Urteil zu „Operation Aderlass“

Doping made in Germany

Von Christoph Becker
15.01.2021
, 17:12
Vier Jahre und zehn Monate Haft für den Erfurter Doping-Arzt Mark S.: Der Sport hofft durch das Urteil im Verfahren zur „Operation Aderlass“ auf eine Signalwirkung. Viele Fragen bleiben sind aber noch offen.

Es war, jedenfalls an einem Tag im Jahr 2017, ein „Menschenexperiment“. So nannte Marion Tischler, die Vorsitzende Richterin am Landgericht München II, am Freitag das Werk des Erfurter Arztes Dr. Mark S., als sie ihm verkündete, dass er wegen gewerbsmäßigen Blutdopings in 24 Fällen, Blutdopings in zwei weiteren Fällen und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt werde. Für einen Zeitraum von drei Jahren belegte das Gericht S. zudem mit einem Berufsverbot als Humanmediziner. Es ist das Urteil im Verfahren zur „Operation Aderlass“, den aufsehenerregenden Razzien bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld in Tirol und Erfurt im Februar 2019.

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Auch gegen die weiteren Angeklagten, Helfer des Erfurter Arztes, wurden Strafen verhängt. Der Handwerker Dirk Q. wurde zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt, die Krankenschwester Diana S. zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung. Der Notfallsanitäter Sven M. und Ansgard S., Rechtsanwalt und Vater des Hauptangeklagten, erhielten Geldstrafen. Damit endet der erste größere Prozess gegen ein von Deutschland aus operierendes, international agierendes Doping-Netzwerk seit Einführung des Anti-Doping-Gesetzes Ende 2015 – vorbehaltlich einer möglichen Revision – wie erwartet.

Tischler hat zum Ende der Beweisaufnahme im Dezember durchblicken lassen, dass sie einen Strafrahmen zwischen viereinhalb und fünfeinhalb Jahren Haft anpeile. Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Oberstaatsanwalt Kai Gräber, der die Ermittlungen der Operation Aderlass geleitet hatte, hatte vor einer Woche fünfeinhalb Jahre Haft gefordert und ein Berufsverbot von fünf Jahren. Die Verteidiger von Mark S. hielten eine Strafe von unter drei Jahren Haft für angemessen. Angesichts der außergewöhnlich langen Untersuchungshaft für S., die inzwischen beinahe zwei Jahre dauerte, dürfte er die längste Zeit in Unfreiheit verbracht haben.

In den ersten Reaktionen auf den Urteilsspruch fand sich vor allem Lob. Von „Signalwirkung“ sprach die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur, Andrea Gotzmann. Von „abschreckender Wirkung“ geht auch Max Hartung, der Präsident von Athleten Deutschland e.V., aus. Ein „enorm wichtiges Signal an den gesamten Weltsport“ hat Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, vernommen. Das Anti-Doping-Gesetz sei erstmals bei einer Verurteilung angemessen umgesetzt worden.

Mark S. hatte zu Prozessbeginn zunächst geschwiegen und später erklärt, der Antrieb für seine Taten seien „wahrscheinlich die Faszination und die Liebe zum Sport“ gewesen. Er, einst bei den Radsport-Teams Gerolsteiner und Milram als Mannschaftsarzt angestellt, hatte ein jahrelang bestens vernetztes Doping-Portfolio hauptsächlich für Sportler aus der zweiten und dritten Reihe bei Olympischen Spielen, den großen Rad-Rundfahrten und im nordischen Skisport anbieten können. Er nannte es ein „Angebot von hoher Qualität“.

Er engagierte seinen Freund Dirk Q. Einen Bauunternehmer, der fortan gelegentlich selbst die Sportler an die Nadel legte, dabei nervös und nervöser wurde und auch mal die Dosierung vertauschte. Die Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung brachte S. das von Richterin Tischler angesprochene Menschenexperiment ein, das er mit der Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner betrieb, in dem er ihr die nicht für Menschen zugelassene Forschungschemikalie Methämoglobin injizierte, die er für ein neuartiges Doping-Mittel zur Ausdauersteigerung hielt, das 2017 auf dem Markt kursiert sei. Andere Sportler wurden als Blutkuriere in eigener Sache auf Transkontinentalflüge zu Sportwettkämpfen geschickt, etwa zu den Olympischen Winterspielen in Südkorea 2018.

Am Zielort angekommen, wurde den Sportlern das vor Abflug infundierte Blut wieder abgenommen. Anlaufpunkte zur Blutwäsche waren Raststätten und Parkplätze. Vom ersten Prozesstag an zeichnete das Verfahren ein Bild aus der Doping-Szene, das erschaudern lässt: Wenn das Angebot von S. tatsächlich von hoher Qualität gewesen sein soll, wie geht es dann im Discount-Segment zu? Aber auch andere Fragen blieben offen, Q.s Anwalt Peter Helkenberg stellte schon zu Prozessbeginn die Frage, ob die Besten im Sport verschont bleiben. Sie konnte in den vier Monaten seit Prozesseröffnung nicht beantwortet werden: Konkrete Details zu tatsächlichen Elite-Netzwerken wurden nicht bekannt.

So belegte der Prozess in München nicht nur die praktische Wirksamkeit des Anti-Doping-Gesetzes, sondern zugleich auch die Grenzen: Je gründlicher ein Netzwerk in einem Strafprozess ausgeleuchtet wird, umso offenbarer wird, wie groß der Markt für Sportbetrug tatsächlich ist. Experten hatten schon vor Verabschiedung des Anti-Doping-Gesetzes eine Kronzeugenregelung gefordert, nun soll sie eingearbeitet werden. Johannes Herber, der Geschäftsführer von Athleten Deutschland e. V., sagte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag, die Möglichkeiten für potentielle Hinweisgeber müssten verbessert werden, um den Behörden die nötigen Informationen über weitere Doping-Netzwerke zu verschaffen. Wie lange wird es dauern, bis deutschen Ermittlern wieder ein ähnlicher Fahndungserfolg gelingt wie zu Jahresbeginn 2019?

Richterin Tischler sagte am Freitag, sie habe einen „Entwicklungsprozess“ festgestellt. Mark S. habe begriffen, „was da falsch ist“. In jedem Fall werden der Erfurter Arzt und die durch sein Netzwerk ausgelöste Operation Aderlass noch eine ganze Weile für Doping made in Germany stehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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