und der Traum vom Fliegen gewesen. Im Laufe ihrer Karriere vergessen viele Sportler aber diese Ursprungsmotivation, weil sie überdeckt wird von Erwartungen: Medaillen, Nationenwertung, Sponsoren, Medien, die lauern, und Mütter oder Väter, die auf die Schulter klopfen. Die Kinderschanze war das Sprungbrett in die Erinnerung an die Anfänge. Da tauchten bei den Skispringern starke Bilder auf: die erste Selbstüberwindung, der erste Sieg, aber vor allem die Freude am Tun. Vor allem Andreas Kofler war sehr offen für diese Bilderwelt. Nachdem er ins Tal der Tränen gerutscht war, wo er große Zweifel an seiner Kompetenz als Skispringer hatte und als Polizist arbeiten wollte, ist er zurück auf die Kinderschanze gegangen und hat versucht, wieder seine Grundmotivation - den Traum vom Fliegen - zu finden. Da hat ja auch geklappt.

Sprünge von der Kinderschanze sind für Schlierenzauer und Co. doch keine große Herausforderung.

Das glauben Sie! Zunächst hat bei den Springern das Flugsystem als Erwachsene nicht funktioniert. Sie sind abgestürzt wie die Albatrosse, waren frustriert und hatten Angst, dass Medien davon erfahren.

Als Sie anfingen, begann auch die große Rivalität zwischen den beiden Spitzenkräften Schlierenzauer und Morgenstern. Wie war diese Situation zu lösen?

Vorher hatten die Trainer überlegt, wie sie damit umgehen, dass Morgenstern der König ist und der jüngere Schlierenzauer auf den Thron drängt. Sie kamen auf die Idee, ein Tabu daraus zu machen und darauf zu hoffen, dass sich alles irgendwie von selbst regelt. Hat es aber nicht. Meine Aufgabe war es, diesen Energiefresser zu finden und die „Flow“-Bremse zu lösen. Dazu gibt es aus dem Improvisationstheater Übungen zum Thema Hackordnung, die wir gespielt haben. Dadurch haben die Springer erlebt, dass sie nicht im Hoch- oder Tiefstatus verharren müssen, sondern dass sie Rollen auch wechseln können. Wenn zum Beispiel Gregor Schlierenzauer während der Live-Übertragung eines Skispringens die Fernsehmoderatoren mit Schneebällen bewirft, ist das eine Aussage: Er verblüfft sich selber und die anderen.

Als Coach raten Sie, den Status gegenseitig spielerisch zu heben und zu senken. Als Übung schlagen Sie vor, einen Teamkollegen mit den Worten zu loben: „Gut gemacht, Sackgesicht!“ Das soll funktionieren? Wenn mir das einer sagte, wäre ich eher beleidigt.

Dass man so einen Wechsel zwischen Statushebung und -senkung nicht krummnimmt, zeichnet meiner Meinung nach eine gute Beziehung aus.

Und wie schafft man durch Improvisationsübungen Teamgeist?

Wir haben zum Beispiel eine Übung zum Thema Druck: Da steht einer mit dem Rücken zu einer Gruppe, die auf ihn zukommt, und er muss möglichst lange aushalten, die anderen nahe an sich ranzulassen. Oder ein Skispringer muss in einem Raum mit geschlossenen Augen durch eine Gruppe navigieren und auf Intuition reagieren. Statt zu sehen, hört und spürt er die anderen nur. Vielleicht riecht er sie auch.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass dabei jeder gerne mitmacht.

Das ist normal. Für Kopfmenschen, die alles kontrollieren wollen, ist das eine echte Herausforderung.

Besteht bei Leistungssportlern nicht die Gefahr, dass sie auch Improvisationsübungen als Wettbewerb sehen?

Sportler wollen gewinnen, und Morgenstern war da ganz massiv. Beim Impro geht es aber nicht darum, zu dominieren oder als Erster eine Lösung zu präsentieren. Sondern offen und flexibel und im Hier und Jetzt zu sein, Impulse aufzunehmen und gemeinsam eine nonverbale Sprache zu finden. Man erzeugt sozusagen Teamgeist.

Merken Sie an der Laune von Sportlern, ob sie bei nächster Gelegenheit ihre Bestleistung abrufen?

Dieses und letztes Jahr habe ich mich mit Gregor in Bischofshofen auf einen Kaffee getroffen, kurz bevor er hoch auf die Schanze gefahren ist. Es ist erstaunlich, wie er in der Lage ist, lustig darüber zu reden, wie es ihm gerade geht und was ihn beschäftigt. Ich meine an so einem Verhalten zu spüren, ob der nächste Sprung funktioniert oder nicht. Es ist so, wie wenn man der Fußball-Nationalmannschaft zuschaut, wenn die Hymne gespielt wird. Da kann man in den Gesichtern der Spielern auch ihre innere Haltung ablesen: ob sie offen sind und leisten können, was in ihren Kräften steht.

Würde Ihr Spaßarbeiter-Konzept auch im Fußball funktionieren? Oder flapsig formuliert: Könnte die TSG 1899 Hoffenheim mit einer Portion Humor den Abstieg verhindern?

Ich glaube nicht, dass der deutsche Fußball schon so weit ist.

Schade. Wenn man das Gebaren der Trainer Tuchel, Streich und Klopp am Spielfeldrand beobachtet, bekommt man den Eindruck, dass etwas mehr Gelassenheit und Demut guttäte.

Klopps Selbstmanagement am Spielfeldrand ist eine interessante Energie, aber gesund und harmonisch wirkt sie nicht. Man möchte ihm während eines Spiels nicht begegnen. Mich würde interessieren, ob es sich bei Klopp um eine Strategie handelt, dass er sich am Feld auslebt, damit er es nicht in der Mannschaft oder seiner Familie tut. Ich könnte mir vorstellen, dass Klopp einem Coaching grundsätzlich gar nicht abgeneigt wäre. Ich hätte auch nichts dagegen, mal mit Bastian Schweinsteiger oder Manuel Neuer zu arbeiten.

Warum gerade mit diesen beiden? Die wirken bei aller Erfolgsorientierung doch gar nicht so schrecklich verbissen.

Neuer interessiert mich, weil er ja einen unheimlichen Liebesentzug zu spüren bekommen hat, nachdem er Schalke 04 verlassen hat. Er hat für seine Entscheidung einen Preis zahlen müssen, und der scheint für seine Persönlichkeit nicht gering. Ich finde, er ist immer noch dabei, den Trennungsschmerz zu verarbeiten und Menschen wieder für sich zu gewinnen. Außerdem frage ich mich, wie Neuer sich in den Bundesligaspielen des FC Bayern wachhält. Das stelle ich mir anstrengend vor, weil er ja eigentlich nicht viel zu tun hat.

Und Schweinsteiger?

Ihn finde ich interessant als Führungsspieler, dem zwischenzeitlich diese Kompetenz abgesprochen wurde. Er hatte ja eine Zeitlang nicht gut gespielt und scheinbar seinen Status verloren. Ich würde herausfinden wollen, wie er mit dieser Grenzsituation umgegangen ist und was er getan hat, um nicht mehr in so einen Konflikt hineinzugeraten.

Impro-Coach, Humorberater, Buchautor

Jonathan Briefs berät als Impro-Coach und Humorberater verschiedene Unternehmen und Sportler, darunter die österreichischen Skispringer und den deutschen Skirennfahrer Felix Neureuther.

Der Kölner, der früher im alternativen Karneval als Büttenredner auftrat, veröffentlicht am 1. April im Kösel-Verlag das Coaching-Buch „Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem“.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.S.
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