Doping

Das Glück des Staatsanwalts

EIN KOMMENTAR Von Christoph Becker, München
21.03.2019
, 06:33
Glück des Tüchtigen: Oberstaatsanwalt Kai Gräber.
Die Ermittlungen im Fall des Erfurter Doping-Arztes kamen durch einen Zufall zustande. Der Täter war zu leichtsinnig. Das sollte eine Mahnung zu mehr gesetzgeberischer Durchschlagskraft für die Doping-Bekämpfer sein.
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Da musste der Minister lachen. „Wenn es läuft, dann läuft’s“, sagte der Münchner Staatsanwalt Kai Gräber am Mittwoch. Stimmt, denn so viel Glück haben staatliche Doping-Fahnder nicht alle Tage: Ein seit Jahren tätiger Mediziner mit internationaler Ausrichtung operiert derart leichtsinnig, dass die Ermittler nur genau hinzuschauen und die Ohren zu spitzen brauchen, um den größten Doping-Fall im Spitzensport ermitteln zu können, seit München im Frühjahr 2009 zum ersten Standort einer Doping-Staatsanwaltschaft geworden ist. Zum Jubiläum kam der bayerische Justizminister, es gab die Pressekonferenz zum Erfurt-Komplex, aber daneben auch Einblicke in den Ermittleralltag in München.

7114 Ermittlungsverfahren wurden in Sachen Doping seit dem 1. März 2009 geführt, 1073 davon allein im vergangenen Jahr. 962 Mal wurden Geldstrafen verhängt, Gesamtsumme 2,5 Millionen Euro. Auf 3127 Monate summieren sich die verhängten 213 Freiheitsstrafen auf Bewährung, ohne Bewährung verurteilten bayerische Richter 52 Angeklagte zu insgesamt 2207 Monaten Vollzugsstrafe. Gräbers Abteilung, in der sich neben ihm vier Staatsanwälte mit Doping-Straftaten beschäftigen, hat reichlich zu tun, und endlich gibt es mehr als ausgehobene Untergrundlabore in der Kraftsportszene. Der Erfolg im Spitzensport bringt die nötige Aufmerksamkeit. Die Geschichte der Münchner Doping-Staatsanwaltschaft zeigt: Es gibt Mittel und Wege gegen Doping.

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Grund genug, in der gesamten Bundesrepublik nachzuziehen? Gewiss. Nur für die Justizministerien offensichtlich nicht. Denn des Weiteren gibt es Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Doping-Verfahren nur in Freiburg und Zweibrücken. Und so ist das Glück der Ermittler, im Fall des Erfurter Mediziners S. offenkundig auf einen recht sorglosen Doping-Dienstleister gestoßen zu sein, nur die eine Seite der Medaille. Denn tatsächlich gab es für die Sorglosigkeit ja guten Grund – der Verfolgungsdruck auf diesem Kriminalitätsfeld hält sich in weiten Teilen der Bundesrepublik in Grenzen. Dass die Münchner in diesem Fall tätig sein dürfen, hängt mit dem glücklichen Umstand zusammen, dass S. für seine Praxis auch die Raststätte Irschenberg, Bundesautobahn 8 München– Salzburg, recht war.

Das Anti-Doping-Gesetz, seit Ende 2015 in Kraft, leidet weiter arg unter dem Fehlen einer Kronzeugenregelung. Da war dem Minister Georg Eisenreich nicht mehr nach Lachen zumute. Er kündigte einen weiteren Anlauf zur Reform des Gesetzes an. Im Herbst, vielleicht auch erst kommendes Jahr, könnte es so weit sein. Erfurt zeigt Wirkung. Von der „Spitze des Eisbergs“ war in München die Rede. Das stimmt in Bezug auf das Erfurter Netzwerk, aber auch mit Blick auf jene, die das gleiche Geschäftsmodell wie Dr. S. verfolgen. Solange Sportler nicht straffrei auspacken können, müssen sich die kriminellen Drahtzieher im Spitzensport keine allzu großen Sorgen machen. Das ließe sich ändern. Es muss nur gewollt sein: in den Ministerien und im Bundestag.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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