Ermittlungen gegen Thurau

Belastende Post von den Fahndern

Von Anno Hecker und Alex Westhoff
02.02.2021
, 18:54
Björn Thurau beendete 2019 seine Karriere.
Die nächste Folge „Aderlass“: Die Nada ermittelt gegen den früheren Radprofi und Radprofi-Sohn Björn Thurau. Er wurde von einem früheren Kollegen erheblich belastet.
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Das Anti-Doping-Gesetz ist mit fünf Jahren zu jung. Sonst hätte es längst wesentlich mehr Prozesse gegen Doper, Dealer, Athleten, Ärzte, Trainer gegeben; einen deutlich tieferen Einblick in die Gegenwart der Manipulation, wenn dazu auch die vergangene Dekade gehört. Im Radsport soll es das Jahrzehnt einer gewissen Säuberung gewesen sein; die endgültige Abkehr von der Aufladung mit allen potentiellen Beschleunigern.

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Der im Januar beendete Aderlass-Prozess räumte zwar vorwiegend mit der Mär vom weißen Treiben im Wintersport des 21. Jahrhunderts auf. Aber auch Hinweise zu Blutpanschereien im jüngeren Radsport gab es genügend. Nun ist ein ehemaliger Deutscher Profi ins Visier geraten: der Frankfurter Björn Thurau. Weil er im Zuge der Ermittlungen einer Schweizer Staatsanwaltschaft von einem früheren Kollegen erheblich belastet wurde.

Da die angeblichen Taten zwischen 2011 und 2014 verjährt wären, kommt es nicht zu einem Strafverfahren wie jüngst in München. Aber ohne den staatlichen Prozess, ohne die Hilfe aus der Schweiz und München, hätte die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) kaum die Informationen erhalten, die sie brauchte, um am Dienstag die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens veröffentlichen zu können. Thurau ist in den Augen der Bonner verdächtig, gegen „mehrere Anti-Doping-Bestimmungen“ verstoßen zu haben. Die Ausführungen der Nada sind zwar spärlich. Aber sie will das volle Programm nicht ausschließen: Eigen-Doping, Vertrieb und Verabreichung.

Thurau reagierte nicht auf einen Anruf. Die via Whatsapp an ihn geschickten Fragen, ob er gedopt, ob er Doping-Mittel vertrieben oder verabreicht habe, ob die Vorwürfe falsch seien und wie er zu reagieren gedenke, etwa mit einer Klage gegen die Quelle, ließ er unbeantwortet. Von Doping-Verfahren blieb der 2019 vom Profisport zurückgetretene Sohn des einstigen deutschen Radstars Dietrich Thurau zeit seiner Karriere verschont.

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Zumindest ist in seiner veröffentlichten Vita nur einmal von einem zu niedrigen Cortisol-Wert die Rede, festgestellt während des Critérium du Dauphinée 2016. Damals wurde er aus der Rundfahrt genommen und mit einer einwöchigen „Schutzsperre“ belegt. Thurau beteuerte, dass „kein Vergehen meinerseits vorliegt“. Es sei ein negatives Bild von ihm gezeichnet worden. Ein niedriger Cortisol-Wert kann ein Indiz für Doping sein. Ein Beweis ist er nicht.

Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat die Nada nun eine Fülle von Dokumenten erhalten, Hunderte Seite. Auch dies ein Erfolg des in den vergangenen Jahren gewachsenen Vertrauens staatlicher Behörden in die zwar überwiegend von Steuergeldern, kaum vom Sport finanzierte, aber letztlich private Einrichtung zur Bekämpfung der Manipulation. Demnach ist sie im Besitz belastbarer Informationen, die lange vor der Ankunft in Bonn von Experten gesichtet und für aussagekräftig gehalten wurden, aber wegen der Verjährung keine große Rolle mehr für den Strafprozess spielten. Im Sportrecht tritt die Verjährung erst nach zehn Jahren ein.

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Deshalb hörte die Nada auch genau zu, als während des Aderlass-Prozesses unter anderem gegen den Hauptangeklagten Erfurter Arzt Mark S. aus der Vernehmung des Schweizer Radprofis Pirmin Lang zitiert wurde. Er hatte Doping zugegeben, war Kunde von Mark S. und auch Lieferant von Doping-Mitteln. Unter anderem stützt sich die Nada-Ermittlung gegen Thurau auf die Schilderungen des Schweizers. Hat er Stoff vom Deutschen gekauft? Die Sammlung der zivilen Fahnder soll eine entlarvende Kommunikation unter Beteiligung von Thurau zum Thema Doping über die sozialen Medien enthalten.

