Nach offenem Brief an DESG

Einschüchterungen vom Präsidenten

Von Stefanie Sippel
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 20:31
Turbulenzen auf dem Eis: Wie geht es mit dem Verband weiter?
Weil ihr Trainer entlassen wird, wehren sich vier Eisschnellläufer. Das Präsidium wertet ihre Aussagen als verbandsschädigend. Offen kommuniziert wird mit den Athleten aber nicht.

Sie erfuhren es im Oktober, als sie sich wie immer nach dem Training dehnten. Da sagte Danny Leger seinen Athleten, dass er wohl nicht länger ihr Trainer sein würde. „In dem Moment haben wir alle gesagt: Uff, das würde für uns ein Loch bedeuten“, sagt Jeremias Marx am Telefon. Der Eisschnellläufer ist einer von vieren, die am Montag in einem offenen Brief das Aus ihres Coaches hinterfragten. Bis Ende des Jahres arbeitete Leger als Bundestrainer Sprint für die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG).

Der WM-Achte Joel Dufter sowie Hendrik Dombek, Stefan Emele und Marx haben sich zusammengeschlossen, um zu sagen, was viele Sportler sich nicht zu sagen trauen. In einem offenen Brief kritisieren sie vor allem die mangelnde, quasi nicht vorhandene Kommunikation der DESG – und damit auch deren Präsidenten Matthias Große. Der Berliner ist durch seine Verbindung mit Claudia Pechstein zum Eisschnelllauf gekommen.

Keine Antworten von der DESG

Von Sportlern, Mitarbeitern und ehemaligen Mitarbeitern ist zu hören: Nach außen präsentiere sich der Verband als offen, innen sehe es jedoch ganz anders aus. Athletensprecher Moritz Geisreiter etwa wird vom Verband offen verunglimpft. „Niemand muss, wenn er mit uns spricht, irgendetwas befürchten“, sagte Große in einer Bilanz des ersten halben Jahres seiner Präsidentschaft. „Diese Mär, die ab und zu vom Athletensprecher eingeführt wird, ist etwas, das wir mit großem, großem Unbehagen hören.“

Auf Anfragen und Nachrichten bekämen sie keine Antworten, berichten mehrere ehemalige Trainer. Das erlebte auch das Sprint-Team, das am 15. Dezember die DESG per Mail um ein Gespräch bat. Am 21. Dezember ließen sie eine zweite, ausführlichere Mail folgen, in der sie ihr Anliegen erklärten: „Der Grund, warum wir uns nun direkt an Sie wenden, ist, dass wir alle unsere sportliche Zukunft stark gefährdet sehen. Uns wurde kein Konzept des Verbandes gezeigt, in dem wir ab dem 01.01.2021 trainieren werden. Fraglich ist zudem, wer unser Trainer sein wird.“ Die Mail ging auch an die Bundeswehr, den Arbeitgeber der vier Sportsoldaten, die sofort antwortete und dabei den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Kenntnis setzte. Dieser habe nicht reagiert, sagt Hendrik Dombek.

Was für einen Plan verfolgt Große?

Mitte Dezember beklagte Athletensprecher Geisreiter, dass viele Athleten verunsichert seien, aber sich nicht trauten, öffentlich zu sprechen. Irgendwer müsse den Anfang machen, etwas zu bewegen, sagt nun Marx. Und da sei die Hoffnung gewesen: Vielleicht geht es doch noch mit „Danny“ bis zu Olympia. Bis dahin ist es nicht mehr lang. Eine Trainer-Umstellung so kurz vor den Olympischen Spielen sei zumindest ungewöhnlich. Viele fragen sich: Was für einen Plan verfolgt Große? Er selbst spricht immer wieder von einer harten „Umstrukturierung“ des Verbands. Legers Fall ist kein Einzelfall. Auf der Website der DESG sind neun Stellen ausgeschrieben – viele Verträge der Trainer wurden nicht verlängert, als sie zum Ende des Jahres ausliefen. Am Mittwoch erklärte auch noch Schatzmeisterin Marina Wunderlich ihren Rücktritt.

Wie wirken sich Turbulenzen und Unsicherheit auf die Athleten aus? „Jeder Trainer hat eine andere Taktik, Fingerspitzengefühl und baut einen mental auf. Eine Person, zu der ich Vertrauen habe, fällt jetzt weg“, sagt Stefan Emele. Jeder Trainer habe eine andere Philosophie, ein anderes Gefühl für die Technik, die im Eisschnelllauf so wichtig sei, sagt Marx. „Das Wichtigste ist, dass wir in den Wettkämpfen fokussiert sind und uns nicht durch den Kopf schwirrt: Wie geht es mit dem Verband weiter? Wie sieht meine sportliche Zukunft aus?“, sagt Emele. „Ich stand drei Wochen vor meinem wichtigsten Wettkampf, der EM an diesem Wochenende, und hätte keinen Trainingsplan gehabt, wenn Danny nicht noch mal eingesprungen wäre“, sagt Dombek.

Aus Athleten- und Trainerkreisen ist zu hören, dass gerade das nicht zähle, was für den Sport am wichtigsten ist: wie es den Athleten geht. Dombek wurde zugetragen, dass „das, was du unterschrieben hast, nicht gut ankommt“. Teamchef Helge Jasch ließ die Athleten am Mittwoch wissen, dass das Präsidium ihre Aussagen als verbandsschädigend werte; sie hätten mit Konsequenzen zu rechnen. „Mit uns wurde auch jetzt nicht richtig gesprochen“, sagt Dombek. „Kritik wird ignoriert.“ Vielleicht könnte es eine Spitze des Verbandes geben, befürchtet er, wenn es um die Nominierungen gehe – hoffentlich nicht vor Olympia.

Große sagte am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur: „Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Fußballprofis in der Bundesliga in derartiger Form schon mal öffentlich darüber beschwert hätten, als ihnen ein Trainer weggenommen wurde.“ Fußballtrainer werden zumeist entlassen, wenn ihre Mannschaft eine schlechte Leistung zeigt. Ein ehemaliger Trainer berichtet jedoch, dass der Präsident ihm gesagt habe, es gebe bei ihm keine fachlichen Gründe für die Entlassung. Die Leistung der Sportler war nicht schlecht. Das gilt auch für das Sprint-Team um Danny Leger; sie alle erzählen, dass sie sich durch das Training deutlich verbessern konnten.

Am Telefon wollte Matthias Große sich gegenüber der F.A.Z. nicht ausführlich äußern und verwies auf einen späteren Zeitpunkt. „Das Präsidium wird adäquat der Satzung reagieren“, sagte er lediglich. „Diese Art und Weise wird Konsequenzen haben.“ Die Sportler, sagt Dombek, verstünden dies als Einschüchterungsversuch. Am 22. Januar soll ihr neuer Trainer vorgestellt werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sippel, Stefanie
Stefanie Sippel
Volontärin.
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