Strafe für manipulierte Daten

Russland für vier Jahre von Olympia und WM ausgeschlossen

Aktualisiert am 09.12.2019
 - 15:21
Bei den nächsten beiden Olympischen Spielen wird die russische Fahne nicht zu sehen sein.
Im Skandal um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor darf Russland vorerst nicht an Olympia und an Weltmeisterschaften teilnehmen. Das ist aber nicht die einzige Strafe. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat im Skandal um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor eine Vierjahressperre gegen Russland verhängt. Das bestätigte ein Wada-Sprecher am Montag. Das Wada-Exekutivkomitee folgte damit am Montag in Lausanne einstimmig einer Empfehlung der unabhängigen Prüfkommission CRC. Damit darf Russland als Nation unter anderem nicht an den beiden kommenden Olympischen Spielen in Tokio 2020 und Peking 2022 teilnehmen. Russland hat nun 21 Tage Zeit, Einspruch einzulegen. Dann würde der Internationale Sportgerichtshof Cas eine Entscheidung fällen. Der Cas ist die letzte Instanz und das Urteil verbindlich.

Die Sanktionen gegen Russland umfassen einen ganzen Strafenkatalog. So wird die russische Anti-Doping-Agentur Rusada abermals aus der Wada ausgeschlossen. Russische Sportler dürfen an sportlichen Großereignissen wie Olympischen und Paralympischen Spielen oder Weltmeisterschaften unter bestimmten Voraussetzungen als „neutrale Athleten“ teilnehmen. Russland darf diese Wettbewerbe auch nicht ausrichten oder sich um diese bewerben.

„Das russische Doping hat dem sauberen Sport viel zu lange geschadet. Russland wurde jede Gelegenheit gegeben, reinen Tisch zu machen. Aber stattdessen hat es sich entschieden, weiter zu täuschen und zu leugnen“, sagte Wada-Präsident Craig Reedie: „Daher hat das Exekutivkomitee in der strengstmöglichen Art und Weise reagiert. Gleichzeitig wahrt es allerdings auch die Rechte der russischen Athleten, die beweisen können, dass sie nicht von diesen betrügerischen Handlungen profitiert haben.“

Infografik WADA Anti-Doping
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Juri Ganus, Chef der Rusada, rechnet nicht mit Erfolgschancen bei einem Einspruch. „Es gibt keine Möglichkeit, diesen Fall vor Gericht zu gewinnen“, sagte Ganus der französischen Nachrichtenagentur AFP. Laut Ganus wird am 19. Dezember auf einer Rusada-Aufsichtsratssitzung über einen Einspruch entschieden. Russland werde für seine Sportler kämpfen, sagte die Parlamentsabgeordnete Swetlana Schurowa am Montag der Agentur Interfax zufolge. Russland werde die Strafen beim Cas in Lausanne anfechten, sagte der Parlamentsabgeordnete Dmitri Swischtschow vom Sportausschuss der Staatsduma. Die Wada-Entscheidung sei ein Mittel, um russische Athleten aus dem internationalen Sport zu verbannen, kritisierte der Vize-Chef des russischen Parlaments, Pjotr Tolstoi.

Premierminister Dimitri Medwedew bezeichnete die Vierjahressperre als „Fortsetzung der bereits chronisch gewordenen antirussischen Hysterie“. Die Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) müsse angefochten werden, sagte der 54-Jährige russischen Medien. Gleichzeitig räumte Medwedew ein, dass es in Russland „erhebliche“ Probleme mit Doping gebe: „Es ist unmöglich, dies zu leugnen.“ Die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) meinte dagegen, dass es Zeit für eine Änderung der Kultur in dem Land sei. Trotz Beteuerungen von Sportfunktionären habe sich im Umgang mit Doping in Russland nichts grundlegend geändert in den vergangenen Jahren, sagte die Vize-Chefin der Rusada, Margarita Pachnozkaja. Die Wada-Entscheidung sollte der russischen Sportpolitik Anlass zum Nachdenken geben.

Hintergrund ist der Streit um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor. Die Aushändigung an die Wadawar im September 2018 eine Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Rusada. Mit dem Datensatz soll das Ausmaß des Dopingskandals belegt und individuelle Verfahren gegen Sportler möglich werden. Nach dem Bericht der Prüfkommission seien Tausende Daten gelöscht oder manipuliert worden. Zuletzt war die Rede davon, dass so mindestens 145 Sportler geschützt werden sollten. Bereits bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018 durfte Russland keine eigene Mannschaft stellen. Letztlich gingen 168 Sportler als „Olympic Athletes from Russia“ an den Start.

Das Internationale Olympische Komitee hatte schon vor der Entscheidung mit Verweis auf seine Charta angekündigt, dass die Entscheidung für Olympia „verbindlich“ sei. Das IOC betonte, „die härtesten Sanktionen“ gegen alle Verantwortlichen für die Manipulation von Dopingdaten aus dem Moskauer Analyselabor zu unterstützen. Zugleich verurteilte das IOC die Daten-Fälschung „auf das Schärfste“. Sie sei ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit des Sports und eine Beleidigung für die weltweite Sportbewegung, hatte das IOC mitgeteilt. Es empfahl der Wada, alle Akten im Fall Russland an den Europarat und die Unesco weiterzuleiten.

Die vorgeschlagenen Sanktionen sollen allerdings keine Auswirkungen auf die geplanten Spiele der Fußball-EM 2020 in St. Petersburg haben. Die Wada begründet das schon vor der Verkündung der Strafe damit, dass eine Europameisterschaft für den europäischen Verband Uefa „ein regionales/kontinentales Sportereignis“ ist. „Es hat uns überrascht, dass in so einer frühen Phase Dinge ausgeschlossen werden“, sagte Nada-Vorstand Lars Mortsiefer. Offen ist, ob der Bann für das Champions-League-Finale 2021 in St. Petersburg gelten könnte.

Die Bundesregierung unterstützt die vierjährige Sperre Russlands. Ein Sprecher des für den Sport zuständigen Innenministeriums begrüßte am Montag in Berlin, dass Doping derart konsequent verfolgt werde. „Das ist Aufgabe der Wada.“ Vor dem Hintergrund des russischen Staatsdoping-Skandals hatte sich Bundesinnenminister Horst Seehofer bereits am Wochenende für ein konsequentes Vorgehen der Wada stark gemacht. „Wenn solche Machenschaften aufgedeckt und belegt sind, sollte man konsequent diejenigen ausschließen, die es zugelassen, unterstützt und gemacht haben“, sagte der CSU-Politiker.

Andrea Gotzmann forderte als Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur die internationalen Sportverbände dazu auf, die agegen Russland verhängten Strafen „anzuerkennen und ohne weiteren Verzug umzusetzen“. Ein Umdenken werde es nur geben, wenn eine systematische Manipulation dieser Größenordnung entsprechende Konsequenzen erfahre und klar werde, „dass der langjährige Betrug an den sauberen Athletinnen und Athleten in aller Welt inakzeptabel ist“, fügte Gotzmann in der Nada-Mitteilung hinzu. „Die nun getroffene Entscheidung ist bereits der kleinste gemeinsame Nenner und darf nicht weiter verwässert werden.“

Quelle: FAZ.NET
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