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Doping im Biathlon

Verraten, verkauft, vertuscht

Von Claus Dieterle und Michael Reinsch
 - 18:04

Für einen Koffer voller Dollarbündel? Der Präsident des Welt-Biathlonverbandes (IBU), der Norweger Anders Besseberg, und die deutsche IBU-Generalsekretärin Nicole Resch haben ihre Ämter nach polizeilichen Durchsuchungen des Verbandssitzes in Salzburg und ihrer Privatwohnungen in Norwegen und Deutschland niedergelegt. Auf Hinweis der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ermittelt die österreichische Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption, zuständig für schwere Delikte, in 65 Fällen, in denen offenbar Doping-Fälle russischer Biathleten unterschlagen wurden. Das österreichische Bundeskriminalamt nahm die Durchsuchung in Salzburg am Mittwoch vor.

An ihrem Sitz in Wien teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass sie gegen Funktionäre der IBU sowie gegen Betreuer und Sportler des russischen Biathlon-Teams im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft 2017 in Hochfilzen ermittle, bei der die russischen Männer in der Staffel siegten und das Mixed-Team auf Platz drei kam. Durch Doping „erschwindelte Preisgelder“ beliefen sich auf rund 35 000 Euro. Viel wichtiger aber: Für das Unterschlagen der Doping-Fälle seien 300.000 Dollar (rund 242.000 Euro) Bestechungsgeld geflossen. Besseberg hat die Anschuldigungen gegenüber der norwegischen Zeitung „Verdens Gang“ zurückgewiesen: „Ich habe in dieser Angelegenheit nie eine Krone, einen Euro, einen Dollar oder einen Rubel erhalten. Ich habe nicht versucht, russische Proben zu vertuschen“, zitiert das Blatt den 72-jährigen.

„Frau Resch ließ durch Ihre Anwälte mitteilen, dass die zuvor erhobenen Vorwürfe unzutreffend seien und sie keine Dopingfälle vertuscht habe, vielmehr auch russische Sportler nach genau den Standards kontrolliert worden seien, die im internationalen Kampf gegen Doping von der WADA vorgegeben werden. Auch habe sie keine Gelder angenommen, die im Zusammenhang mit den vorstehenden Vorwürfen stehen.“

Die Summe von 300.000 Dollar war laut der französischen Tageszeitung „Le Monde“ Ergebnis einer lebhaften Diskussion über die Frage, wie viel Bargeld in einen Diplomatenkoffer passe. Das Blatt berichtet unter Berufung auf Protokolle der Wada, dass der frühere russische Vizepräsident der IBU, Alexander Tichonow, und der Chef de Mission der russischen Olympiamannschaft von Sotschi 2014, Alexander Krawtow, im Sommer 2013 berieten, wie viel Geld an Besseberg fließen solle, damit er im Biathlon die russischen Interessen vertrete. Zeuge des Gespräches wurde Gregorij Rodtschenkow, seinerzeit Leiter des betrügerischen Doping-Kontrolllabors von Moskau und zuständig auch für die Doping-Kontrollen in Sotschi 2014.

Inzwischen in den Vereinigten Staaten im Zeugenschutzprogramm, hat Rodtschenkow die systematische Manipulation von Doping-Kontrollen von gut 10.000 Athleten über Jahre sowie das Engagement des russischen Geheimdienstes und des Sportministeriums beim Austausch russischer Doping-Proben bei den Winterspielen von 2014 enthüllt. In dem 16 Seiten langen Bericht der Ermittlungsabteilung der Wada, geleitet von dem deutschen Kriminalpolizisten Günter Younger, erinnert sich Rodtschenkow, dass er zum ersten Mal 2009 von einer besonderen Beziehung Russlands zur IBU gehört habe – ein Veteran des Geheimdienstes KGB überwachte sie.

