Sportpolitik

Wer sitzt, singt nicht: Wieder Stehplätze in Englands Stadien?

Von Martin Pütter, London
20.02.2001
, 10:00
Wollen stehen: englische Fans
Stehen statt sitzen? Der Wunsch vieler Fußballfans nach Stehplätzen in den Stadien könnte durch den Vorstoß von Englands Sportministerin Kate Hoey in britischen Arenen bald wieder Wirklichkeit werden.
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Was viele englische Fußballfans seit längerem wünschen, hat nun auch Kate Hoey angeregt. Die Sportministerin der britischen Labourregierung will wieder Stehplätze in den Stadien der Premier League und der First Division einführen. Aus diesem Grund hat sie die „Football Licensing Authority“ beauftragt, einen Untersuchungsbericht über das Für und Wider zu diesem Thema abzuliefern. Die Lizenzbehörde des englischen Fußballverbandes soll sich dabei vor allem in deutschen Stadien umschauen.

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Erstaunlicherweise ist ein großer Teil einer Rückkehr zu Stehplätzen nicht einmal abgeneigt. In den letzten Jahren hatte zum Beispiel Manchester United ein immer wiederkehrendes Problem mit seinen Fans. Kein Heimspiel im Old Trafford verging, ohne dass der Stadionsprecher die Zuschauer auf der Stratford End-Tribüne auffordern musste, sich zu setzen.

„Wer sitzt, singt nicht“

Meistens war es zwecklos. Das Argument der Fans für ihr Verhalten: Wer sitzt, singt nicht. Nur auf Stehplätzen könne die Atmosphäre herrschen, die Spiele in England so einmalig mache, erklären sie. Also blieben sie stehen.

Faszination Premier League: Die Fans wollen stehend zuschauen
Faszination Premier League: Die Fans wollen stehend zuschauen Bild: dpa

Doch das ist gefährlicher als das Stehen in dafür vorgesehenen, beschränkten Tribünenzonen - und ist auch mit Kosten verbunden. Regelmäßig müssen Sitze repariert werden, weil sie dem Hüpfen und Springen der Fans nicht standgehalten haben.

Stehplätze unter Vorbehalte

Vorbehalte gegenüber den Wünschen Hoeys und der Fans herrschen vor allem wegen der Hooligans. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren galt die Gleichung Stehplätze gleich Unruhen. Als die englischen Stadien größtenteils mit Stehplätzen ausgerüstet waren, konnte die Polizei praktisch kaum eingreifen, wenn es zu Ausschreitungen oder Unglücken kam. Nach der Tragödie von Hillsborough 1989, als 96 Fans des Liverpool vor dem Halbfinale des FA-Cups ihres Vereins gegen Nottingham Forest ums Leben kamen, wurden dann alle Clubs der beiden obersten englischen Ligen gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Stadien vollständig mit Sitzplätzen auszurüsten.

Mit reinen Sitzplatz-Arenen wurde das Problem aus den Stadien entfernt - es wurde allerdings nur in die umliegenden Straßen verlagert. Dennoch wurden nach Hillsborough die Stadien durch die Umrüstung familienfreundlicher. Frauen und Kinder konnten nun plötzlich die Spiele in Ruhe sehen, ohne dass ihnen im dichten Gedränge der Stehplätze die Sicht versperrt war. Mit der Wiedereinführung von Stehplätzen würden Familien wieder aus den Stadien verschwinden, argumentieren nun einzelne Vereine.

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Sinkende Einnahmen im Merchandising?

Dahinter stecken finanzielle Überlegungen. Es sind die Familien, die nicht nur viel dafür ausgegeben, Spiele ihrer Mannschaft zu sehen, sondern auch sehr viel vor, während und nach den Spielen, um Verpflegung und Souvenirartikel in den Clubshops zu erwerben. Dort würde keiner mehr hin laufen, der über 90 Minuten stehend auf der Tribüne verbracht hat, argumentieren die Gegner von Hoeys Vorschlag. Es würde zu einem Rückgang bei den Einnahmen des Merchandising führen, was für viele Vereine mittlerweile die größte Einnahmequelle darstellt.

Bereits im Dezember hatte die Sportministerin einen derartigen Vorschlag gemacht. Damals war sie sowohl von der Premier League, den Angehörigen der Opfer von Hillsborough als auch von ihrem Vorgesetzten, Kulturminister Chris Smith, heftig kritisiert worden. Doch Hoey verweist auf Stadien in Deutschland, speziell auf das Volksparkstadion in Hamburg. Dort können Stadionkurven je nach Bedarf umgerüstet werden: Bei Bundesliga- oder DFB-Pokalspielen sind nur Stehplätze vorhanden, für internationale Spiele werden die zwingend vorgeschriebenen Sitze eingerichtet. „Ich bin beeindruckt davon, was ich aus Deutschland gehört habe“ sagt Hoey.

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Vorbild Volksparkstadion

Zu den Vereinen, die reine Stehplatz-Zonen in den Stadien wünschen, gehört unter anderem Charlton Athletic. „Von einer völligen Rückkehr in die Zeiten vor Hillsborough kann dabei keine Rede sein“, erklärt Charlton Athletics Geschäftsführer Peter Varney, lediglich von einer kleinen, strikt kontrollierten Zone. Am liebsten würde der Aufsteiger hinter einem der Tore im Stadion „The Valley“ die Sitze entfernen, damit die Fans dort wieder stehen können. „Ein großer Teil der Charlton-Fans will weiter stehen und tut dies auch“, sagt Varney.

Vielleicht geben andere Clubs ihren Widerstand gegen die Idee auf, sobald sie eine Rechnung machen, mit dem Volksparkstadion als Beispiel. 9000 Zuschauer beträgt die Kapazität der Stehplatzzone im Stadion des HSV, mit Sitzplätzen sinkt sie auf 5000 Zuschauer. In England beträgt der Durchschnittspreis für Sitzplätze momentan 25 Pfund - bei voller Auslastung einer Sitzplatzzone für 5000 Zuschauer wären das Einnahmen von 125.000 Pfund. Sind dort nur Stehplätze, deren Preis zum Beispiel auf 15 Pfund reduziert wird, würde das bei voller Auslastung mit 9000 Fans Einnahmen von 135.000 Pfund bedeuten - damit wäre ein vermeintlicher Einnahme-Rückgang aus dem Merchandising nach einem Heimspiel ja wieder wettgemacht.

Quelle: @hel
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