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Dass Thurau 2019 seine Karriere beendete, spielt dabei kein Rolle. Würde er die Verstöße einräumen, käme es zwar nicht zu einem Verfahren. Aber dennoch könnte er gesperrt werden. Die Nada verfolgt das Ziel, Überführte zumindest für einen gewissen Zeitraum fernzuhalten von ihrem ehemaligen Metier. Wie oft sind Doper als Trainer, Manager, Betreuer wieder aufgetaucht in ihrem Sport und haben das System getragen, in dem sie aufwuchsen?

Thurau Senior gab zu, gedopt zu haben

Sein berühmter Vater Dietrich Thurau bestätigte nach Ende seine Karriere eine flächendeckende Manipulation. Der semmelblonde Frankfurter hatte im Sommer 1977 die Deutschen in seinen Bann gezogen, als er bei der Tour de France 15 Tage im Gelben Trikot radelte, fünf Etappen gewann. Legendär der Ausspruch des damalige Pariser Oberbürgermeisters Jacques Chirac: „Seit Konrad Adenauer hat keiner mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan als Didi Thurau.“ Der „blonde Engel“ hatte ein außergewöhnliches Talent, das er aber zum Teil verschwendete. Thurau Senior gab später zu, jahrelang gedopt zu haben. Ein paarmal war er entdeckt, aber kaum bestraft worden.

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Den Einstieg von Björn in den Profiradsport hat der Vater zu verzögern versucht. Er war nicht einverstanden, als der Filius 2006 mit 18 Jahren und einem Hauptschulabschluss in der Tasche auf den Radsport setzte. Thurau Senior warnte vor den Härten des Radgeschäfts und auch vor der Gefahr, ins Doping-System eingebunden zu werden. Doch Björn sagte nur, dass „Papa keine Ahnung mehr“ habe und Doping für ihn niemals infrage käme. Es kam zum Zerwürfnis. Zwar ist Thurau junior bis zu seinem Karriereende 2019 keine sonderlich erfolgreiche Profilaufbahn geglückt, aber er nahm als ein angriffslustiger Fahrer Teil an der großen Radsportwelt. Der Gewinn des Bergtrikots bei der Tour de Suisse 2014 war sein größter Erfolg.

Für zehn verschiedene Teams strampelte Thurau sich ab, nie hielt er es irgendwo länger aus. Oder die Mannschaften nicht mit ihm. In der Szene heißt es, Thurau habe sich gern falsch verstanden und nicht genug wertgeschätzt gefühlt. Auch seine Zeit beim (damaligen) deutschen Team Bora-Argon 18 blieb auf das Jahr 2015 beschränkt. Thurau wurde nicht für die Tour de France nominiert, es kam zum Bruch. „Er ist ein spezieller Charakter“, sagt sein damaliger Chef Ralph Denk, nun Leiter des Profiteams Bora-hansgrohe: „Fährt man reihenweise Siege ein, darf man auch ein spezieller Charakter sein. Nur war er ein spezieller Charakter, ohne ein Siegertyp zu sein.“

„Mit Sinkewitz in der WG“

Die Ermittlungen der Nada gegen Thurau überraschen nicht jeden aus der Profi-Szene. Das belegt auch der „Besenwagen - der Radsport Podcast“. In der Ausgabe „Paolo Vossini“ vom vergangenen Donnerstag ist von Björn Thurau die Rede. Ehemalige Profis sprechen von „Aussagen, die über die Jahre getroffen wurden, das ganze Verhältnis zum Thema Doping, wenn es nicht vor den Medien stattfindet“. Das Umfeld Thuraus mag den Eindruck verstärkt haben. Er wohnte zeitweise im Haus von Patrick Sinkewitz, der zwischen zwei positiven Doping-Tests als Kronzeuge der Anti-Doping-Bewegung aufgetreten war. „Ja“, heißt es im Podcast, „wer mit Sinkewitz in der WG wohnt, der guckt ab und zu mal in den Kühlschrank rein.“

Beraten ließ sich Thurau einst von Tony Rominger. Der Schweizer gewann 94 Rennen, als das gesamte Peloton unter Stoff gefahren sein soll, wurde nie überführt, allerdings zwei seiner Klienten: die Stars Contador und Winokurow. Das sind alles keine Belege für die Überführung Thuraus. Und deshalb halten es andere aus dem Radsportzirkel für unfair, ihn ohne Beweis in die Doping-Ecke zu stellen. Das könnte sich ändern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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