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Ausschluss Russlands beendet

Rückkehr auf Bewährung

Von Christian Kamp, Bonn
 - 10:26

Andrew Parsons holte noch einmal weit aus. Genauer gesagt versetzte der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) die Zuhörer in den Sommer 2016, jene Tage, in denen ein Sportbetrug ungeahnten Ausmaßes offenbar wurde. Infolge dessen das IPC ein Zeichen setzte, indem es das russische paralympische Komitee (RPC) kurz vor den Sommerspielen von Rio de Janeiro suspendierte, am 7. August 2016. Es war eine tiefschwarze Zeit für den Sport, zugleich aber auch ein Moment, in dem jemand Licht spendete, der damalige IPC-Präsident Philip Craven, weil er sich, anders als das Internationale Olympische Komitee, so kompromisslos auf die Seite eines sauberen und fairen Wettkampfs schlug. Das alles wirkte weit, sehr weit weg am Freitagmorgen in einem Hotel am Bonner Rheinufer, wohin der aktuelle IPC-Chef Parsons zu einem „Update“ in der russischen Frage geladen hatte. Und der Sport, nicht nur der paralympische, muss hoffen, dass sich das nicht nur auf den zeitlichen Abstand von 28 Monaten und Parsons’ im Vergleich zu seinem Vorgänger Craven nüchtern-funktionelle Art bezieht, sondern auch auf einen glaub- und vertrauenswürdigen Wandel in Russland selbst. Parsons’ „Update“ bestand in einer völlig neuen Position: Vom 15. März an werden die Russen wieder Mitglied der paralympischen Familie sein, unter „strikten Bedingungen“ und somit auf Bewährung zwar, aber bis auf weiteres so, dass sie wieder unter ihrer Flagge bei Wettkämpfen des IPC starten können, also etwa bei den Sommerspielen im nächsten Jahr in Tokio und den Winterspielen 2022 in Peking. Das hatte eine Abstimmung im Board des IPC ergeben, die nicht einstimmig, aber mit „großer Mehrheit“ ausgefallen sei.

Eine große Überraschung war das nicht, schließlich haben sich die Sportinstitutionen bis auf den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) in ähnliche Richtungen bewegt, auch das IPC hatte stets den Wunsch betont, das RPC bei einer Erfüllung der Kriterien wiederaufnehmen zu können, bei den Winterspielen im vergangenen Jahr starteten 30 „neutrale“ Athleten aus Russland. Die Frage schien inzwischen eher, wann und wie der neue Kurs kommen würde – und nicht zuletzt: zu welchem Preis. In Parsons’ Argumentation war es ein vertretbarer. Von den 70 Kriterien, die eine unabhängige Task Force des IPC formuliert hatte, seien 69 erfüllt gewesen, zuletzt auch die Wiederaufnahme der russischen Antidoping-Agentur (Rusada) durch die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) sowie vom IPC geforderten Kostenerstattungen. Eines allerdings blieb weiterhin offen, und was das anging, sah man beim IPC keinen Sinn darin, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten: Mit einer Anerkennung des McLaren-Reports oder einer fundierten Reaktion darauf war nicht zu rechnen, dort geht es schließlich um die Qualifizierung des russischen Doping-Systems als Staats-Doping, es ist somit eine politische Frage und eine des Gesichts – für das IPC aber keine entscheidende (mehr). Ausschlaggebend sei vielmehr, dass die jetzige Situation mit der vom Sommer 2016 nicht mehr vergleichbar sei, wie Parsons sagte. Damals sei die Suspendierung des RPC eine „notwendige und angemessene Maßnahme“ gewesen, heute dürfe man angesichts der „signifikanten Reformen“ annehmen, es mit einer „völlig anderen Organisation“ zu tun zu haben.

Bis Ende 2022 muss diese nun das Vertrauen rechtfertigen, will sie nicht abermalige Konsequenzen riskieren. „Russische Para-Athleten gehören zu den weltweit am häufigsten getesteten und werden das auch weiterhin sein“, sagte Parsons. „Wir vergessen nicht, was war.“ Ihm war es wichtig zu betonen, dass die Sportler die Entscheidung unterstützten: Alle sechs Para-Athleten, die dem 13-köpfigen Board angehören, hätten das getan. Anzunehmen ist jedoch, dass der eine oder die andere diese Frage nicht so leicht aus dem Kopf bekommt, wenn im Wettkampf demnächst wieder die russische Trikolore zum Bild gehört: Ob das jetzt Realpolitik ist oder wirklich das Ergebnis eines Wandels, der Vertrauen weckt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
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