Alfons Hörmann

Ein vernichtendes Zeugnis

EIN KOMMENTAR Von Michael Reinsch
08.06.2021
, 19:06
DOSB-Präsident Alfons Hörmann
IOC-Präsident Thomas Bach wusste schon vor drei Wochen, dass Alfons Hörmann jetzt gehen sollte. Der DOSB-Präsident ist ein Mann von gestern. Einerlei, ob er zurücktritt oder bleibt.

Jeder andere würde zurücktreten, würde ihm so ein Zeugnis ausgestellt. Dringend müsse das Verhältnis zu Mitgliedsverbänden, Partnern und Förderern verbessert, an Klima und Akzeptanz gearbeitet sowie der Führungsstil verändert werden. In seiner Organisation herrschten Selbstbespiegelung, Demotivation und Gerüchte, Unzufriedenheit und Unklarheiten. So könne es nicht weitergehen.

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Thomas de Maizière hat als Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Arbeit und Stil des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann drastisch beschrieben. Als er noch Bundesinnenminister und für die Spitzensportförderung des Bundes zuständig war, behauptete Hörmann, zwischen sie beide passe kein Blatt Papier. Das dürfte sich geändert haben. De Maizière, von Hörmann selbst für das Amt vorgeschlagen, musste sich mit Vorwürfen befassen, die Mitarbeiter aus der Verbandszentrale anonym gegen den Chef des Hauses erhoben.

Der Bericht ist vernichtend und scheint sofortige Konsequenzen notwendig zu machen. Die Empfehlung de Maizières, durch vorgezogene Neuwahlen die Vertrauensfrage zu stellen, wirkt nur wie Zeitgewinn. Strebte Hörmann an, das halbe Jahr bis zur Vollversammlung im Dezember auszusitzen und auch die Reise zu den Olympischen Spielen in Tokio noch anzutreten, für die er sich als Delegationsleiter nominiert hat, bräuchte er ein sehr dickes Fell.

De Maizière haut schließlich in dieselbe Kerbe wie Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Vorgänger Hörmanns. Im Mai schrieb Bach dem DOSB, er sei in Sorge, da dessen internationales Ansehen gesunken sei. Die Konsequenzen der Aufklärung, die nun de Maizière geleistet hat, sollten zügig gezogen werden, am besten noch vor den Olympischen Spielen. Der schlaue Bach: Er riet schon vor drei Wochen, dass Hörmann nun gehen solle.

Wie er sich auch entscheiden mag: Seit Montag ist Hörmann ein Mann von gestern. Der DOSB muss, wie auch der Deutsche Fußball-Bund, eine Persönlichkeit finden, die nach außen den Sport vertritt und innen den Laden reformiert.

Nichts von dem, was de Maizière zusammengetragen hat, überrascht. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Triathlon-Präsident Martin Engelhardt die Vollversammlung des DOSB aufforderte, destruktive Auseinandersetzungen zu beenden und stattdessen Vertrauen, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Er bekam, erster und einziger Gegenkandidat der Ära Hörmann, 61 Stimmen. 389 der Verbands- und Landesfürsten votierten für den grimmigen Amtsinhaber.

Ihnen schien es stets einerlei, wer an der Spitze des zahnlosen Dachverbandes steht, solange er beim Finanzier, der Bundesregierung, als Sesam-öffne-dich wirkte. CSU-Mitglied Hörmann stand lange in der Gunst der Innenminister de Maizière und Seehofer und steigerte die Spitzensportförderung auf den Rekordwert von knapp 300 Millionen Euro. Die Fachverbände waren‘s zufrieden. Für den Neubeginn des Sports nach der Pandemie stehen sie mit leeren Händen da. Einerlei, ob Hörmann geht oder bleibt.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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