Ethikkommission des DOSB

Eine Frage der Unabhängigkeit

Von Anno Hecker und Michael Reinsch
12.05.2021
, 08:23
Mit den Vorwürfen gegen DOSB-Präsident Alfons Hörmann beschäftigt sich von diesem Mittwoch an die Ethikkommission. Wollen die anonymen Kläger sich ihr anvertrauen?

Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) scheint man das Adjektiv unabhängig steigern zu wollen: Die von Thomas de Maizière geführte Ethikkommission, die sich von diesem Mittwoch an mit Vorwürfen vor allem gegen DOSB-Präsident Alfons Hörmann befassen soll, wirkt seit Montag noch ein wenig, nun ja: unabhängiger.

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Der Verband hat ein Foto von seiner Website entfernt, welches das Gremium – de Maizière, Hansjörg Geiger und Kati Wilhelm sowie Betty Heidler – gemeinsam mit Finanzvorstand Thomas Arnold in Räumlichkeiten des DOSB zeigt. Arnold ist Compliance-Beauftragter des DOSB, gehört aber nicht in die Kommission.

Das neu eingestellte Bild zeigt die Mitglieder der Kommission nach ihrer Wahl am 1. Dezember 2018,. Die Pressemitteilung trug die Überschrift: „Die DOSB-Mitgliederversammlung hat dem gemeinsamen Vorschlag der Verbändegruppen und dem DOSB-Präsidium und -Vorstand für die Besetzung der neuen Ethik-Kommission einstimmig zugestimmt.“

„Beim (entfernten/d. Red.) Foto der Ethikkommission handelte es sich um ein Bild der konstituierenden Sitzung aus dem Januar 2019, bei der keine Fälle oder Vorgänge oder Ähnliches behandelt wurden“, teilte der DOSB auf Anfrage mit: „Nach dem offiziellen Teil haben die DOSB-Mitarbeiter*innen die Sitzung verlassen. Das Foto wurde von der Seite genommen, um zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, es gebe eine inhaltliche Beteiligung von DOSB-Mitarbeiter*innen an der Arbeit der Kommission.“ Bei Vorstandsmitglied Arnold liege die rein organisatorische Begleitung der Ethikkommission. „Inhaltlich“, schreibt der Verband, „agiert sie komplett unabhängig vom DOSB.“

„Damit wäre dieser Weg tot“

Diese Unabhängigkeit hält Jochen Reinhardt von Transparency International Deutschland für nicht gegeben, insofern Hörmann und die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker den Vorsitzenden de Maizière 2018 für das Amt vorgeschlagen hätten: „Damit wäre dieser Weg (der Aufarbeitung/d. Red.) tot.“ Dass sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verbandes, die vor allem Hörmann in einem offenen, anonymen Brief für eine „Kultur der Angst“ am Verbandssitz in Frankfurt verantwortlich machen, gegenüber de Maizière offenbaren, ist unwahrscheinlich.

Das Gremium wird von den jüngsten Vorwürfen nicht überrascht sein. Im Dezember 2019 hatte es eine schriftliche Aufforderung erhalten, anhand einiger aufgeführter Verfehlungen Hörmanns dessen ethisch-moralische Eignung für das Amt des Präsidenten zu prüfen. Unter anderem schrieb der Autor, „Fachverbände sollen aus Angst vor Repressionen abgelehnt haben, einen weiteren Kandidaten neben Herrn Hörmann vorzuschlagen“. Die Kommission antwortete mit der Bitte um konkrete Hinweise.

Im Dezember 2018 hatte der Präsident der Triathlon Union, Martin Engelhardt, aus formalrechtlichen Gründen einen Antragsteller gesucht, um am Tag der Neuwahlen gegen Hörmann antreten zu können. Seine Motivation: ein Auftritt Hörmanns beim Treffen der Präsidenten der olympischen Verbände. Dort habe der DOSB-Chef seinen Leistungssportdirektor, Dirk Schimmelpfennig, öffentlich „runtergeputzt“.

