Zukunft des deutschen Sports

Gewaltiges Reparaturprogramm beim DOSB

Von Anno Hecker
20.10.2021
, 11:56
Hinterlässt ein schweres Erbe: Alfons Hörmann
Alfons Hörmann, der bald scheidende DOSB-Präsident, verpasst Seitenhiebe – und der deutsche Sport braucht mehr als den Austausch des Chefs. Die Aufgaben sind so gewaltig wie schwierig.
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Neulich hat Alfons Hörmann Tacheles geredet. Das fällt ihm jetzt noch leichter, sechseinhalb Wochen vor seiner Demission als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am 4. Dezember in Weimar. Glaubt man der Darstellung der Rhein-Neckar-Zeitung, dann hat der scheidende Chef Politiker und Ministerialbeamte der Unfähigkeit geziehen, die Bedeutung des Sports in der Pandemie für die Gesundheit der Menschen zu erkennen.

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Dem Schulsport und Schwimmsport attestierte Hörmann demnach einen „erschütternden Zustand“, er beklagte eine den Sport bremsende Bürokratie, verpasste der Kanzlerin einen Seitenhieb, sieht im Spitzensport die „Alarmstufe Hellrot“ und prophezeite nach dem vergleichsweise schlechten Abschneiden bei den Sommerspielen in Tokio für die Winterausgabe in gut drei Monaten in China einen größeren Absturz der Olympiamannschaft. Mit Blick auf die Sportreform nahm er die Beamten des Bundesinnenministeriums in die Mangel: „Der deutsche Sport wird in zehn Jahren dort erfolgreich sein, wo der Staat nicht mitmischt und dort scheitern, wo Beamte die Finger im Spiel haben.“

Schadensbegrenzung in eigener Sache

Selbst falls Hörmann das alles nicht so wortwörtlich gesagt haben sollte: Viele der in die Sportpolitik involvierten Kollegen in Fachverbänden des deutschen Sports und in den Landessportbünden, müssten dieser markigen Analyse mehr oder weniger zustimmen. In einem Fall kombinierte ein Spitzenfunktionär seine Zustimmung allerdings mit der sinngemäßen Bemerkung, ob denn da jemand gleichzeitig einen guten Teil seiner Leistungsbilanz beschrieben habe. Denn falls die Aufzählung dem beschriebenen Zustand des deutschen Sports von der Breite bis in die Spitze entspricht nach acht Jahren DOSB-Führung unter dem gegenwärtigen Präsidenten, dann trüge einer wenigstens die politische Verantwortung dafür: Hörmann.

Es ist verständlich, dass der 61-jährige Allgäuer auf seiner Abschiedstour durch die Republik um Schadenbegrenzung in eigener Sache unterwegs ist. Das dient aber nur dem Abschluss der Vergangenheit. Längst kämpfen hinter den Kulissen Verbände und Gruppierungen mehr oder weniger konstruktiv, jedenfalls leidenschaftlich, bisweilen verzweifelnd um die Zukunft des deutschen Sports. Wie zu hören ist, sollen mehrere Kandidaten oder Kandidatinnen ihr Interesse angemeldet haben, der Findungskommission unter Leitung von Bundespräsident a.D. Christian Wulff ihre Kompetenz vorzustellen und Hörmanns Erbe übernehmen zu wollen.

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Was kommt auf jene zu, die am 4. Dezember in Weimar, wo Dichter und Denker, später leider auch Henker wirkten, den Zuschlag erhalten sollen? Zunächst ein gewaltiges Reparatur-Programm. Die nationale wie internationale Politikfähigkeit des DOSB hat stark gelitten. Das Verhältnis zu Beamten im Bundesinnenministerium, immerhin dem bedeutendsten Vermittler von Steuergeldern für den Spitzensport, ist zerrüttet. Auch aus dem letzten Sportausschuss des Bundestages wurde der DOSB heftig kritisiert. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, ließ eine enorme Distanz zur DOSB-Führung, selten genug, in einem offenen Brief erkennen.

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Wer Steuergelder braucht, wer eine politische Unterstützung für seine großen Programme nötig hat und Hörmanns Szenario von der bedrohten Autonomie des Sports, dem Zugriff des Staates entgegenwirken will, muss vereinen können, diplomatisches Geschick beweisen. Oder soll der Sport privatisieren und Olympische Spiele aus seinem Wunschprogramm streichen? Es gibt zu Olympia nicht mal eine internes Meinungsbild.

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Die Aufgaben sind so gewaltig wie schwierig. In der Pandemie ist die Machtlosigkeit des DOSB beim Kampf um die Bedeutung des Vereinssports für die Gesundheit von Kindern und Senioren allzu deutlich geworden. Bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses wurden zig Verbände eingeladen, der DOSB nicht. Ein Versagen auf parlamentarischer Ebene. Aber Missachtung deutet auch auf Schwäche hin. In der Sportpolitik wird der DOSB mitunter von Athleten Deutschland, dem Verein kritischer wie selbstbewusster Sportler, vor sich hergetrieben. In der Bildungspolitik hat es der organisierte Sport über Jahrzehnte nicht geschafft, die Bedeutung des Schulsports für die Entwicklung von Kindern so zu vermitteln, dass er eine angemessene Rolle spielt. Wie wäre es zur Abwechslung mit fachgerecht ausgebildeten Sportlehrern?

Auf den DOSB rollt der wachsende Anspruch der Gesellschaft zu, Sport mit Klimaschutz zu vereinbaren. Gleichzeitig muss er die hier und dort stecken gebliebene Spitzensportreform beschleunigen und entbürokratisieren. Dazu gibt es den Vorschlag, eine Leistungssport GmbH zu gründen und mit den BMI-Mitarbeitern nach Jahren der Entfremdung überein zu kommen, dass tiefe Eingriffe ins operative Geschäft des Sports nicht (mehr) nötig, gar kontraproduktiv sind. Die Liste ließe sich fortsetzen. Hörmanns Austausch, so viel ist deutlich geworden, wird nicht reichen. Der deutsche Sport muss sich auf ein gemeinsames Programm einigen und ein starkes neues Team für seine Spitze finden. Das wird das Schwerste sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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