Kommentar zum DOSB

Der deutsche Sport steuert blindlings ins Desaster

EIN KOMMENTAR Von Anno Hecker
09.05.2018
, 10:42
Arg ramponiert: Wo geht es hin mit der deutschen Sportförderung?
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Der DOSB trifft sich zum Krisengipfel. Das ist die Konsequenz aus mangelhaftem Verhandlungsgeschick. Der Spitzensport muss wegen der Unfähigkeit zum Konsens um seine optimale Förderung bangen.
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Der Spitzensport braucht deutlich mehr Geld, um Deutschlands Talente optimal fördern, um gute Trainer in ihrem harten, schlecht bezahlten Job bei der Stange halten und Voraussetzungen für Erfolge bei Olympischen Spielen schaffen zu können. Darüber sind sich alle einig. Selbstredend die Sportler und ihre Funktionäre, aber auch Politiker fast aller Parteien. Das Bundesinnenministerium hat diesen Anspruch längst anerkannt. Und die alte Regierung war und die neue ist auch bereit, in die Tasche zu greifen. In der vergangenen Legislaturperiode erhöhte Berlin die öffentliche Förderung um 36 Millionen Euro auf 168 pro Jahr, das ist kein Pappenstiel. Für 2019 und 2020 sind jeweils 30 Millionen zusätzlich geplant, eine Steigerung von etwa 18 Prozent. Die Erhöhung ist dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit Blick auf seine mit der Politik vereinbarte Spitzensportreform aber viel zu gering.

Ein Zuschlag von 110 Millionen Euro für nächstes Jahr und von 134 Millionen für 2020 schwebte ihm vor. Allerdings sieht der Bundesrechnungshof (BRH) die Voraussetzungen nicht erfüllt. Der DOSB, so der Eindruck des am vergangenen Freitag bei FAZ.NET veröffentlichten Berichtes, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Eilig lud der Dachverband seine Spitzenverbände für diesen Mittwoch nach Frankfurt – zum Krisengipfel.

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Athleten, Trainer und andere schauen nun in die Röhre, weil die Führung des Dachverbandes nicht ordentlich gearbeitet hat? Diesem Eindruck versuchte der DOSB mit Hinweis auf eine unzutreffende Argumentation der Prüfer im BRH zu begegnen. Vielleicht liegt die Wahrheit in dieser komplexen Geschichte in der Mitte. Aber zweifellos sind die Beteiligten sehenden Auges in dieses PR-Desaster gelaufen, ja blindlings gerannt. Aus dem Protokoll der Konferenz der Spitzenverbände vom Juni vergangenen Jahres lässt sich die Sorge von Delegierten über die zerstörerische Kraft des Streits um die Reform zwischen DOSB-Führung unter Präsident Hörmann und der Abteilungsleitung des Innenministeriums wortwörtlich herauslesen. Da wird um Zusammenarbeit geworben, um „Einigkeit“ nach außen. Es wird darum gebeten, „miteinander“ und nicht „übereinander“ zu reden. Vergeblich. Hörmann gelang es nicht, den durchaus sportfreundlichen Abteilungsleiter auf seine Seite zu ziehen. Und der damalige Minister de Maizière stellte sich letztlich hinter seinen ersten Mann im Sport. Ob der Bericht des BRH bei diplomatischem Geschick besser ausgefallen wäre, ist fraglich.

Das Gerücht, es wäre mit einer besseren Vernetzung des Sports in Berlin und etwas Fingerspitzengefühl gar nicht zu dieser ungewöhnlichen Prüfung gekommen, klingt kurios. Sicher ist deshalb nur eines: Der Spitzensport muss wegen der Unfähigkeit zum Konsens um seine optimale Förderung bangen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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