Ein Athletenvertreter traute sich, Engelhardt vorzuschlagen. Der nahm die Gelegenheit wahr, wegen „erschreckender“ Erfahrungen mit Hörmann für Respekt und Fairness im höchsten Amt des deutschen Sports zu plädieren. Er erhielt rund 60 Stimmen, Hörmann gewann die Wahl mit großer Mehrheit. Das angeführte Motiv der jüngsten Kläger, anonym bleiben zu wollen, ist vergleichbar mit den Sorgen der Verbände 2018: Die Kläger von 2021 schreiben, sie haben „Angst, bei der Nennung unserer Namen mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen, vielleicht sogar unsere Arbeitsstelle zu verlieren“.

Über Sanktionen entscheidet das Präsidium

Die Selbstdarstellung der Kommission ist nicht geeignet, diese Befürchtung auszuräumen. Sie habe „ihre wesentliche Rolle in der Beratung des DOSB-Präsidiums und -Vorstandes“ heißt es im ersten Satz, mit dem das Gremium sich auf der Website des DOSB vorstellt. In der Verfahrensordnung ist festgelegt, dass die Kommission zwar feststelle, ob Verstöße vorliegen oder nicht, Ergebnis und Handlungsempfehlung aber allein den Betroffenen und dem Präsidium mitteilt.

Über Sanktionen entscheidet das Präsidium – just also die Versammlung, die am Freitag Hörmann „das uneingeschränkte Vertrauen und unsere vollumfängliche Unterstützung“ ausgesprochen hat. Die Namen, die unter dieser Ehrenerklärung standen, sind verschwunden, seit Athletenvertreter Jonathan Koch bekannt gab, dass er ihr nicht zugestimmt, sondern sich enthalten hatte.

Am Dienstag schienen auch die Spitzenverbände der DOSB-Führung eine „respektvolle Zusammenarbeit“ zu bescheinigen. Denn für wen spricht deren mit vier Personen besetzte Sprechergruppe, wenn nicht für diese 66 Verbände? Das Schreiben der Sprecher vom 11. Mai war allerdings nicht mit diesen im einzelnen abgestimmt, wie die F.A.Z. auf Nachfrage erfuhr. „Wir sind demokratisch von den Verbänden gewählt“, sagte Ingo Weiss als erster Sprecher der Fachverbände, „wir wurden aufgefordert, uns zu äußern.“ Weiss bat in seinem Anschreiben an die Verbände, „unsere Stellungnahme positiv zur Kenntnis zu nehmen“.

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Darin zeigen sich die Wortführer „besorgt über die Hinweise auf Konflikte im Haus des DOSB“ sowie über „die einhergehende öffentliche Diskussion“. Von Sorge über die Berechtigung der Vorwürfe ist nicht die Rede. Allerdings steigerte sich die Anerkennung des anonymen Briefes als authentische Klage von Mitarbeitern binnen weniger Tage von „angeblich“ (Präsidium) über „vermutlich“ (Vorstand) bis zu „offenbar“ im Sprecherbrief. Darin wird auf Zusammenhalt gesetzt. Das hatte Hörmann während der Sitzung mit den Landessportbünden ähnlich formuliert: Gemeinsam werde man das durchstehen.

Auch das Sprechergremium der Spitzenverbände hält die Ethikkommission für unabhängig geeignet für „Aufklärung und Bewertung“. Dass es in dem Brief die Mitarbeit „seitens der Spitzenverbände“ bei der Aufklärung anbietet, erweckt den Eindruck, dass Weiss und Kollegen tun, wofür sie gewählt wurden: Sie sprechen für die Verbände. In diesem Fall nach einer Beratung im Kreis von zehn Teilnehmern recht unabhängig. Zwei Verbände erklärten spontan, zu einer Stellungnahme nie gefragt worden zu seien.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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