Gegenüber der „New York Times“ bestätigte Rodtschenkows Anwalt Jim Walden nun, dass sein Mandant auch die Ermittlungen gegen den Biathlon-Verband sowie andere Ermittlungen unterstützt habe. „Wir hegen die Hoffnung, dass jeder Doping-Betrug und alle Korruption im internationalen Sport entlarvt wird“, sagte Walden, „und wir arbeiten weiter daran, dies Wirklichkeit werden zu lassen.“ „Le Monde“ überschrieb den Artikel: „Wie Russland das Biathlon gekauft hat“.

Rodtschenkow sagte dem norwegischen TV-Sender NRK, die IBU habe verdächtige Blutprofile russischer Athleten ignoriert, statt sie zu untersuchen. Und sie habe die russische Anti-Doping-Agentur darüber informiert. „Russland hat von der IBU sensible Informationen erhalten“, wird Rodtschenkow zitiert. „Aber aus falschen Beweggründen wollte die IBU nicht in die Tiefe gehen und die russischen Athleten und deren abnormale, extrem abnormale biologische Pässe untersuchen.“ Ende 2017 waren laut „Le Monde“ elf Blutprofile atypisch, davon sechs von russischen Athleten. Passiert ist bislang nichts.

„Ich denke schon lange, dass er ersetzt werden sollte”

Der Fall erinnert an die Korruption im Welt-Leichtathletikverband (IAAF). Bis zur Razzia am Verbandssitz in Monte Carlo im November 2015 soll nach den Erkenntnissen der Ermittler in Frankreich und den Vereinigten Staaten Lamine Diack aus Senegal, seinerzeit IAAF-Präsident und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), gemeinsam mit seinem Sohn Papa Massata Diack dopende russische Sportlerinnen und Sportler um Millionensummen erpresst haben. Auf die massenhaften Doping-Fälle in der Leichtathletik hatten das deutsche Fernsehen und die russische Läuferin Julia Stepanowa hingewiesen; der Skandal löste die Flucht Rodtschenkows nach Amerika und seine Enthüllungen aus.

Die IBU hat sich Russland gegenüber stets konziliant verhalten in der Diskussion um den Ausschluss seiner Athleten von den Olympischen Spielen und trotz der Aufforderung des IOC, keine Veranstaltungen nach Russland zu vergeben. Gegen den Willen vieler Athleten fand das Finale des Weltcup im März in der sibirischen Stadt Tjumen statt. Die Teams aus den Vereinigten Staaten, Kanada, der Tschechischen Republik und der Ukraine boykottierten die Veranstaltung komplett, der schwedische Staffel-Olympiasieger Sebastian Samuelsson als Einzelkämpfer. „Er hatte mehrere Chancen, die IBU zu einem sauberen Sport zu führen, und das hat er nicht getan“, sagte Samuelsson am Donnerstag der schwedischen Zeitung „Expressen“ über Besseberg. „Daher denke ich schon lange, dass er ersetzt werden sollte.”

Provisorische Mitgliedschaft der Russen ohne Stimmrecht

Eine Mehrheit der Biathleten unter Führung des Amerikaners Lowell Bailey und des französischen Branchenführers Martin Fourcade hatte immer wieder den nachsichtigen Umgang der IBU mit der Causa Russland kritisiert und einen schärferen Strafenkatalog für die Zukunft erarbeitet. Bei der WM 2017 war es zudem zwischen Fourcade und dem Russen Anton Schipulin zum verbalen Schlagabtausch gekommen, weil dessen Kollege Alexander Loginow, wegen Epo-Dopings für zwei Jahre gesperrt, bei seiner Rückkehr in der Mixed-Staffel eingesetzt wurde, die Bronze gewann.

Die IBU hatte im November 2017 die Mitgliedschaft des russischen Verbandes zwar auf eine provisorische ohne Stimmrecht reduziert. Den Ausschluss der Russen, hieß es, ließen die Statuten des Verbandes nicht zu. Der Status erlaubte es russischen Teams, weiterhin an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Selbst die nicht zu den Winterspielen von Pyeongchang eingeladenen, praktisch also von Olympia ausgeschlossenen Biathleten konnten weiterhin im Weltcup starten.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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