Kommentar

Gottes Werk, Teufels Beitrag

EIN KOMMENTAR Von Evi Simeoni
15.06.2012
, 16:30
Wird er seinem Verfolgerfeld wieder entkommen? Lance Armstrong
Die Versuche, endlich den ganzen Vorhang vor Lance Armstrongs Machenschaften wegzureißen, hören nicht auf. Wird er es wieder schaffen, das Verfolgerfeld abzuschütteln? Diesmal sind die Waffen scharf.
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Eines steht fest: Lance Armstrong leidet nicht unter Minderwertigkeitskomplexen. Am liebsten, so hat es einer seiner verbitterten ehemaligen Teamkollegen einmal formuliert, werde der Texaner für Gott gehalten. Immerhin umglänzt ihn ja auch der Glorienschein von sieben Gelben Trikots. Aber natürlich kann man als Gott auch eine Menge Ärger kriegen. Zum Beispiel, wenn das Volk aufhört, an einen zu glauben. Dann droht die Höllentour.

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Bisher sah es ja immer so aus, als hielte die Armstrong-Gemeinde hartnäckig zusammen, blind für alle Indizien, taub für alle Zeugenaussagen, die seit Jahren den göttlichen Ursprung von Armstrongs Wunderkräften in Frage stellen. Aber die Versuche, endlich den ganzen Vorhang vor seinen Machenschaften wegzureißen, hören nicht auf.

Gescheitert an Armstrongs Demontage sind bisher unter anderen: diverse Wegbegleiter mit Enthüllungsstories (zwei Journalisten mit dem Buch „L.A. Confidential“, die ehemaligen Radrennfahrer und Dopingsünder Floyd Landis und Tyler Hamilton), die französische Sporttageszeitung L’Equipe mit der Entdeckung positiver Dopingproben aus dem Jahr 1999, das französische Doping-Labor in Chatenay-Malabry, und sogar der amerikanische Chefermittler Jeff Novitzky, der immerhin zuvor schon die Gold-Sprinterin Marion Jones ins Gefängnis gebracht hat.

An Armstrongs Schutzschicht prallten sie alle ab. Unbehelligt konnte er bisher seine neue Laufbahn als Triathlet starten, und seiner Unverwundbarkeitslegende ein neues Kapitel anfügen, geschützt von einem perfekten Netzwerk aus Anwälten, Sportprofiteuren und Politikern.

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Diesmal wittert das Feld seine Niederlage

Und diesmal? Jetzt tritt die amerikanische Anti-Doping-Agentur gegen Armstrong an, und ihre Waffen sind scharf. Zu Novitzkys Ermittlungsergebnissen und einer Reihe schwer belastender Zeugenaussagen kommt ein neuer Beweis: wissenschaftlich untermauerte - und bisher nicht geahndete - positive Proben von der Tour de Suisse 2001. Das Labor in Lausanne hat ihre Herkunft bestätigt, Armstrong sitzt in der Klemme.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Ende seines Denkmals vorausgesagt wird, die Aberkennung seiner Tour-Siege (und womöglich das Aufrücken ausgerechnet von Jan Ullrich als Tour-Sieger 2000, 2001 und 2003?) und das Ende seiner Legende. Es bleibt, wie es immer war: Jedes Rennen, an dem Armstrong teilnimmt, wird zu einem gigantischen Spektakel. Die Frage bleibt immer die gleiche: Wird er es wieder schaffen, das Verfolgerfeld abzuschütteln? Diesmal wittert das Feld seine Niederlage: Wer sich für allmächtig hält, muss zwangsläufig eines Tages stürzen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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