364 Tage später

Neuer Termin für Olympia wohl gefunden

Von Anno Hecker
29.03.2020
, 17:33
Noch halten IOC und Tokio still: Aber die Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 auf den umstrittenen Sommertermin 2021 scheint „realistisch“. Das würde weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.

Die Olympischen Sommerspiele und Paralympics 2020 werden sehr wahrscheinlich um ein Jahr verschoben auf den Sommer 2021. Davon geht der Präsident des Internationalen Tischtennis-Verbandes (ITTF), Thomas Weikert, aus: „Ich sehe diesen Termin auf uns zukommen, das ist realistisch“, sagte der Rechtsanwalt aus Limburg am Sonntag der F.A.Z. Zuvor hatten japanische Medien und die „New York Times“ unter Berufung auf Mitglieder des japanischen Organisationskomitees sowie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) entsprechend berichtet.

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„Die Spiele sollten im Sommer stattfinden“, sagte demnach Yoshiro Mori vom Organisationskomitee Tokio 2020 am Wochenende laut des japanischen Fernsehsender NHK: „Es ist besser, die Vorbereitungszeit so lange wie möglich auszudehnen.“ Diese Sicht vertreten auch Mitglieder des Machtzirkels im Olymp. Demnach werden die Spiele der XXXII. Olympiade am 23. Juli 2021 beginnen. Am Abend des 8. August würden sie dann beendet. Die Paralympics sollen vom 24. August bis zum 5. September ausgetragen werden. Damit fänden beide Veranstaltungen 364 Tage später statt als ursprünglich geplant.

Weder das IOC noch das Organisationskomitee wollten die Termine am Sonntag bestätigen. Sie erscheinen vor dem Hintergrund des komplexen Veranstaltungskalenders und der Interessen des Sports sowie der Wirtschaft wahrscheinlich. „Ich gehe fest davon aus, dass es so kommt“, sagte Ingo Weiss, der Sprecher der Spitzenverbände im Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), auf Anfrage. Auch Weiss hatte am vergangenen Donnerstag an einer Telefonkonferenz des IOC mit den Internationalen Fachverbänden teilgenommen.

Eine Verschiebung auf den Herbst 2020 war schon zu Anfang der vergangenen Woche ausgeschlossen worden angesichts der Unsicherheit, wie sich das Coronavirus weiter ausbreiten wird. Der Vorschlag einiger internationaler Fachverbände wie Tischtennis, Schwimmen, Triathlon und Reiten, auf das Frühjahr 2021 auszuweichen, stieß auf Widerstand anderer Verbände und im IOC sowie beim Organisationskomitee. Gegner eines Termins im Frühjahr verweisen auf die laufenden nationalen wie internationalen Wettbewerbe in den großen Fußballligen als Konkurrenzprogramm sowie auf die amerikanischen Ballsportarten im Programm.

Die Präsenz von Profis, die für die Einschaltquoten etwa des amerikanischen Olympia-Senders NBCU wichtig sind, wäre dann nicht möglich: Die NBA stünde kurz vor oder am Anfang des Playoff-Wettbewerbes. Deren Klubs würden weder die amerikanischen noch die europäischen Spieler freistellen, das olympische Basketballturnier verlöre zumindest in den Augen der Zuschauer massiv an Attraktivität. Auch Handball-, Volleyballprofis, Golfer oder Tennisspieler müssten mehr oder weniger passen. NBCU zahlt für Medienrechte in den Vereinigten Staaten pro Olympiade mehr als eine Milliarde Dollar, umgerechnet 900 Millionen Euro. „Wir können mit der Verschiebung in den Sommer letztlich leben“, sagte Weikert auf Anfrage. Weiss erwähnte auch Wintersportverbände, die kein Interesse an Olympischen Spielen im Frühjahr hätten, „weil sie ihre Saison ungestört zu Ende bringen wollen.“

Eine Beteiligung von Athleten am Prozess der Verschiebung, wie sie der Vorsitzende von „Athleten Deutschland“, Max Hartung, gefordert hat, ist im Moment nicht erkennbar. Nach der Wahl von Tokio 2020 hatten nicht nur Sportler den Zeitpunkt der Wettkämpfe kritisiert. Im Sommer herrschen in Tokio die höchsten Temperaturen, verbunden mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Erst nach Protesten war der Marathon ins nördlichere, kühlere Sapporo verlegt worden.

Organisatoren hatten angekündigt, Athleten und Fans Möglichkeiten zur Kühlung anzubieten. Vor diesem Hintergrund plädierte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, gegenüber der F.A.Z. für einen Termin im Frühjahr. Nach Angaben des DOSB gegenüber der Deutschen Presse-Agentur votierten knapp 70 Prozent deutscher Athleten schon vor der Entscheidung für die Verschiebung der Spiele ins kommende Jahr. Von 1409 Befragten hatten 808 geantwortet.

Entscheidend für die Austragung im Sommer 2021 soll die Bereitschaft des Internationalen Leichtathletik-Weltverbandes (WA) gewesen sein, seine Weltmeisterschaft 2021 um ein Jahr zu vertagen. Präsident Sebastian Coe bestätigte entsprechende Pläne der Agentur AP . Die Weltleichtathletik würde ihre besten Athleten dann an vier Großereignissen innerhalb von vier Jahren präsentieren: Olympia in Tokio, 2022 zur WM in Eugene (Ontario), 2023 zur WM in Budapest und 2024 bei den Sommerspielen in Paris.

Olympia im Sommer 2021? Sicher dürfen Spitzensportler, die sich bereits für die Sommerspiele der Ausgabe 2020 qualifiziert hatten, mit Blick auf ihre Startberechtigung sein: „Es ist klar, dass diejenigen Athleten, die sich für die Olympischen Spiele Tokio 2020 qualifiziert haben, weiterhin qualifiziert sind. Dies ist eine Folge der Tatsache, dass diese Olympischen Spiele Tokio 2020 im Einvernehmen mit Japan die Spiele der XXXII. Olympiade bleiben werden“, hieß es in einem Tweet des IOC.

Die Verschiebung der Olympischen Spiele auf den Sommer 2021 hat weitreichende Konsequenzen für den Sportkalender der folgenden Jahre. Eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft erst 2022 brächte die European Championships 2022 in München (11. bis 21. August) und die Commonwealth Games 2022 in Birmingham (27. August bis 7. September), vor allem aber deren mögliche Teilnehmer in Schwierigkeiten. Sie stehen vor der Frage, ob sie den großen Titelkämpfen in Amerika Priorität geben sollen oder dem Auftritt vor eigenem Publikum in Europa. Mit den Europameisterschaften 2022 begeht München sein fünfzigjähriges Jubiläum der Olympischen Spiele 1972.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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